A Quiet Place – Kritik

In seiner rohen Essenz ist das Kino als Kunstform ein ausschließlich visuelles Medium. Als der narrative Film in seinen Anfängen war, unterschied ihn gerade das vom etablierteren Theater. Während dort der Blick des Publikums starr nach vorne auf eine unbewegliche Bühne gerichtet ist, in der Darsteller und Kulisse operieren, ist beim Film das Auge des Zuschauers lenkbar. Die Montagetechnik erlaubt es dem Regisseur, den Fokus ganz eigenmächtig zu bestimmen. So können komplexe Emotionen ganz ohne Ton über das reine Filmhandwerk erzeugt werden. „A Quiet Place“ von John Krasinski kann mit diesem Gedanken im Hinterkopf glatt als Rückkehr zu den Ursprüngen des Mediums gesehen werden. Der Thriller bemächtigt sich eines gar avantgardistischen Tons: Die meiste Zeit herrscht Stille. Popcorn- und Nacho-Konsumenten müssen hier leider draußen bleiben.

Das Konzept ist denkbar einfach und funktioniert ohne große Erklärungen: In einer dystopischen Welt haben blinde außerirdische Wesen weite Teile der menschlichen Zivilisation ausgelöscht. Die übrigen Überlebenden müssen nur auf eine Sache achten, um nicht ebenfalls blitzschnell von den überdimensionalen Wesen eliminiert zu werden: Sie dürfen kein Geräusch machen. Die Biester können einen Menschen zwar nicht wittern, reagieren aber allergisch auf jede Form von Ton. Mit dieser Prämisse setzt Krasinski ein Zeichen im allgegenwärtigen akustischen Overkill des modernen Blockbuster-Kinos aus dem Jahre 2018 und erzeugt maximale filmische Immersion durch Reduktion der technischen Mittel. Mit der rein auf die Bildarbeit konzentrierten Komposition knüpft er reizvoll an die Urinstinkte der menschlichen Natur an: Wäre es die normale Reaktion im Augenblick der Gefahr, schlagartig die Flucht zu ergreifen, müssen die Protagonisten hier ihre Reflexe unterdrücken und erstarrt verharren, in der stillen Hoffnung, die Monster mögen einfach an ihnen vorbeiziehen. Das Sounddesign des Films ist schlicht meisterhaft: Jedes noch so kleine Geräusch geht durch Mark und Bein, und einer der größten Schockeffekte ist daher ein Moment, als von einer ruhigen Wanderung zu einem reißenden Bach geschnitten wird. Die Atmosphäre dieser aural leblosen Welt ist ungebrochen und absolut präzise konstruiert. Krasinskis Regie spielt so auch mit dem Zuschauer, der sich selbst dazu ermahnen muss, das Spiel um die Stille mitzuspielen, da jedes Nebengeräusch den Effekt beschädigen würde. Fantastisch, wie leicht man noch im 21. Jahrhundert ohne großen Aufwand das Kinopublikum in das eigene Film-Konzept einbinden kann.

Weshalb „A Quiet Place“ wirklich sehenswert gerät, ist darin begründet, dass Krasinski sein Konzept nicht verwässert, sondern auch inhaltlich durchzieht. Ohne erklärende Elemente wie einen Voice-over-Kommentare oder Rückblenden in die Zeit vor der Alien-Invasion gerät sein World Building nur über die Kamera. In vielen bemerkenswerten Details zeichnet er eine stimmige geräuschlose Umgebung, die einen selbst darüber reflektieren lässt, wie vielen Geräuschen man im Alltag ausgesetzt ist, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Faszinierend fällt das deshalb aus, weil ein Plot als solcher nicht existiert und sich die Erzählung als unglamourös und nicht global entpuppt. Im Mittelpunkt steht lediglich das alltägliche Überleben einer typischen US-amerikanischen Familie, die mit Mann, Frau, Tochter und Sohn auf einer Farm ihr trostloses Dasein fristen, wobei Krasinski und Gattin Emily Blunt gleich selbst die Hauptrollen bekleiden. Eine kluge Entscheidung, denn besonders Blunt ist grandios darin, all ihre Emotionen und charakterlichen Nuancen nur über die Mimik und den spärlichen Einsatz von (untertitelter) Zeichenspache auszudrücken. Besondere Brisanz kriegt diese Familienkonstellation einerseits durch die Schwangerschaft von Blunts Figur wie durch die Tatsache, dass die Tochter des Paares gehörlos ist (gespielt von der tatsächlich gehörlosen Millicent Simmonds). Doch bis auf wenige dramaturgische Zuspitzungen bleibt „A Quiet Place“ erfreulich unprätentiös und versteht sich ganz als verheißungsvoller 90-minütiger Survival-Trip.

Die große Freude, die hier ein Kinobesuch mit sich bringt, ist das Gemeinschaftsempfinden beim gemeinsamen Schweigen, welches dazu zwingt, auf jedes akustische und visuelle Detail genau zu achten. Zum Glück ist das durchaus lohnend, da so einige tolle Ideen beobachtet werden können wie Monopoly-Spielfiguren aus Watte oder essbare Teller, die nicht zerbrechen können und außerdem nicht abgewaschen werden müssen. Natürlich geraten einige Spannungsmomente im letzten Drittel, die eine (in diesem Szenario undenkbare) Klimax suggerieren, etwas plakativer, doch auf Horrorfilm-Effekte wie Jumpscares verzichtet die Regie, da solche das Ambiente nur ad absurdum führen würden. Wenn es zum Knall kommt, dann folgen darauf stets unmittelbare und sehr bittere Konsequenzen. Einzig der Soundtrack von Marco Beltrami darf als extradiegetisches Mittel auch dann tönen, wenn Stille vorherrschend ist und weiß dennoch auch gerade damit gekonnt für Verunsicherung zu sorgen. Im Rahmen der nachdenklichen Ruhe gelingt so eine erfreuliche Annäherung an menschliche Triebe. Besonders deutlich wird das in einem der wenigen Dialoge, als Blunt und Krasinski sich in einem unterirdischen Raum verstecken. Blunt betont, dass die beiden egal was passiert ihre Kinder beschützen müssten. Was wären sie für Eltern, wenn sie das nicht könnten? Die Welt um sie herum mag untergegangen sein, doch in Extremsituationen rückt der Mensch gerade deswegen eng zusammen. Eine angenehm existenzialistische Note, die auch nach dem Ende noch nachhallt.

Fazit: Mit „A Quite Place“ findet John Krasinski den idealen Mittelweg zwischen Genre-Thrill und Experimentalfilm und erreicht eine spannende cineastische Auseinandersetzung mit der Urgewalt des Kinos. Die innovative Idee funktioniert erfreulicherweise ganz ohne breite Erklärungen, ohne sich nur für diese eine Filmerzählung konstruiert anzufühlen. Man ist sich sicher, dass es Erklärungen für die Offenheiten des Filmuniversums gibt, sie können nur dank der tödlichen Kreaturen nicht ausgesprochen werden. Ein gemeinsamer Kinobesuch kann hier angesichts des gemeinsamen Ausgesetztseins rasch zur eigenwilligen Erfahrung werden. Es bleibt, sich mehr solcher kreativen Ideen für das Kino zu wünschen – und abzuwarten, ob „A Quiet Place“ der üblichen Hollywood-Logik folgend zum Franchise aufgebaut und sein Konzept als Saga ausgeschlachtet und verwässert wird. Potenzieller Sequel-Titel: „A Not So Quiet Place Anymore“.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2018 Paramount Pictures