Mai 08 2017

Abgang mit Stil (80%) – Kritik

Es könnte der witzigste und absurdeste Moment des Kinojahres 2017 sein: An einem Mittwochabend sitzen drei Rentner vor der Couch und zappen durchs Fernsehprogramm. Hängen bleiben sie jedoch nicht bei einem alten Western mit John Wayne oder einer Quizsendung, sondern bei der Kuppelshow „The Bachelorette“, in welcher eine junge Frau über mehrere Folgen hinweg eine Anzahl von attraktiven Männern datet und sich schlussendlich per Rosenvergabe für ihren Mister Perfect entscheidet. Glaubt man den drei Herren, so hat sich diese Bachelorette jedenfalls falsch entschieden. Dafür ist immerhin ihr rotes Kleid ganz hübsch. Diese an sich schon skurrile Situation wird für den geneigten Filmexperten jedoch zur Begegnung der etwas anderen Art: Regisseur Zach Braff setzt immerhin nicht mehr und nicht weniger als die drei Oscar-Preisträger und Hollywood-Urgesteine Michael Caine, Alan Arkin und Morgan Freeman auf das Sofa, und präsentiert mit „Abgang mit Stil“ eine unverhofft witzige und packende Caper-Comedy.

Der demographische Wandel hatte in den letzten Jahren schon öfter seine Spuren im Unterhaltungskino hinterlassen: Immer häufiger stellen komödiantische Filme die anarchistische Energie der Rentner-Generation in den Vordergrund, und übertragen den YOLO-Spirit der Post-Millennium-Jugend auf die gealterten Protagonisten. Im Sinne des „fish out of water“-Humorprinzips verhalten sich so die Vertreter des Ü70-Lifestyles als wären sie in ihre pubertären Zeiten zurückversetzt. Diese einfache, aber nicht unbedingt leichte Rezeptur steigert Braff durch seine Besetzung auf ein Maximum und generiert dabei unerwartet spritzige Kinounterhaltung. Den alten Haudegen merkt man sofort an, dass sie sich nicht nur unter einander gut kennen (Freeman und Caine stehen bereits zum sechsten Mal gemeinsam vor der Kamera), sondern auch viel Spaß miteinander am Set gehabt haben müssen, mit so schlafwandlerischer Sicherheit verkörpern die drei ihre filmischen Alter Egos. Gerade Arkin ist als mürrischer Gegenpol zu seinen optimistischen Nebenparts dermaßen er selbst, dass man zahlreiche seiner vergangenen Rollen der letzten Jahre in seinem Spiel wieder zu erkennen glaubt. So ist gerade die erste Hälfte des Films, die aus einer Menge teils urkomischer Situationen zusammengewürfelt ist, vor allem für Fans der 3 Darsteller ein großer Spaß, auch, weil Braff seine Pointen mit absolutem Selbstbewusstsein präsentiert und so selbst daneben gehende Gags noch als charmant gewertet werden.

Natürlich gibt es aber auch eine Handlung, und auch wenn diese nicht neu ist und die großen Vorbilder klar zu benennen wären, so ist sie doch gleichermaßen aktuell wie ernst zunehmen. Da ihnen ihre Bank ihre Rentenzahlung streitig gemacht hat, alle drei möglichst schnell ihr verdientes Geld brauchen und sie ohnehin nicht viel zu verlieren haben (böte doch selbst ein Gefängnisaufenthalt immer noch ein sicheres Bett und drei Mahlzeiten am Tag), beschließen die drei, ihre Bank auszurauben und das überschüssige Geld in bester Robin-Hood-Manier für wohltätige Zwecke zu spenden. Erstaunlich ernst und überlegt, ohne den Spaß aus den Augen zu verlieren, geht Braff mit diesem nicht leichten Thema um und während in einer längeren Passage, in der die drei Räuber wider Willen in einem kleinen Discounter damit trainieren, unbemerkt Zutaten für Cordon bleu zu entwenden, kein Auge trocken bleibt, schimmert auch immer wieder die wichtige Frage und in ihrer hier gefundenen Beantwortung klare Kritik daran durch, inwiefern in Zeiten des Großkapitalismus die Gesellschaft noch ihre Aufgabe erfüllt, sich um die Ältesten unter ihnen zu kümmern. Wenngleich die Vereinfachung des Bankwesens als gewissenloses Kollektiv es sich sehr einfach macht, die Protagonisten zu Aposteln zu stilisieren, so ist in diesem Subtext von „Abgang mit Stil“ doch eine schöne Moral vorzufinden, die mit den gängigen Klischees des Caper-Films gekonnt fusioniert. In der Vorbereitung des Raubüberfalls kann es vor lauter Spielfreude und Humorfrequenz gar zu Szenenapplaus kommen, und es ist schön, dass sich Braff nie darauf beschränkt, eine Sketchshow zu initiieren, sondern mit ruhiger Hand dem Film einen inszenatorischen Stempel aufzudrücken, ob nun mit Split-Screen-Aufnahmen, in warmen Farben präsentierten Großstadtaufnahmen vom Big Apple oder sehr geschwungenen Überblenden, in denen Konzeptzeichnungen langsam zu ihren realen Vorbildern (mit Akteuren darin) verschmelzen.

Hervorragend gelungen ist an „Abgang mit Stil“, dass letzterer, welcher im Titel extra betont wird, stets die Oberhand behält und sich nie dem Infantilismus beugen muss. Sicherlich muss das Verhalten der Protagonisten der humoristischen Idee wegen teils nah an der Schwelle zur Kindlichkeit liegen, und das kurze Ausprobieren von Cannabis in einer Szene gehört da wohl mittlerweile einfach dazu, dennoch verlieren sie nie ihre Haltung als reife, in die Jahre gekommene Männer mit Überzeugung. Und eben jene Überzeugung verhilft dem schelmischen Treiben auf der Leinwand zu seiner Sogwirkung, der Wunsch, als Rentner einmal noch ähnlich rasant und überzeugt auftreten zu können. Hier profitiert das ideenreiche Script, dass nur in den letzten 20 Minuten etwas zu erwartbar verlaufen mag, nicht nur von den versammelten über 250 Jahren Lebenserfahrung der Hauptdarsteller, sondern ebenso von ein paar wunderbar besetzten Nebenrollen, etwa der 60er-Sexikone Ann-Margaret oder einem brüllend komisch agierenden Christopher Lloyd, der zum heimlichen Helden der Erzählung werden würde, wie vom spritzigen Score Rob Simonsen, der an die großen Gaunerkomödien der 70er überdeutliche Anleihen nimmt. So ist Braff stets klug genug, die Klischees des Genres gleichermaßen zu umgehen wie sich zu Nutze zu machen, um den Filmspaß möglichst pointiert zu garantieren.

Fazit: Situationskomik-Experte Zach Braff offeriert mit „Abgang mit Stil“ eine der besten Komödien der jüngeren Zeit und vielleicht das Paradebeispiel dafür, wie eine filmische Zusammenkunft alter Stars auszusehen hat. Das Ergebnis ist bestes Feel-Good-Kino für die ganze Familie, in welchem Hirn und Herz gleichermaßen präsent sind. Neben den antikapitalistischen Denkanstößen begeistert dabei am meisten die ungewöhnliche Lösung des Konflikts, denn ohne zu viel zu verraten: Was wären Rentner doch ohne ihre Enkel? Man kann und sollte den Ältesten manchmal eben auch etwas zurückgeben.

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

verfasst v. Michael H.

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