Alles Geld der Welt – Kritik

Schon vor Kinostart galt der 2017er Biopic-Kinobeitrag „Alles Geld der Welt“ von Regie-Legende Ridley Scott als Skandalfilm. Mit seiner Geschichte hatte das jedoch nichts zu tun. Die Nacherzählung des Entführungsfalls rund um John Paul Getty III. im Jahre 1973, dessen Opa (der damals reichste Mensch der Welt) sich weigerte, die – für ihn – läppische Summe von 17 Millionen Dollar Lösegeld zu zahlen, ist über 40 Jahre später ein typischer Hollywood-Stoff. Der Skandal spielte sich hinter der Kamera ab: Als sich Ende Oktober 2017 Oscar-Preisträger Kevin Spacey Vorwürfen um sexuellen Missbrauch ausgesetzt sah, entschied sich Scott für einen radikalen Schritt. Spacey, der im fertigen Film den Milliardär John Paul Getty spielte, wurde komplett aus dem Werk entfernt und alle seine Szenen in wenigen Wochen mit dem Darsteller Christopher Plummer neugedreht. Ein in den Medien viel diskutierter Entschluss. Der Film geriet da in zahlreichen Besprechungen fast schon in den Hintergrund. Ob das daran liegt, dass er für eine tiefere Auseinandersetzung zu wenig zu bieten hat?

Tatsächlich ist der Parforceritt, den der 80-jährige Ridley Scott und der 88-jährige Christopher Plummer auf sich nahmen, um in nur 9 Tagen alle Szenen mit der ursprünglichen Besetzung Kevin Spacey neuzudrehen, eine logistische Meisterleistung, die jeden Respekt verdient. Das größte Lob, dass man „Alles Geld der Welt“ wohl machen kann, ist, dass sich diese hastige Produktionsweise auf den fertigen Film nicht niederschlägt. Wie aus einem Guss erzählt Scott den Entführungsfall Getty auf drei Ebenen, als die in den Medien geführte Schlammschlacht zwischen Opa Getty und seiner Schwiegertochter, als persönlichen Kampf der Ermittler um das Leben des Jungen und als Geiseldrama aus der Sicht des eigentlichen Opfers. Dabei basiert seine Rekonstruktion der Ereignisse weniger auf der dokumentierten Wirklichkeit, als viel mehr auf dem Roman „Painfully Rich: The Outrageous Fortunes and Misfortunes of the Heirs of J. Paul Getty“ von Autor John Pearson, der den wahren Ereignissen fiktionale Elemente beimengte, um ein finsteres Bild einer korrupierten Familiendynastie dramaturgisch zu verdichten. Jene erfundenen zusätzlichen Charaktere und Ereignisse übernimmt auch Scott, und es versteht sich von selbst, dass der Altmeister kompetent und handwerklich einwandfrei die Suspense-Elemente des Stoffes umzusetzen weiß und den 133 Minuten langen Thriller mit sicherer Hand auf seine Höhepunkte zusteuert.

In seinen besten Momenten funktioniert der Mix aus Charakterdrama und Entführungsthriller vorzüglich. Scott filmt einen Polizeieinsatz in hohem Gras als Lehrstück für intelligenten Spannungsaufbau oder weiß eine Verstümmelungssequenz mit einfachsten Kniffen (ohne viel drastische Gewalt zu zeigen) für den Zuschauer unerträglich werden zu lassen. Die gesetzten Regie-Akzente fügen sich homogen in eine pessimistische Fabel über kapitalistische Gier ein, die in der Person John Paul Getty ihre gigantomanische Entsprechung findet. Plummer spielt diesen Ölmagnaten als eine hässliche Orson Welles Karikatur und weiß in seinen besten Momenten der verbittert, entrückten Gestalt des alten Getty eine interessante Ambivalenz zu verleihen, die ihm das Drehbuch allerdings nicht gewährt. Allzu plakativ wird dieser zum fleischgewordenen Dagobert-Duck-Verschnitt degradiert, der kalkuliert und narzisstisch sein Imperium aufrecht erhält. Besser erwischt es da Michelle Williams und Charlie Plummer, die beide als verzweifelte Mutter oder entführter Teenager genügend emotionales Fundament mit sich herum tragen, um Empathie zu wecken, während Mark Wahlberg als Ex-CIA-Agent im Auftrag der Gettys nicht nur farblos spielt, sondern auch als Figur wenig markant bleibt. In zu vielen Szenen ist gerade seine Rolle zu passiv angelegt und führt den Fokus zu oft vom interessanten Familienkonflikt weg.

So ganz mag es Scott nicht gelingen, die richtige Balance zu finden. Das spannende Zerwürfnis innerhalb der Milliardärsfamilie weiß zu fesseln, muss sich aber stets durch den generischen und faden Entführungsplot unterbrechen lassen, der zu klischeehaft verläuft und daher auch durch die fiktionalen Zuspitzungen kaum interessanter wird. Immerhin versteht Scott es in fast altmodischem Stilbewusstsein, sich nicht hetzen zu lassen. Das Erzähltempo pendelt mit ausreichender Ruhe und verliert sich nie in Hektik, hat damit auch Zeit für ein paar intelligent eingeflochtene Subtexte (etwa, als in einer idyllischen Familienszene der Song „Time of the Seasons“ der Band The Zombies bereits auf das spätere Schicksal des Familienoberhaupts verweist). Insgesamt ist der Suspense in „Alles Geld der Welt“ aber zu oft zu suggestiv akzentuiert, es fehlt an Variationen zwischen plakativen und spekulativen Szenen. Der Soundtrack von Daniel Plemberton spiegelt das interessant wieder: Meist verzichten die Stücke auf klare Melodien, und vermeiden tunlichst jede Form von Melodram. Scott sucht eine andere Ästhetik, die das dolce vita der Superreichen wiedergibt. Trockenheite, Entmenschlichung und berechnende Härte dominieren seine Farbgebung, seinen Erzählfluss, seinen Soundtrack – und das Oberhaupt der Getty-Familie. Die Opernhaftigkeit seiner Inszenierung ist Scott hier oft wichtiger als seine Figuren, erst ganz zum Schluss findet er die richtigen Bilder, die im Ansatz zeigen, dass „Alles Geld der Welt“ ein anderer Film hätte werden müssen, der etwas über Reichtum und seine Auswirkungen auf den Menschen erzählt. Hier bleibt John Paul Getty nur ein wunderlicher Zeitgenosse, über den sich der Zuschauer empören darf, ohne seine eigene Moral ausloten zu müssen.

Fazit: Mit der richtigen Konsequenz und Stringenz hätte „Alles Geld der Welt“ das Zeug gehabt, in einer Zeit der Wegwerf- und Konsumkultur die Zusammenhänge von Geld und Macht bissig zu visualisieren. Doch das Drehbuch des Autoren David Scarpa bleibt zu wage und verquast, Scotts Regie zu sehr an der vordergründigen Ästhetik der Aufnahmen interessiert. Für einen spannenden Thriller reicht das allemal, und Scott ist zu lange im Filmgeschäft, um nicht zumindest den Genre-Standard mit Leichtigkeit zu erfüllen. Die gewünschte Tiefe liegt hier aber höchstens im Spiel von Michelle Williams verborgen, die mit einer subtil-nuancierten Performance das Ruder in den Händen hält. Kurios in diesem Zusammenhang die Enthüllung, dass sie für die Nachdrehs nur eine lächerlich winzige Gage erhielt, während ihr Co-Star Mark Wahlberg fürstlich entlohnt wurde. Ein bitterer Beigeschmack bei einem Film, der sich anschickt, rücksichtslose Profitgier zu dämonisieren.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © TOBIS Film GmbH