Ant-Man and the Wasp – Kritik

Normalerweise gilt für Blockbuster-Fortsetzungen ein simples Prinzip: Alles muss eine Spur größer und eine Spur schneller präsentiert werden, um dem Publikum eine Steigerung zu verkaufen. Für Superheldenfilme heißt das zumeist eines: Wurde der Held im Vorgänger von einem Schurken herausgefordert, müssen nun mindestens zwei gegen ihn antreten – und wer die volle Steigerungsdröhnung will, der stellt dem Helden noch einen Sidekick zur Seite. Einen solchen deutete Regisseur Peyton Reed am Ende seines Marvel-Abenteuers „Ant-Man“ bereits an, als Hope van Dyne, das Love-Interest von Scott Lang, ihren eigenen Anzug erhielt. Doch es ist nicht nur den Schrumpffähigkeiten der beiden Helden zu verantworten, dass sich ihr gemeinsamer Auftritt als „Ant-Man and the Wasp“ eher eine Nummer kleiner als eine Nummer größer anfühlt.

Ursprünglich hätte Regie-Genie Edgar Wright 2015 beim „Ant-Man“-Erstling die Zügel in der Hand halten sollen, doch kreative Differenzen mit Marvel führten zur Übernahme durch Peyton Reed. Dennoch war Wrights DNA bis zum Schluss spürbar, nur die penetrante Eingliederung in das „Marvel Cinematic Universe“ (bestehend aus den Abenteuern von „Iron Man“, den „Guardians of the Galaxy“, „Thor“ etc.) wollte nicht ins Bild passen. Der Nachfolger muss nun auf eigenen Beinen stehen – und Reed wählt für seine Fortsetzung den größtmöglichen Kontrast zum nur drei Monate vorher im Kino gestarteten Marvel-Epos „Avengers: Infinity War“. Stand im Großevent noch das Schicksal des Universums auf dem Spiel, zeigt „Ant-Man and the Wasp“ reduziertes Spektakel. Der Ansatz passt zur Hauptfigur: Scott Lang ist ein verklärter Romantiker und ein verträumter Vater, keine lässig-coole Type. Unweigerlich muss man sich fragen, warum letztlich ganze fünf Drehbuchautoren (u.a. Hauptdarsteller Paul Rudd) benötigt wurden, um den dünnen Plot zu schreiben, bei dem das Trio Scott, Hope und ihr Vater Hank versuchen, ihr Equipment gegen verschiedene Schurkenparteien zurück zu erkämpfen. Die Geschichte ist gar so brav und familiär angelegt, dass die notwendigen Action-Konfrontationen im Mittel- und Schlussteil wie ein Klotz am Bein wirken, nur dazu da, um die Konfliktlösung noch etwas länger zu verschieben und in die Länge zu ziehen.

Den lobenswerten Ansatz, sich vom Gigantismus anderer Marvel-Filme abzusetzen, jedoch mal beiseite geschoben, hat „Ant-Man and the Wasp“ wenig zu bieten, um den Kauf einer Eintrittskarte zu rechtfertigen. Die Geschichte ist gar so tiefenentspannt erzählt, dass keinerlei Spannung aufkommt. Dafür ist die Stimmung zu luftig, das Ambiente zu harmlos und Walton Goggins als grimassierender Schurke, der direkt aus einer 80er Jahre Sitcom importiert sein könnte, kann und soll als Gegenpol gar nicht funktionierend. Reed verzichtet auf eine eigene Note, und integriert eher die auswendig gelernten Marvel-Paradigmen, setzt auf Schnellfeuerdialoge, Querverweise aufs eigene Filmuniversum (wenngleich der eigentliche Filmplot davon unangetastet bleibt) und hat auf Abruf noch eine zweite Schurkin namens Ghost parat, die zwar einerseits durch Wände gehen kann, während andererseits aber der Screentime-Anteil der Darstellerin Hannah John-Kamen zu Gunsten der seichten Familienunterhaltung eher spärlich ausfällt und ihr eigenes persönliches Dilemma binnen weniger Sekunden aufgelöst wird. Eine dramatische Fallhöhe sucht der Plot nicht und nutzt längere Erklärbär-Szenen hauptsächlich als Möglichkeit für den Zuschauer, sich noch einen Eimer Popcorn zu kaufen. Auch die Besetzung ist Opfer der biederen amerikanischen Durchschnittlichkeit. Paul Rudd spielt wie zuvor nur sich selbst, Michael Douglas knurrt sich mürrisch durch den Film, und die Neueinsteiger Laurence Fishburne und Michelle Pfeiffer wirken wie bestellt und nicht abgeholt, während einzig Evangeline Lilly als erste titelgebende Marvel-Heldin „Wasp“ ein wenig Spielfreude und feministisches Engagement in der Männerdomäne des Superheldenkinos zeigt, aber keine echte Chemie mit Rudd auf der Leinwand entwickeln kann.

Die Harmlosigkeit des Films wäre gar kein allzu großes Problem, wenn Peyton Reed wenigstens ein ordentliches Pacing vorzuweisen hätte. Leider jedoch ist gerade das Tempo der einzelnen Sequenzen unausgegoren. Besonders schmerz zudem, dass Reed aus den variierenden Größenverhältnissen seiner Helden optisch nichts herauszuholen weiß. Sowohl der MacGuffin als auch Helden und Widersacher werden auf unterschiedlichste Weise vergrößert, verkleinert oder auseinander gezerrt, doch es misslingt, durch die Kamera ein Gefühl von Plastizität zu verleihen. Zu selten setzt die Regie auf Totalen oder interessante Vogelperspektiven, fast nie verlässt die Kamera ihre Subjektive und bleibt auf Distanz zum Schrumpfvorgang. Hier zeigt sich am allerdeutlichsten das Fehlen von Edgar Wright: Hatte der viele der Actionszenen für den Vorgänger bereits vorgeplant, fallen seine kreativen Ideen für die Fortsetzung weg und nicht selten wirken die irrwitzigen Gefechte, in denen Salzstreuer zu riesigen Waffen gemacht werden, wie ein platter Abklatsch des ersten Teils. Gerade eine eigenständige Visualisierung des Größer- und Kleinerwerdens hätte den ordentlich getricksten Autoverfolgungsjagden einen interessanten Kniff verliehen, und das Spiel mit Waschen und Verkleinern reizvoll werden lassen können. Erst ein später Ausflug ins Surreale weiß optisch zu begeistern und weckt mit seiner leicht trashigen Attitüde Erinnerung an alte Sci-Fi-Serials. Etwas mehr hiervon hätte gut getan, „Ant-Man and the Wasp“ als das immerhin 20. Abenteuer aus dem Marvel-Universum zu etwas besonderem werden zu lassen.

FAZIT: Bescheidenheit war bislang sicher keine Marvel-Stärke. Für einen entspannten Kinoausflug mit der Familie mag „Ant-Man and the Wasp“ daher deutlich geeigneter sein als viele seiner Vorgänger. Das ändert allerdings wenig daran, dass die deutlich zu lang geratene Veranstaltung für Comic-Nerds ihr eigentliches Ziel verfehlt: Statt dem Biedermeier, dem Jedermann (in Gestalt von Scott Lang) ein ironisches Heldendenkmal zu setzen, verendet die Dramaturgie in Baukasten-Schemata und seichter Belanglosigkeit. Für den Moment mag das reichen und ist gerade so kurzweilig genug, auf lange Sicht gesehen fehlt den kleinen Helden aber doch das große Alleinstellungsmerkmal, sodass sich der Film nach dem Abspann ähnlich wie Schurkin Ghost ins Nichts auflöst.

verfasst v. Michael Hille

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