Sep 14 2017

Atomic Blonde – Kritik

„Mr. Gorbachev, tear down this wall!“, ward grad gesprochen, da informiert der bunt beschmierte Bildschirm, dass dies eine andere Geschichte sei. Regisseur David Leitch blickt mit „Atomic Blonde“ von 2017 zwar auf das Berlin im November des Jahres 1989 zurück, doch sein Blick gleitet am bekannten historischen Zeitgeschehen vorbei. Irgendwo in einer Gasse wird plötzlich ein Mann von einem Auto mehrmals brutal gegen einen anderen Wagen gerammt, bis auch der letzte Knochen in seinem Körper zermalmt ist. Dann ein harter Cut. Eine bildschöne Blondine steigt mit ihrem von Blutergüssen übersäten Körper aus der eisgekühlten Badewanne. Im Hintergrund läuft „Cat People“ von David Bowie. Die Frau ist MI6-Agentin, und nun dazu genötigt, in einem Verhör ihre Berlin-Mission der letzten Tage zu rekonstruieren. Damit wären alle Ingredienzien für die folgenden zwei Stunden etabliert: Gewalt, Stil und Synthie-Pop.

„Atomic Blonde“ basiert eigentlich auf der Graphic Novel „The Coldest City“, hat für die Schwarzweiß-schraffierte Optik seiner Vorlage jedoch kaum etwas übrig. Eher präsentiert er sich in luxuriösen Edelstahl-Farben, grell, unterkühlt, exzentrisch. Leitch erzählt seine Spionage-Handlung von der Agentin Lorraine, die in Berlin eine Liste aufspüren muss, hinter der neben den Engländern auch die Amerikaner, Franzosen, Russen und natürlich die Stasi her sind, mit unbedingtem Stilwillen und einer filmisch exakten Nachahmung der New Wave Ära. Berlin erstrahlt in überästhetisiert kühlen Grau und Violett Tönen, und erschafft so mit der schlagkräftig schweigsamen Protagonistin und dem düsteren Agentenplot, in dem jeder jeden zu täuschen gedenkt, den kinematografisch getakteten Film Neon Noir. Atmosphärisch unglaublich dicht entfaltet sich das Script von Kurt Johnstad als verwinkelte Erzählstruktur, die einerseits eine Verbindung der druckvollen Nahkampf-Actionszenen sein soll, andererseits aber mit einem eigenen Sujet aufwartet und in ihrer undurchsichtigen Art zu fesseln weiß. Gerade Protagonistin Lorraine bleibt ebenfalls undurchschaubar, ihre Gedanken und Motive uneinsichtig, ihre Funktion als subjektive Erzählerin der Rückblenden-Handlung gar anzweifelbar, was sich in Folge in einer Vielzahl an (Ver-)Wirrungen immer wieder von neuem entlädt. Die beständig eingeworfenen historischen Aufnahmen vom Mauerfall („Hasselhoff is in town“) bieten den argumentativen Hintergrund für die existentialistischen Dialogzeilen rund um Verrat und Loyalität, geben aber auch die Chronologie der Entmythologisierung der Akteure vor. Je näher der Fall der Mauer kommt, umso näher kommt auch der Fall der Masken, welche die Charaktere tragen.

Doch bei „Atomic Blonde“ ist der Stil zu jedwedem Zeitpunkt der Taktgeber, und nirgendwo wird das deutlicher als bei der Songauswahl. Wave-Hörer der 80er erleben eine Vielzahl an nostalgischen Momenten, wenn „Blue Monday“ von New Order, „Fight The Power“ von Public Enemy, „Under Pressure“ von Bowie und Queen, „London Calling“ von The Clash oder „Behind The Wheel“ von Depeche Mode ertönen und der Film sich ganz ihrem jeweiligen Takt unterordnet. Auch die zeitgemäße Neue Deutsche Welle wird zitiert, ob Nenas „99 Luftballons“ einen blutig-tödlichen Twist erhält oder „Major Tom“ von Peter Schilling mit ungeahnter soundtechnischer Tiefe daherkommt, die Leinwand scheint sich stets pulsierend der Musik hinzugeben und geht in Wirkung und Ausstrahlung eine beinahe hypnotische audiovisuelle Symbiose ein, die alleine schon verlockend genug ist, sich der Comic-Strip-artigen Inszenierung voll und ganz hinzugeben. Wem das nicht reicht, der bekommt mit Charlize Theron in der Hauptrolle eine atemberaubende Performance geboten, die voller Körperlichkeit und gefährlicher Sinnlichkeit ist. Theron ist so gut, dass sie stets in nur kurzen Momenten die emotionalen Abgründe ihrer Figur bloß anzudeuten braucht, um ehrfürchtiges Staunen eimzuheimsen. Neben ihr wirken ihre Co-Stars Toby Jones, James Faulkner, Eddie Marsan oder John Goodman wie pure Staffage, einzig James McAvoy als diabolischer Verbindungsmann und Sofia Boutella als naive Bettgespielin können neben ihr bestehen. Speziell für deutsche Kinobesucher aber dürfte ein Kurzauftritt Til Schweigers als Uhrenmacher gewaltiges Kultpotenzial besitzen.

Theron ist sogar so gut, dass sie nicht nur glaubhaft auf der Leinwand Zigaretten qualmt, Vodka schlürft, Frauen vernascht und Geheimnisse aufdeckt, sondern auch in den explosiv-energetischen Nahkämpfen hinreißend ausschaut, trotz der Brutalitäten. Unter Leitch bekommt Brutalität glatt eine neue Bedeutung. Seine wenigen, aber wahnsinnig effektiven Kämpfe und Verfolgungsjagden heben sich auch filmisch vom restlichen Geschehen ab. Der Soundtrack verstummt und der sonst dominierende Pulp-Ästhetizismus weicht fast schon dokumentarisch gestalteten Nahaufnahmen und poetischen Plansequenzen, in denen die staatlichen Auftragsmörder sich mit allerlei tödlichen Accessoires, vom Lampenschirm bis zum Stiletto, blutig bearbeiten. Am eindrucksvollsten gerät eine 10 minütige Kamerafahrt durch ein Betongebäude, in welchem Theron und mehrere KGB-Schergen sich in drastisch gewalttätiger Härte gegenseitig zu Klumpen verarbeiten, ehe sie mit ihren entstellten, geschundenen Körpern weniger gegen ihren Feind und nur mehr gegen die Schwerkraft und Erschöpfung ankämpfen. In dieser Hinsicht wartet Leitch mit dem einvernehmendsten Zweikampf auf, den das Actionkino seit Jahren gesehen hat. Gerade diese Unvermitteltheit, die ruckartig einsetzende Plastizität, gibt den Actionszenen eine unerwartete Dynamik, die für das Genre langfristig eine waschechte stilistische Bereicherung sein könnte und verleiht „Atomic Blonde“ eine unverwechselbare cineastische Identität.

Fazit: Zwei Zähne unter anderem sollen Theron die Stuntarbeiten für den furiosen Actionfilm gekostet haben. „Atomic Blonde“ ist ihr Film, eine One Woman Show in exzessiver 80er Neon Optik mit Kalter Kriegs Atmosphäre, unterlegt mit Wave Music und Synthie-Pop. „Atomic Blonde“ ist zudem grandiose Action-Kunst und darin derzeit konkurrenzlos, spätestens wenn Lorraine und ihr Gegner als Silhouetten vor der Leinwand eines Andrei Tarkowsky Films kämpfen, stehen alle Münder im Kinosaal offen. Und „Atomic Blonde“ ist bei aller Optik und Gestus auch ein Film über Berlin und seinen Spirit, seine Quintessenz. Wie sang schon so schön einst Ideal? „Musik ist heiß, das Neonlicht strahlt. Irgendjemand hat mir ’nen Gin bezahlt, die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene, ich fühl‘ mich gut, ich steh‘ auf Berlin!“

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2017 Universal Pictures International All Rights Reserved

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