Avengers: Infinity War – Kritik

Ganz stolz formen das „I“ und das „O“ in „Marvel Studios“ eine eingefärbte 10. Zehn Jahre ist es her, seit Filmstar Robert Downey Jr. 2008 in „Iron Man“ einen sensationellen Hit landete. Nur wenige wussten damals, dass man bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben sollte. Dort folgte nämlich eine Szene, in der Samuel L. Jackson als Nick Fury jenen Iron Man darum bat, der „Avengers-Initiative“ beizutreten. Zehn Jahre später ist das mit diesem Film gestartete „Marvel Cinematic Universe“ eine feste Größe im Blockbuster-Kino, Marvel eine Instanz bei Kritik und Publikum. Helden wie „Thor“, „Captain America“ oder die „Guardians of the Galaxy“ kennt jedes Kind. Das Konzept dieses Filmuniversums: Eine Gruppe von Helden rettet in seperaten Einzelabenteuern die Welt, vereint sich jedoch alle paar Jahre zum großen „Avengers“-Crossover. In „Infinity War“, dem dritten und größten aller Helden-Crossover, steht nicht nur die Welt, sondern das ganze Universum auf dem Spiel. Der feuchte Traum eines jeden Comic-Nerds.

Die Planung und Weitsichtigkeit des Produzenten Kevin Feige findet in „Infinity War“ ihren gigantomanischen Höhepunkt. Das große Finale des Marvel-Universums führt über 50 Charaktere aus den vorherigen Filmen zusammen, und vereint viele der kreativen Köpfe dahinter. Die Russo-Brüder, die bislang „Captain America“ betreuten, nehmen auf dem Regie-Stuhl Platz, doch auch Jon Favreau („Iron Man“), Taika Waititi („Thor“) oder James Gunn („Guardians of the Galaxy“) waren hinter den Kulissen am Bord, um das Unmögliche zu bewältigen: Die vielen unterschiedlichen Tonalitäten der Einzelabenteuer zu vereinen. Selbst Nicht-Fans müssen da den Hut ziehen: Marvel gelingt es grandios, schlüssig den gesamten Film-Kosmos in Einklang zu bringen, ohne ihr Publikum zu verlieren. Das liegt auch daran, dass der Fixpunkt der die Einzelelemente zusammenbringt, hervorragend funktioniert: Seit „Thor“ 2011 hat Marvel über die Filme verteilt die Infinity-Steine etabliert: 6 extraterristische Artefakte, die zusammengeführt ihrem Träger unendliche Macht verleihen. Und dieser Träger bekommt endlich seinen großen Auftritt: Josh Brolin gibt sich als Weltraumschurke Thanos die Ehre und erfüllt sämtliche Erwartungshaltungen. Die bedrohliche Aura, die ihn umgibt, die brutalen Konsequenzen, die seine Auftritte mit sich ziehen, sorgen für einen mächtigen Kloß im Hals. „Infinity War“ meint seinen Titel durchaus ernst: Um die Helden darf erstmals gebangt werden. Die Avengers bluten, versagen und sterben.

Zum ersten Mal fühlt es sich bei Marvel wirklich so an, dass für die Charaktere etwas auf dem Spiel steht. Durften in den früheren Crossovern nur Nebenfiguren ableben und enttäuschte gerade der ebenfalls von den Russos inszenierte „The First Avenger: Civil War“ durch halbgare Konflikte, traut sich Marvel hier echte Konsequenzen für das Filmuniversum, die in ein hartes und überraschendes Ende kulminieren. Doch auch wer wenig mit dem Cinematic Universe vertraut ist, kann hier seinen Spaß haben: Die Schauspielriege alleine ist sagenhaft (zu den Dauergästen Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Scarlett Johansson, Gwyneth Paltrow, Benedict Cumberbatch, Chris Evans, Tom Holland, Tom Hiddleston, Don Cheadle, Chris Pratt gesellt sich noch u.a. Peter Dinklage dazu) und auch ganz ohne alle Verbindungen zu verstehen kommt das epische Gefühl beim Zuschauer an, hier Teil von etwas ganz großem zu sein. Erfreulich ist, dass der Film trotz aller Fülle an Plot den Humor nicht zu kurz kommen lässt und es viel zu lachen gibt. Über das Handwerk, das ist dem Filmfan klar, muss beim „Infinity War“ nicht mehr gesprochen werden. Die Effekte sind brillant und State-of-the-Art, das Sounddesign absolute Spitze und Alan Silvestri schmettert einen Score los, der kongenial alle Helden auch musikalisch zusammenführt. Clever vom Plot, den Film auf vier Storybögen aufzuteilen, und somit die riesige Heldentruppe zu splitten. So besteht genug Übersichtlichkeit, um in der Masse an Action und Dialogen nicht unterzugehen.

Natürlich kann so ein Crossover nicht unter normalen filmischen Gesichtspunkten bewertet werden. Insgesamt erliegt der 149 Minuten lange Film verständlicherweise dem deutlichen Problem, zu viel Bombast und Action zu präsentieren, sodass er in der letzten Stunde regelrecht erschlagend wirkt. Charaktertiefe gibt es kaum, die emotionale Bindung zu den Figuren haben schließlich die Vorgänger-Filme erzeugt. Einzig Schurke Thanos wird tiefer charakterisiert, darf aber nicht allzu viel Raum bekommen, da sonst Platz für die restlichen Figuren fehlen würden. Dass einige der Helden dabei deutlich zu kurz kommen und viele überraschende Wendung bei dem irren Tempo im luftleeren Raum verpufft, ist hier Teil des Konzepts. Wie bei einem Comicbuch von Nerds für Nerds scheinen Kevin Feige und seine Crew ein Best-Of der letzten 10 Jahre abliefern und sich auch ein wenig selbst zu feiern wollen. Es sei ihnen gegönnt. Das „Marvel Cinematic Universe“ ist ein einmaliges filmisches Gesamtkonzept, welches das seriale Erzählen moderner TV-Unterhaltung auf die große Leinwand übertragen hat und „Marvel Studios“ ist zu einer Marke geworden, die unabhängig von Star-Besetzungen oder bekannten Vorlagen die Leute ins Kino zieht. Diese Selbstverständlichkeit für großes Film-Entertainment kam nie eindeutiger zum Vorschein wie im „Infinity War“, der ohne auch nur ansatzweise die astronomischen Erwartungen erfüllen zu können, unbeirrt sein emotionales Ziel erreicht und seine Fans über die vielen vorhandenen Schwächen problemlos hinweg navigiert. Chapeau!

Fazit: Ein großer Schurke, eine Fülle an Action, eine Flut an tollen Schauspielern und genau so viel Humor wie Dramatik: Was will der Kinogänger mehr? Große Kunst ist „Infinity War“ weislich nicht, dafür ist er zu gefällig, generisch und eindimensional. Dennoch gefällt der Film als der absolute Superlativ an Aufwand und Größe innerhalb seines Genres und verdankt seine wirkenden Höhepunkte einer unfassbaren Vorarbeit von 18 Filmen und über 10 Regisseuren. Ein solches Finale darf dann auch ruhig im Endteil eskalieren, schließlich ist dieses Werk ohnehin mehr ein Teil eines größeren Universums als ein eigener Film. Schade nur, dass die Russos den Schlussstrich trotz einiger Konsequenzen noch nicht durchziehen, sondern die Auflösung aller übrigen Konflikte auf den vierten „Avengers“-Film vertagen, der 2019 erscheinen soll. Fraglich, ob das epische „Abschluss“-Gefühl sich in der Form ein zweites Mal einstellen lässt. Für Marvel dürfte derweil aber das größte Kompliment sein, dass es beim „Infinity War“ längst selbstverständlich ist, bis zum Ende des Abspanns sitzen zu bleiben.

verfasst v. Michael Hille

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