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Sep 13 2017

Barry Seal: Only in America – Kritik

Nicht erst seit Martin Scorsese gibt es im US-amerikanischen Kino eine Faszination für die Jedermanns, Draufgänger aus der gesellschaftlichen Mitte, die mit Charme, Ehrgeiz und etwas krimineller Energie große Reichtümer einheimsen. Ob Frank Abagnale Jr., Henry Hill oder im jüngsten Beispiel: Barry Seal. Sie alle stehen für einen American Way of Life, der nur oberflächlich von moralisch falschem Verhalten korrumpiert ist, in Wahrheit jedoch die Quintessenz dessen darstellt, was kulturell jenseits des großen Teichs schon in Gründungszeiten das Handeln bestimmte. In dieser Hinsicht ist es wohl am erstaunlichsten, dass die wahre Geschichte des Piloten Barry Seal, der in den 1980ern gleichzeitig sowohl für die CIA an verdeckten Operationen in Südamerika teilnahm als auch Drogenschmuggler für das berüchtigte Medellín-Kartell gewesen ist, erst 2017 unter der kompetenten Regie von Doug Liman ihren Weg auf die große Leinwand finden sollte.

Schon das flott gestaltete Intro etabliert den Weg, den „Barry Seal“ in den folgenden 2 Stunden gehen wird: Statt des modernen Logos eröffnet Liman seinen Film mit dem Universal Studios Opening, welches von 1969 bis 1990 verwendet wurde. Die darauf folgenden dokumentarischen Aufnahmen vom Zeitgeschehen werden unterlegt mit einer im Disco-Stil gearteten Coverversion der fünften Beethoven-Sinfonie. Genau so ist dieses Biopic durchgängig gehalten: Bemüht um historische Authenzität, stets farblich wie inszenatorisch nah am Look von Dokumentarfilmen, und in seiner Erzählstruktur klassisch, dabei aber fortwährend mit Pepp und Esprit. Die Vorgeschichte der Iran-Contra-Affäre dient Liman hier als waschechter Sommerfilm, der konsequenterweise in der Titelrolle mit dem ewig jungen Hollywood-Sunnyboy Tom Cruise besetzt wurde. Politische Rekonstruktion und launiges Popcorn-Kino müssen aber kein Widerspruch sein: Mit einem bemerkenswerten Gespür für das richtige Verhältnis aus Zeitgeist-Imitation und leichtfüßiger Zelebrierung der Gewitztheit der Hauptfigur gelingt ein ungemein kurzweiliges Kinovergnügen, dass den historischen Ereignissen durchaus angemessen auf eine Melange aus Bewunderung für Barry Seals Lässigkeit und schockierte Verwunderung über die unglaublichen Zusammenhänge aus ist, derer man hier zuteilwird. Die wahre Geschichte Barry Seals fällt glasklar unter die Kategorie „Plots, die man keinem Drehbuchautoren jemals abkaufen würde“. Anfangs wird der gutgläubige, etwas naive Pilot vom CIA-Mann Schafer, der von Domhnall Gleeson als eine Mischung aus Vegas-Zocker und Mephistopheles angelegt wird, nur beauftragt, kleine Botengänge für sein Land in Mittel- und Südamerika zu erledigen.

Doch die Historie ist bekannt: 1981 unterstützt Präsident Ronald Reagan in Nicaragua die Contras bei der Revolution und dem Sturz ihrer Regierung. Und Seal beginnt schnell zu begreifen: Wenn er dort für die CIA Waffen für die Contras abgeliefert hat, kann er auf dem Rückweg auch noch schnell das Kokain von Pablo Escobar mitnehmen. Was dann nach seinem Umzug mitsamt Frau und Kindern im Gepäck in die Kleinstadt Mena (mit aus Langley gesponsterem eigenem Flugplatz) folgt, ist so skurril komisch, dass ob der Absurditäten einige Lacher im Kinosaal ertönen dürften. Die Contras wollen nicht so recht kämpfen und werden fortan von Uncle Sam in Mena trainiert, Escobar kauft die Hälfte der jeweiligen Waffenlieferungen von Seal für seine Revolution in Kolumbien … und Barry? Der weiß gar nicht mehr, wohin mit seinem vielen Geld und kurze Zeit später steht im mit weniger als 3000 Einwohner sparsam bevölkerten Mena eine Bank an jeder Ecke. Irgendwann beginnen Barry und seine Frau glatt, ihr Geld einfach im Garten zu verbuddeln. Genau hier erweist sich Cruise als Idealbesetzung. Absolut perfekt weiß er mit seinem Spitzbuben-Auftreten das Understatement zu verkörpern, welches seinen Akteur trotz aller kriminellen Machenschaften zum Sympathieträger reifen lässt. Als ihn das FBI und die DEA bei seinen Schmuggelaktionen erwischen, guckt er bedröppelt rein. Warum er eine Szene später von Reagen ins Weiße Haus eingeladen wird, versteht er – wie er aus dem Off mitteilt – selber nicht.

Genau diesen Trumpf spielt Liman immer wieder genüsslich. Eben noch lässt er den Zuschauer in verwackelter Dokumentar-Optik mit der Kamera im Cockpit Teilhaber an Seals Wirken in Südamerika werden und ihn den Reiz am gewagten Risikospiel spüren, um kurz darauf die unschuldige Frohnatur seines Protagonisten herauszustellen. In bunten Bildern und mit flotter Popmusik unterlegt gerät das Hintergehen von Drogenbaronen und US-Präsidenten so zum verfilmten Tagebuch. Den Ost-West-Konflikt stellt man da schon mal als Cartoon dar, in welchem sich Adler und Bär verprügeln, und Jahreszahlen wie Ortsbezeichnungen werden in Großbuchstaben auf die Leinwand gekritzelt. Historisch nimmt es Liman trotz Weitsicht im Bezug auf die Verzahnungen der verschiedenen Parteien nicht immer zu genau und erlaubt sich genug berechtigten Spielraum für künstlerische Freiheiten. Ärgerlich allerdings, dass bei allem Gelächter über die absurden Zusammenhänge die Kritik an der Involvierung des amerikanischen Geheimdienstes (wie der Originaltitel andeutet, ist die sich anbahnende Iran-Contra-Affäre zu großen Teilen „American Made“) oft zu kurz kommt und Liman durchaus in den Verdacht geraten könnte, den historischen Barry Seal mit seiner Charakterzeichnung zu verunglimpfen. Andersrum ist dies jedoch nicht seine Angelegenheit. „Barry Seal“ ist trotz aller inszenatorischen Anleihen kein investigativer Dokumentarfilm, sondern Popcorn-Kino, geschliffenes Thriller-Entertainment der besten Sorte.

Fazit: Tolle Flugszenen, ein schmissiger Soundtrack, knallige Farben, viel 80er-Retro-Charme und ein gesunder Mix aus Humor und Politthriller. Was will man im Kinosommer mehr? Darüber hinaus funktioniert „Barry Seal: Only in America“ aber auch als Realsatire und zeitgeschichtliches Dokument, welches mit seinem durchgehenden Popcorn-Feeling die lässig-entspannte Haltung seines Protagonisten bis zum unvermeidlich bitteren Ende reflektiert. Die durchgehend vermeintlich optimistische Grundhaltung, dass dieser etwas andere American Dream zu einem guten Abschluss kommen wird, destilliert vorbildlich die Tragik von Seals per VHS Kassetten festgehaltener Rückbetrachtung von Reagens Drogenkrieg: Barry hielt sich Zeit seines Lebens für einen Macher, einen Akteur, einen Spieler, der viel zu spät einsehen musste, dass er nur ein Spielball im Wirken der Mächtigen gewesen ist.

Bildnachweis: © 2017 Universal Pictures International All Rights Reserved

verfasst v. Michael H.

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