«

»

Jul 03 2017

Baywatch – Kritik

Wenn man heute einige Zeitgenossen befragt, wer eigentlich in den 90ern vor dem heimischen TV-Apparat der Kultserie „Baywatch“ und ihren damaligen Stars wie David Hasselhoff oder Pamela Anderson zum Erfolg verholfen hat, dann will es heute natürlich keiner gewesen sein. Einig ist man sich im Nachhinein nur über eines: An der überragenden Qualität der Drehbücher oder am effektiven Schauspiel der Akteure hat es eher weniger gelegen. Anderson selbst soll einmal gesagt haben: „Meine Brüste hatten eine glänzende Karriere. Ich bin immer nur hinterher gereist.“ Irgendwo, in diesem unlängst nostalgisch anmutendem Gefüge, in diesem Mix zwischen seichtem Krimi-Geplänkel, jugendlichem Lifestyle und Strandpornografie platziert im Jahre 2017 (und damit stolze 16 Jahre nach dem Ende der Originalserie) Regisseur Seth Gordon seine Neuauflage des Pop-Phänomens, die in einem Wechsel der Strandpromenade von der West- zur Ostküste ihre größte Innovation vorzuweisen hat.

„Baywatch“ präsentiert sich im Kino-Aufguss, als wäre es nie weg gewesen. Mit artifiziellem Kitsch trumpft schon das Intro auf, in dem hinter dem heroisch aus dem Wasser steigenden Hauptdarsteller Dwayne Johnson mit einem lauten „Bamm“ beim Erscheinen der Titel des Films den Horizont bedeckt. Und später wird die blonde Schönheit Kelly Rohrbach ganz im Sinne der Vorlage in Ultra-Zeitlupe und hautengem Badeanzug auf die Kamera zulaufen. Doch in dieser Szene offenbart Gordon früh genug den großen Unterschied, welchen seine Version zu gehen wagt: Die Kommentierung, die Flucht ins Selbstironische. Denn während Rohrbach so ihrer Wege zieht, fragt einer der sie anhimmelnden Typen ganz nebenbei, ob die anderen sie auch in Zeitlupe sehen würden. Anders als die Serie, die ihrerseits ganz eskapistisch darauf ausgelegt war, einen Mikrokosmos zu entwerfen, in dem es völlig alltäglich ist, dass Rettungsschwimmer mit familiärem Pathos kriminalistischen Ermittlungen nachgehen, bricht Gordon die Absurdität der „Baywatch“-Uridee auf, in dem er den Zuschauer zu einem Eindringling in eine solche „Parallelwelt“ werden lässt, der von Darsteller Zac Efron als Greenhorn im Rettungsschwimmer-Kommissariat sogar eine innerweltliche Repräsentation erfährt. Diese fast schon radikale Konzeption macht über weite Strecken des Films einen Großteil seines Spaßes aus. Immer dann, wenn Gordon in visuell exakter Nachahmung der Manierismen der „Baywatch“-Klischees deren Banalität exzessiv zur Schau stellt, lädt dies zum großen Grinsen auf den Gesichtern der Kinozuschauer ein und immer wieder scheint der Film so fast schon wehmütig in Richtung Publikum zu seufzen: „Wisst ihr noch, wie unbeschwert das damals war, in den 90ern?“

In Wahrheit sind die Zeichen der Zeit jedoch auch an „Baywatch“ nicht spurlos vorbei gegangen. Dass ein Film in Nachfolge der Serie heute für seinen Chauvinismus kritisiert werden würde, beantwortet Gordon mit einer Umkehrung der Körperinszenierung: Zwar dürfen sicherlich auch die Frauen in diesem Film attraktiv und reizvoll sein, doch sind es die männlichen Protagonisten Johnson und Efron (die im Rückblick den glatt rasierten Oberkörper Hasselhoff’s eher putzig anmuten lassen), deren Brustumfang die deutlich höhere Beachtung geschenkt wird. In einigen Szenen scheint die Haut über Efron’s purer Brustmuskelmasse gar bis kurz vorm Platzen gespannt. Tatsächlich kristallisiert sich so unter Gordon mehr und mehr heraus, was bei einem Revival von „Baywatch“ zwangsläufig offenbart werden musste: Jene Serie, die einst für ihre sexuelle Freizügigkeit bekannt war, ist schon damals mit der Über-Sexualisierung auf und ab hüpfender Bikini-Busen in Zeitlupe eine eigentlich prüde Veranstaltung gewesen, die heute nur umso konservativer erscheinen muss. Auch der Film zeigt dies klar und deutlich: Wenn der Klischee-Nerd-vom-Dienst Ronnie (sympathisch gespielt von Jon Bass), zuständig für die meisten Vulgärwitze, mit seinem erigierten Penis in einem Lattenrost stecken bleibt oder Efron später das Gemächt eines Verstorbenen angeekelt anheben muss, reagieren die umstehenden Charaktere mit kühler Besonnenheit und ohne größeres Aufsehen. Zur Kontroverse taugen diese „Tabubrüche“ längst nicht mehr. Ein Revival der 90er muss eben zwangsläufig einen definierten Anachronismus in sich bergen, und so ist die stetige atmosphärische Brechung der vorab temporeich etablierten Begebenheiten der zentrale Clou der Erzählung.

Lange Zeit weiß das auf eine angenehm „trashige“ Art und Weise, die eine richtige Lust an Oberflächlichkeiten und Trivialitäten weckt, zu unterhalten. Schwach wird „Baywatch“ immer dann, wenn sich das Drehbuch und der darin verborgene Plot rund um einen Vater-Sohn-haften Konflikt der Baywatch-Kerle und eine von Priyanka Chopra völlig blass gespielte schurkische Club-Besitzerin allzu sehr aufdrängt, und gerade in der zweiten Hälfte der mit beinahe 2 Stunden wohl etwas zu lang bemessenen Laufzeit den Raum einfordert, den selbst eine so funktionale Geschichte nun einmal irgendwann braucht. Hier erweist sich die in den im Abspann gezeigten Outtakes wohl hinter den Kulissen vorhandene Chemie zwischen den Darstellern als auf der Leinwand zu wenig präsent, und Gordon und Co wirklich allzu einfallslos, den stereotypischen Entwicklungen eines Kriminalfilms einen ähnlichen Kniff wie der Rekonstruktion und Destruktion der „Baywatch“-Serienklischees zu verpassen. Im Showdown wird dann gar nur noch die übliche wacklig-hektische Actioninszenierung abgespult, die bei dem knappen Budget von 69 Millionen US-Dollar aber gleichzeitig weider nicht allzu üppig ausfallen darf. Irgendwie konsequent, schließlich war auch die Serie immer dann am schwächeln, wenn zwischen nasser, (fast) nackter Haut, Jugendidealen und Zeitlupen versehentlich einem Dialog gelauscht wurde…

Fazit: Der griechische Philosoph Thales von Milet hat geschrieben: „Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.“ Zweifelsfrei wird die kurzzeitige „Baywatch“-Reanimation bald genauso schnell wieder verschwunden sein, wie sie gekommen ist. Zum eigenen Kult wird sie nicht geraten, dafür haben sich die Sehgewohnheiten doch zu sehr weiter entwickelt – zum Glück, möchte man hinzufügen. Für eine gemütliche Zeitreise in die 90er reicht es dennoch allemal und so sehr schämen wie beim Original muss man sich hier dank schönen Metawitzeleien schon deutlich weniger. Ansonsten ist eben nach wie vor nichts flacher als der Sand am Meer…

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

-> verfasst von Michael H.

Schreibe einen Kommentar