Nov 30 2017

Coco – Lebendiger als das Leben! – Kritik

Seit seinen Anfängen in den 90er Jahren hat das Studio Pixar Pionierarbeit im Bereich des Animationsfilms geleistet. Auch der neuste Streich der Animateure, „Coco“, macht da keine Ausnahme. Doch werden es kaum die erneut bahnbrechenden Erweiterungen des Trickfilm-Repertoires sein, für die man sich an ihn erinnern wird. Viel mehr leisten Regisseur Lee Unkrich und sein Team ein fantastisches Musterbeispiel für detailverliebtes und mitreißendes Storytelling. Und so überrascht es kaum, dass die Story um den mexikanischen Jungen Miguel, der davon träumt, Musiker zu werden, es aber dank seiner Musik ablehnenden Großmutter nicht sein darf, eine der erwachsensten und nachdenklichsten Erzählungen des Kinojahres geworden ist. Und eine der großen Symboliken. Miguel, der erste lateinamerikanische Pixar-Protagonist, geht am Día de los Muertos, dem Tag der Toten, an dem die verstorbenen Vorfahren ihre Nachkommen besuchen dürfen, nämlich den umgekehrten Weg – und landet somit im Reich der Toten.

„Coco“ ist einer der seltenen Filme, nach denen man im Kino aufstehen und applaudieren möchte, es aber nicht könnte, da man noch eine zeitlang damit beschäftigt ist, was man gerade gesehen hat zu verarbeiten. Befürchteten Kritiker noch, Pixar könnte bei der Darstellung der mexikanischen Kultur auf plumpe Klischees setzen, so offenbart „Coco“ gerade nicht den befürchteten amerikanischen Blick auf fremde Traditionen. Respektvoll, aufrichtig und mit höchster Ernsthaftigkeit zeichnet der Film ein Portrait des mexikanischen Alltags, um es dann in größtmöglicher audiovisueller Pracht mit der dem Genre anhaftenden Aberwitzigkeit kollidieren zu lassen. Die Darstellung des Reichs der Toten, welches Miguel über eine gigantische Brücke aus Millionen Blütenblättern erreicht, ist einer der präzisesten Fälle von „World Building“, die das Kino in den letzten Jahren erblicken durfte. Mit entwaffnender Einfachheit etabliert Unkrich eine Welt jenseits unserer physikalischen Relationen, und schafft es vorbildlich, nur über die Bilder zu kommunizieren, wie dieses eigene Universum funktioniert. Das Design der Welt ist schlicht vortrefflich eindrucksvoll. Riesige Türme mit steigender moderner Architektur erstrecken sich bis zur Unendlichkeit in den Himmel (die neuen Toten bauen eben oben auf), Alebrijes (bunte surreale Tiergestalten) im Stile mexikanischer Künstler wie Pedro Linares oder Bertha Cruz bevölkern den Himmel und gewaltige Konzerthallen sind aufgebaut wie Ruhmeshallen der verstorbenen Stars, die in ihnen auftreten.

COCO (Pictured) – Dante ©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved

Um einen eben solchen rankt sich auch die Story. Miguel, frisch und verwirrt im Reich der Toten angekommen, will sein großes musikalisches Vorbild, Ernesto de la Cruz, aufspüren, um mit dessen Hilfe rechtzeitig vor Ablauf des Totentages das Totenreich wieder zu verlassen. Wie immer bei Pixar entfaltet sich nach etablierter Prämisse eine episodisch funktionierende Odyssee, auf der Miguel besonders sein Hund Dante und das Skelett Hector zur Seite stehen. Doch glaubt man anfangs dieses auf den ersten Blick altbekannte Figurentrio zu durchschauen, entlarvt gerade der vermeintliche Comic relief Hector eine ungewohnte Tragik, die mit erschütternder Konsequenz ausgespielt wird. So selbstbewusst Unkrich die einzelnen Episoden (die Miguels Reifeprozess visualisieren) im Totenland ausspielen mag, sei dies nun eine irrwitzige Verfolgungsjagd auf den Rücken der Alebrijes oder eine brillante Sequenz, die den volkstümlichen Surrealismus der Malereien von Frida Kahlo mit Elementen der Epoche der Neuen Sachlichkeit vermischt und parodiert, so ernst nimmt er sich die Thematik vor. „Coco“ ist mehr als ein Film über das Sterben, er ist auch ein Film über das Gestorben sein und über das, was noch von einem bleibt. Der Titelsong „Remember Me“, der von verschiedenen Charakteren jeweils ganz eigenwillig interpretiert wird, spiegelt die Idee textlich wunderbar wieder: „If you close your eyes and let the music play | Keep our love alive, I’ll never fade away“…

COCO (Pictured) – FAMILY BONDS – In Disney•Pixar’s “Coco,” Miguel (voice of Anthony Gonzalez) has a very special relationship with his great-great-grandmother, Mamá Coco (voice of Ana Ofelia Murguía). Directed by Lee Unkrich and co-directed by Adrian Molina, Disney•Pixar’s “Coco,” opens in U.S. theaters on Nov. 22, 2017. ©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Schon Bertolt Brecht wusste: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ Dieser simple Gedanke, in den Erinnerungen der Nachwelt (sei es im Andenken der Familie oder als Prominenter in den Erinnerungen der Fans) weiter zu leben, ist direkt den Traditionen am Día de los Muertos entliehen. Auf der Ofrenda, einer Art rituellen Totenaltar, platzieren die Mexikaner Bilder verstorbener Personen, derer sie gedenken möchten. Ohne diese Fotos bleibt den Toten der auf den Tag begrenzte Zugang zur Welt der Lebenden verwehrt – sie sind vergessen worden. Mit unglaublicher Sensibilität weiß „Coco“ die Angst, vergessen zu werden, zu behandeln und damit die Wichtigkeit familiären Zusammenhalts besser zu betonen, als es vielen Kinderfilmen der letzten Jahre gelungen ist. Zumal dies alles im Rahmen einer actionreichen, turbulenten und wunderbar ausschraffierten dramaturgischen Geschichte stattfindet. Das liegt auch in der Konsequenz der Erzählungen begründet: Tragische bis ungemein düstere Passagen wechseln sich mit heiter vergnüglichen ab, über den Tod darf hier nicht nur gelacht werden, man muss sogar unweigerlich. Der Día de los Muertos ist schließlich kein Trauertag, sondern ein festlicher. Es ist nicht der Verlust, der den Tag prägt, sondern das Gefühl des Zusammenhalts zu seinen Ahnen und den Menschen, die einen nahestehen. Selten sah man eine autochthone Kultur so ernst in einer großen US-Studioproduktion behandelt – und das ist auch 2017 noch lange keine Selbstverständlichkeit.

COCO (Pictured) – IDOL CHATTER – In Disney•Pixar’s “Coco,” aspiring musician Miguel journeys through the Land of the Dead in search of his idol, Ernesto de la Cruz. Miguel meets the popular performer at Ernesto’s annual Día de Muertos party. Featuring Anthony Gonzalez as the voice of Miguel, and Benjamin Bratt as the voice of Ernesto de la Cruz, “Coco” opens in U.S. theaters on Nov. 22, 2017. ©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

FAZIT: Michael Giacchino setzt im Soundtrack auf Quijadas, Jaranas und Guitarróns, die Designs sind mexikanischen Cartoonisten wie Lalo Alcaraz nachempfunden, die Sprecher allesamt mit Mexikanern besetzt. Alle Sorgen waren also unbegründet. Pixar gelingt ein makelloser Animationsgenuss, der die indigenen Bräuche ernst genug nimmt, um sie nicht als Setting zu missbrauchen, sondern am Ende viel mehr auf ein Plädoyer für kulturelle Vielfalt und das Wahren von Traditionen setzt, nicht zuletzt angesichts dessen, dass insbesondere der Tag der Toten im Zuge moderner Richtungen wie Halloween immer stärker als bedroht gilt. Ganz zum Schluss erlaubt es sich der Film dann, auf einer ruhigen, sinnlichen Note zu enden, die das Meisterwerk perfekt macht. Hier werden alle Altersgruppen gleichermaßen berührt wie unterhalten. Eltern, die mit ihren Kindern ins Kino gehen wollen, sollten sich jedoch genau überlegen, wie viel dramatische Intensität sie ihren Sprösslingen zumuten wollen – und wie viele Fragen über Leben und Tod, denen man eigentlich lieber ausweicht, sie hinterher bereit sind, zu beantworten.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © Disney © Disney•Pixar © & ™ Lucasfilm LTD © Marvel

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