Der Hauptmann – Heimkinokritik

An filmischer Aufarbeitung des Nationalsozialismus mangelt es dem deutschen Kino nicht, doch in diese Sparte will „Der Hauptmann“ nicht so recht passen. Mit jenem filmischen Kleinod nimmt sich Regisseur Robert Schwentke eines in den Lichtspielhäusern bislang kaum besprochenen Sujets an und wählt als Protagonisten den Deserteur Willi Herold, der 1945 durch Zufall in Besitz einer Hauptmann-Uniform gelangte. Was folgt ist eine Köpenickiade der besonderen Art, die sich mehr als cineastischer Essay und ästhetische Grenzerfahrung denn als filmischer Geschichtsunterricht verstanden wissen will. In Schwarz-Weiß erzählt Schwentke, wie Herold die Autorität, die ihm die Hauptmann-Uniform verlieh, ausnutzte, um versprengte deutsche Soldaten an sich zu binden und ein unerbittliches Killerkommando zu formen, welches in den zwei Wochen vor Kriegsende entsetzliche Gräueltaten beging.

Obwohl das Narrativ von „Der Hauptmann“ zeitlich chronologisch verläuft, verweigert sich Schwentke von Anfang an einer klassischen Erzähldramaturgie. Wer Herold ist, was ihn zum Deserteur machte und was im Folgenden seine Motivation sein wird, bleibt im Dunkeln. Schwenkte ist nicht an spezifischen Menschen interessiert, sondern an der menschlichen Natur selbst, für die seine Figuren als Platzhalter dienen. Gleich zu Beginn, wenn Herold in seiner frischen Uniform zum ersten Mal einem anderen Soldaten begegnet und dieser sich ihm schlagartig blind unterordnet, gelingt ihm eine brillant einfache Analogie zum Faschismus, in dessen Herzen sein psychologisch präzises Werk mit jeder Minute tiefer vordringt. Die Odyssee in die Untiefen faschistischer Mechanismen gerät ihm gerade deshalb so eindrucksvoll, weil sie seitens der Regie nahezu völlig unkommentiert bleiben. „Der Hauptmann“ lässt als künstlerisches Werk keine eigene Betrachtung seiner filminternen Geschehnisse erkennen, im Gegenteil: Eine zynische, kritische oder überhaupt subjektive Perspektive bleibt außenvor. Die famose Kameraarbeit von Florian Ballhaus verliert sich in totaler Nüchternheit. Nicht selten verwendet er die Gott-Perspektive, bei der die Kamera von weit oben auf das Geschehen blickt. Auch die Entscheidung, in Schwarz-Weiß zu filmen sorgt für zusätzliche Abstrahierung des Geschehens. Jede Handlung im Film wirkt stilisiert, überhöht, bringt aber dadurch die Hässlichkeit der Aktionen umso deutlicher zum Vorschein.

Dieser Kontrast zwischen betonter Objektivität und extrem künstlerischer Umsetzung sorgt für einen bemerkenswert verstörenden Sog, der seine Eskalationsstufen in klare Bilder verpackt. Spätestens als die „Leibgarde Herold“ im Strafgefangenenlager Aschendorfermoor einfallen, wird die Sichtung des Films zur unaushaltbaren Tortur. Mit Stilmitteln der Groteske nähert sich Schwentke den Brutalitäten seines 21-jährigen Protagonisten, der auch vor Massenerschießungen nicht zurückschreckt, um seine Gnadenlosigkeit zu untermauern. Dabei verwirklicht er einen Tötungsrausch, der morbide und explizit visualisiert wird. Gefangene werden von Sturmgewehren durchsiebt und in Stücke gerissen. In eindrucksvollen Totalen, die sich blitzschnell mit sensiblen Nahaufnahmen abwechseln, brilliert Max Hubacher in der enorm schwierigen Titelrolle, die ihn eine Palette an Zwischentönen zugesteht. Zunächst porträtiert er Herold als einen notgedrungenen Schauspieler, der in Folge immer mehr mit seiner Rolle verschmilzt. Seine furchtbare Entwicklung offenbart einen tiefen Blick in das pervertierte Gesellschaftssystem kurz vor Kriegsende. Seine verabscheuungswürdigen Taten rechtfertigt er vollkommen absurd mit einem fiktiven Sonderbefehl des Führers, der allerdings nie wirklich hinterfragt wird. An Hubachers Seite gefallen besonders Frederick Lau als ungestümer Soldat sowie Milan Peschel in der Rolle des zerrissenen Gefolgsmanns Freytag, der sich im Gefangenenlager dennoch irgendwann die Hände schmutzig machen wird. Identifikationspersonen bietet Schwentke keine und verzichtet so auf Klischees, sondern stellt seine inszenatorische Intensität über die Zuschauerbefriedigung.

Die Tatsache, dass der Film auf historischen Tatsachen beruht, macht „Der Hauptmann“ nur umso unbequemer und lässt ihn später beinahe zur Qual reifen. Filmisch gesehen ist das hochgradig exquisit, weil es nie dem Irrtum erliegt, eine vergangene Geschichte altmodisch erzählen zu müssen. „Der Hauptmann“ ist ein moderner Film aus dem Jahre 2017 und nutzt moderne Mittel ohne Berührungsängste, um zu veranschaulichen, welche Irrwege der menschliche Überlebensinstinkt zu gehen bereit ist. Einem klaren Genre ist dieser beinahe filmtheoretische Ansatz nicht zuzuordnen, es mischen sich plakative Exploitationsszenerien mit künstlerisch surrealen Metaphern. Sadismus und Menschenverachtung ließen sich anders auch nicht verpacken, zumal Schwentke wissentlich auf dem schmalen Grad zwischen Abstoßung und Faszination wandelt und die Grenze des Erträglichen bereits malträtiert. Auf intelligente Weise referiert er so auch sozial-philosophisch über die Gegenwart: Die psychopathische Indoktrinierung eines Menschen durch Macht darf als zeitlose Parabel verstanden werden, das Wirken der Männer im Vernichtungskrieg verdeutlicht, wozu die menschliche Natur im Stande ist, wenn sie durch keine äußeren Zwänge mehr gebunden ist. Herold und seine Bande töten, weil sie es können, weil keiner sie aufzuhalten gedenkt. Dazu passt auch die betont anachronistische Musikuntermalung von Martin Todsharow, der meisterhaft mechanische Industrial-Klänge nutzt, um die fortwährende Abstumpfung des humanistischen Selbst ästhetisch nach außen zu kehren.

Fazit: Kleider machen Monster! „Der Hauptmann“ ist eine anstrengende, teils unerträgliche Erfahrung nach historischen Fakten, welche als Melange aus stilisiertem Historienfilm, künstlerischer Reflexion und bissigem Gegenwartskommentar funktioniert und meisterhaft den Zuschauer aufzurütteln weiß. So wird der Blick auf ein vielen unbekanntes Kapitel der deutschen Kriegsvergangenheit gerichtet, welche heute wissenschaftlich angenehm entlastend oft als „Endphaseverbrechen“ tituliert werden. Willi Herold, auch „Der Henker vom Emsland“ genannt, dient dabei selbst nur als Aufmacher für einen erweiterten Themenkatalog über ein Land in Agonie, der allein durch cineastische Mittel seine Ausschraffierung erhält. Selten ist Kino so schmerzlich – und gerade deshalb so unbedingt sehenswert.

verfasst v. Michael Hille