Jan 31 2018

Die dunkelste Stunde – Kritik

Die Leinwand beugt sich seinem Willen: Was Gary Oldman in „Die dunkelste Stunde“ abliefert, ist ganz großes, urgewaltiges Schauspielkino. Zurecht hat Oldman schon lange in Hollywood den Ruf eines schauspielerischen Chamäleons, doch unter der Regie von Joe Wright verschwindet er ganz und gar hinter der Figur des Winston Churchill. Natürlich ist die optische Ähnlichkeit ein Verdienst des phänomenalen Make-Ups, doch Oldman geht darüber weit hinaus: Perfekt trifft er Stimmlage und Sprechweise des einflussreichen britischen Politikers, übernimmt Akzent, Nuscheln und Sprachfehler mit unverschämter Leichtigkeit. Allein seine perfekte Darstellung ist es wert, „Die dunkelste Stunde“ gesehen zu haben. Dennoch ist der Historienfilm weit davon entfernt, die „Gary-Oldman-Show“ zu sein. Er ist auch ein spannendes Drama, das zwar nur wenige Tage im Mai 1940 umreißt, sein Geschehen aber intelligent in die Gegenwart transferiert.

Die Geschichte ist bekannt: Im Mai 1940 sind 350.000 britische Soldaten am Strand Dünkirchens in Frankreich von den Nazis eingekesselt. Der britische Premierminister Neville Chamberlain muss zurücktreten, der Imperialist Churchill (der als Marinechef in der Dardanellenschlacht eine tödliche Fehlentscheidung getroffen hatte) wird von König George VI. beauftragt, die neue Regierung zu bilden. Von der Kopfgeburt der großen Rettungsaktion von Dünkirchen, und den Widerständen, denen Churchill sich bei Kriegskabinetttagungen stellen musste, erzählt „Die dunkelste Stunde“ und ist dabei aufgezogen wie ein klassischer Sportfilm. Churchill wird als der Underdog auf der einen Seite inszeniert, der gegen die erfahrenen Profis auf der anderen ankämpfen muss. Diese berechnende, aber effektive Erzählweise trägt Rechnung. Dramaturgisch einwandfrei gelingt es Wright, ein breites Bild seiner Charaktere zu zeichnen und hat stets genug Raum für Zwischentöne. Ist Churchill der große Heilsbringer? Nein. Er ist leichtfertig, sozial untauglich und zu vernarrt in die Idee, alle großen Konflikte durch Krieg lösen zu können. Da Oldman genug Zwischentöne und Selbstzweifel in sein herrliches Spiel einbetten darf, findet auch der Film einen idealen Mittelweg aus angebrachtem Pathos und notwendiger Authenzität: Ist der Konflikt zwischen Churchills und seinen Parteigenossen zugespitzt? Sicherlich. Haben vor allem die „Triumphe“ Churchills etwas von historischem Erbauungskino? Natürlich. Funktioniert das ganze als packendes, bildgewaltiges Drama? Absolut!

Und das liegt an Wright, der weniger am Ausstattungsfilm interessiert ist – auch wenn es prächtige Kostüme und Sets zu bestaunen gibt -, sondern vorzügliche Bildkompositionen ungeahnter Kraft entwickelt, um visuell die Ausweglosigkeit des Empires herauszuarbeiten. Handlungsbedingt wird über den Krieg in Europa größtenteils nur geredet, doch wenn Wright ihn zeigt, dann mit fast surrealer Distanz: Einmal zeigt die Kamera in der Vogelperspektive den Untergang der britischen Truppen in Calais, bis die geographischen Linien des Schlachtfelds das Gesicht eines gefallenen Soldaten formen. Ein anderes Mal betrachtet ein Kind durch ein mit der Hand geformtes Guckloch das Flugzeug Churchills und ballt die Faust: In der Kamera sieht das so aus, als werde das Flugzeug von Dunkelheit verschlungen. „Die dunkelste Stunde“ ist voller grandioser visueller Ideen und schon der eröffnende Long Take durch das House of Lords, der alle wichtigen politischen Handlungsträger auf einen Schlag einführt, ist wunderbar geistreich. Für mitreißende und doch unaufdringliche Musik sorgt Komponist Dario Marianelli, den intensiven Zeitdruck vermittelt die Regie durch überdimensionale Datumsangaben auf der Leinwand und neben Oldman sorgen versierte englische Darsteller wie Ben Mendelsohn als George VI., Ronald Pickup in der Rolle des Chamberlain, Kristin Scott Thomas als Churchills Frau oder Lily James als dessen Sekretärin für Höhepunkte. Viel besser kann man die politischen Geschehnisse um „Operation Dynamo“ auf dieser Seite des Kanals nicht inszenatorisch aufbereiten und Wright sucht und findet seltene Gänsehaut-Momente, ganz besonders natürlich, wenn er Oldman die Reden Churchills zitieren lässt, ob er um „Blood, Toil, Tears and Sweat“ bittet oder „We Shall Fight On The Beaches“ beschwört.

Erfreulich jedoch, dass „Die dunkelste Stunde“ sich selbst die richtige Frage stellt: Wozu braucht es 2017 diesen Film? Die Antwort findet er in cleveren Gegenwartsbezügen: So erzählt er mit der Aufkündigung der Appeasement-Politik und der Rettung Dünkirchens eine Geschichte der Resilienz, die sich gegen den Faschismus behauptet, eine Bekämpfung der Antiaufklärung durch einen transatlantisch-solidarischen Widerstand. „You can not reason with a tiger when your head is in it’s mouth“, brüllt Churchill einmal im Film. Wright überstrapaziert in einer langen, frei erfundenen Sequenz die Glaubwürdigkeit bewusst und riskiert, auf geschichtliche Exaktheit besessene Zuschauer zu verlieren, um die Parallele erkennbar werden zu lassen. Er lässt Churchill in eine U-Bahn steigen, wo ihm das einfache Volk versichert, sich niemals dem Tyrannen Hitler beugen zu wollen. In Zeiten des „Brexit“, dem britischen Ausstieg aus der Europäischen Union, dient Churchills Geschichte somit als stärkende Erinnerung an die Anfänge eines geeinten Europas, als Zeitgeistdokument. Er ruft zu Zivilcourage auf und zum Festhalten am eigenen Moralsystem, auch in schwierigen Zeiten. Das mag der eine als moralisierenden Kitsch empfinden, darf aber auch als rechtschaffener Versuch gewertet werden, in den Zeiten einer durch US-Präsident Donald Trump geprägten postfaktischen Gesellschaft ein bescheidenes Statement zu artikulieren, in dem sich sowohl das Verlangen nach einer „Politik der Wahrheit“ als auch die dringende Warnung vor beobachtbaren sozialen Autokratie-Strömungen ausdrückt.

Fazit: Wer ins Kino geht, um trockenen Geschichtsunterricht zu bekommen, sollte einen anderen Film ansehen. Trocken ist hier nur der Humor Churchills, der auf die Frage des Königs, wie er schon nachmittags Alkohol trinken könne erläutert, dass Übung den Meister mache. Joe Wright erzählt die Zeit zwischen Churchills Antritt bis zur Operation Dynamo als in epischen Bildern festgehaltenes Ringen um Ideologie und Kampfesgeist, und weiß mit Kamera und gesprochenem Wort gleichermaßen zu fesseln. Wem das nicht reicht, der muss dann wenigstens wegen Gary Oldman ins Kino: Für den ist „Die dunkelste Stunde“ zur Sternstunde seiner Karriere geworden.

verfasst v. Michael Hille

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

Bildnachweis: © 2018 Universal Pictures International

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