Die Verlegerin – Kritik

Es gibt ungeschriebene Gesetze in Filmen, an die hat man sich zu halten. Beispiel: Eröffnet man sein Werk mit einer Szene aus dem Vietnamkrieg, dann hat man diese mit einem Song der Rockband Creedence Clearwater Revival zu unterlegen. So ertönen in „Die Verlegerin“ bereits die ersten Töne von „Green River“, noch bevor die Leinwand selbst überhaupt in Vietnam angekommen ist. Diese Eröffnungsszene, die einzige, die den Vietnamkrieg zeigt, steht stellvertretend für das, was Regisseur Steven Spielberg in seinem Film erzählen will: Nicht der Kampfeswillen oder der Patriotismus der Soldaten steht im Vordergrund. Betont neutral bebildert er eine kurze Episode nackter Verzweiflung, einen für jeden einzelnen Soldaten individuell stattfindenden Überlebenskampf. Ein solcher Überlebenskampf spielt auch danach noch die zentrale Rolle. Nur, dass das Setting wechselt: Von Vietnam in den journalistischen Alltag der „Washington Post“.

„Die Verlegerin“ folgt einem der essentiellsten Konflikte des amerikanischen Journalismus im letzten Jahrhundert: 1971 kam Ben Bradlee, der Chefredakteur der „Washington Post“, in Besitz der Pentagon Papers: Die 1967 von Robert McNamara verantwortete geheime Studie „History of U.S. Decision-making in Vietnam, 1945-66“, von der die „New York Times“ bereits kurz zuvor mehrere Auszüge veröffentlichte und daher von Präsident Richard Nixon vor Gericht gezehrt wird. Nun steht die Verlegerin der Post, Katharine Graham, vor einem ethischen Dilemma: Sollte sie die Dokumente veröffentlichen? Wie sehr hängt sie an den Idealen der Pressefreiheit? Und ist sie bereit, die demokratischen Interessen des Volkes gegen eine Regierung zu verteidigen, die ihr genau dieses Recht mit aller Macht beschneiden will? – Spielberg gelingt bei der Thematisierung dieses Konflikts ein fast schon altmodischer Politfilm aller bester Sorte: Anfangs fängt die Kamera von Janusz Kamiński noch den Alltag der frühen 70er mit nostalgischer Sehnsucht an eine analoge Epoche ein, in der das gedruckte Wort regierte, in der die Tinte mächtiger als das Schwert war. Danach spielt die Handlung meist in Innenräumen, sei es Zuhause bei Mrs. Graham, in der Redaktion der „Washington Post“ oder in dunklen Hinterhofgassen und beschränkt sich vornehmlich auf Diskurse. Spielberg beweist, dass man für einen hochspannenden Thriller keine Action oder erzwungene Dramatik braucht, sondern nur eine Handvoll vielschichtiger Charaktere, die das Für und Wider einer moralischen Zwickmühle debattieren. Auch Haus und Hof Komponist John Williams verzichtet auf große Themen, und setzt auf gewählte musikalische Akzente. Vorbildlich!

Und trotz dieser ruhigen, unaufdringlichen Art, will „Die Verlegerin“ als groß angelegter und groß gemeinter Film verstanden werden. Nichts macht das deutlicher als die Tatsache, dass Spielberg die Hauptrollen Graham und Bradlee mit Meryl Streep und Tom Hanks, den zwei größten lebenden Hollywood-Stars, besetzt hat. „Icons playing Icons“, hatte die „Washington Post“ daraufhin geschrieben. Tatsächlich verdient es der Film, als großer Film gesehen zu werden: Die historische Aufarbeitung der Woche, in der Mrs. Graham von einer netten alten Dame zur eisernen Lady des Qualitätsjournalismus wurde, dient ihm trotz aller kompetent umgesetzten Suspense-Momente als filmgewordener Appell, der in die Gegenwart reichen soll. Der Disput zwischen der „Washington Post“ und Nixon bildet eine Brücke zu heutigen Medien, die sich 2017 US-Präsident Donald Trump und seinen „Fake News“ Vorwürfen ausgesetzt sehen. Spielberg begegnet diesen modernen Konflikten mit idealistischer Entschlossenheit. Mrs. Graham entscheidet sich für die Unabhängigkeit und ihr Risiko, immerhin damit ihr Familienunternehmen gegen die Wand zu fahren, zeigt auf, welchem Wert journalistische Integrität eigentlich innewohnt. So strotzt der Film voll von hoffnungsvollen und leicht augenzwinkernden Momenten, doch vergisst nie, welch anstrengender Kampf hinter diesen Ereignissen steckt. Diese Sensibilität, mit der die Regie die persönlichen Konflikte der Figuren mustergültig herausarbeitet, sorgt für eine zeitlose Allgemeingültigkeit, die auch noch in einer Zeit eine Notwendigkeit besitzt, in der die Welt sich immer schneller zu drehen scheint.

Es gibt da aber noch die andere Komponente in Spielbergs Erzählung: Während er die ethische Debatte, die von den Akteuren in großartigen Dialogen ausgetragen wird, schnörkellos ins Bild setzt, erzählt er filmisch nur über die Bilder eine zweite Geschichte. Die Geschichte der Mrs. Graham. Einer Frau, die sich in einer Männerdomäne behaupten muss, die trotz ihrer Bodenständigkeit zur Ikone des Feminismus reift. Ohne Pathos zeigt „Die Verlegerin“ subtil einen gesellschaftlichen Umbruch auf. Zu Beginn des Films verlassen die Frauen noch den Raum, wenn die Männer am Tisch über Politik diskutieren. Als Streep später den Gerichtssaal betritt, wandert sie symbolträchtig durch einen Spalier von Frauen, die auf den Eingangstreppen stehen: Sie wird zum Sprachrohr für all die, die draußen bleiben müssen. Grahams Sieg ist nicht nur einer für die Pressefreiheit, sondern auch einer über ihre rollenarchaische Konditionierung hinweg. Meryl Streep ist perfekt, um diese Entwicklung mit einer unglaublichen Tiefe auszugestalten, aber auch Tom Hanks sowie die TV-Stars Jesse Plemons und besonders der fantastische Bob Odenkirk brillieren in schwierigen Parts. Es zeugt derweil von Spielbergs inszenatorischer Komplexität, dass dem Zuschauer hier am Ende durchaus die Tränen fließen können, obwohl weniger persönliche Schicksale als abstrakte Ideale verhandelt werden. Als Filmemacher befand sich der Altmeister immer schon auf der Seite des Optimismus. Hier fühlt sich das Hoffnungsvolle richtig und kraftvoll an.

Fazit: In einer der besten visuellen Ideen des Films zeigt Steven Spielberg, wie das Redaktionsbüro der „Washington Post“ vibriert, als im Raum darunter die Druckerpressen angelassen werden. Die Macht der Worte setzt buchstäblich etwas in Bewegung. Ein starkes Bild für einen starken Film, der in dieser Szene die Kraft des Kinos spürbar werden lässt. Mit Leidenschaft und Elan erweist sich „Die Verlegerin“ als ein Werk, dass in die vertraute Vergangenheit reist, um Trost und Hoffnung für die Gegenwart zu spenden. Wie sangen schon Creedence Clearwater Revival? „You’re gonna find the world is smold’rin‘ an‘ if you get lost, come on home to Green River.“

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2018 Universal Pictures International