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Feb 05 2017

Eddie The Eagle: Alles ist möglich! (80%) – Kritik

Es ist vermutlich der dünne Grad zwischen Leidenschaft und Wahnsinn, wenn ein erwachsener Mann in hautengem Anzug auf Skiern eine 90 Meter hohe Skisprungschanze herunterspringt und in irrsinniger Geschwindigkeit gen Boden rast. Eddie Edwards hat beides: Begeisterung für den Sport und den unbedingten Willen, dafür sein Leben zu riskieren. Edwards ist jedoch anders als andere Wintersportler: sein sportlicher Erfolg bei den Olympischen Winterspielen 1988 ist in den Geschichtsbüchern nur mehr eine Randnotiz. Und dennoch ist seine Geschichte drei Jahrzehnte später immer noch so bemerkenswert, dass sie von Regisseur Dexter Fletcher 2016 für die große Leinwand adaptiert wurde. Denn Eddie The Eagle, wie er später genannt wurde, hält dem heutigen Leistungsdruck im kommerzialisierten Sportbusiness den Spiegel vor und ist damit unlängst – und ungewollt – zu einem Symbol für wahren Sportsgeist avanciert.

Eddie ist an sich kein talentierter Sportler und der Weg zum Olympionike damit umso beschwerlicher. „Eddie The Eagle“ macht es sich allerdings nie so einfach, bloß eine komödiantische Nacherzählung der wahren Begebenheiten zu sein. Nach einem durchaus humorreichen und vortrefflich pointierten Intro kristallisiert sich heraus, dass Fletchers Film die Geschichte eines Traumes ist, den sein Film von Anfang bis Ende ernstnimmt: Eddie geht es nicht um Ruhm oder Medaillen, sondern nur um die Teilnahme an den Spielen selbst. „Dabei sein ist alles“, ist das oberste Motto seiner Bestrebungen und obgleich die plakative Moral („Du kannst alles erreichen, wenn du es nur willst“) in unzähligen ähnlichen Sportfilmen bereits zum Antriebsmotor wurde, war sie selten so sympathisch und wohltuend umgesetzt wie in Fletchers Biopic. Der Spirit und die Energie des enthusiastischen Protagonisten werden mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit so charmant aufbereitet, dass es gar ansteckend sein kann, dem Treiben auf der Leinwand zu folgen. Fletchers Inszenierung ist bewusst klassisch in den Parametern des Sportfilms angelegt und bedient sich bei zahlreichen Vorbildern und Stereotypen, nutzt den im Plot angelegten humorvollen Optimismus aber wunderbar aus.

Bis ins kleinste Detail arbeitet „Eddie The Eagle“ daran, dass Feeling der späten 80er zu imitieren: trotz der vielen weißen Panoramaaufnahmen von Skibahnen ist der Film äußerst opulent farbenfroh und bunt gestaltet, die Kameraaufnahmen von George Richmond drücken in seltenen Momenten regelrecht die träumerische Sehnsucht des fliegenden Eddies aus. Großes Kino für die Ohren bietet zudem Komponist Matthew Margeson, der mit Synthesizer und E-Piano einen Soundtrack voller Hymnen erschafft; ebenso gelungen der Einsatz von 80er Hits wie „Two Tribes“ von Frankie Goes To Hollywood oder „Jump“ von Van Halen. Besonders geglückt ist außerdem die wunderbare Besetzung: Taron Egerton ist für Zeitzeugen der 88er Winterspiele ein Hauptgewinn. Er sieht aus wie Eddie, er spricht wie Eddie und er nuschelt und murmelt genau wie sein historisches Vorbild. Die Entwicklungsstufen des nach Selbstverwirklichung strebenden Edwards‘ bringt er so gekonnt wie selbstverständlich rüber, dass es eine Freude ist. Gleichzeitig trumpft neben ihm „X-Men“-Star Hugh Jackman in einer Rolle ganz groß auf, die den Köpfen der Autoren entsprungen ist, doch so oder so ist der von ihm dargestellte Trainer und Ex-Sportler Bronson Peary eine wahnsinnig sympathische zweite Bezugsperson, die in der für Jackman üblichen lakonischen Art gleichermaßen den jeweils humoristischen wie empathischen Höhepunktmoment des Films heraufbeschwört. Jackman scheint mehrmals gar zum eigentlichen Star des Films anzukämpfen und sprüht geradezu vor Spielfreude und Energie. In weiteren Nebenrollen wissen besonders Iris Berben und der immer gern gesehene Christopher Walken als ehemaliger Coach von Peary zu gefallen.

Was „Eddie The Eagle“ nicht zeigt, ist der Verlauf der Geschichte nach 1988. Das Internationale Olympische Komitee verschärfte in Folge von Edwards Olympia-Teilnahme die Anforderungen so, dass Underdogs fortan umso weniger Chancen hatten, den Olympischen Traum zu leben, den Fletchers Film über alle Maßen glorifiziert. „Eddie The Eagle“ endet auf einer positiven Note; mit einem Zitat von Pierre de Coubertin, dem Begründer der Olympischen Spiele. Fletcher will seinen Film damit, ohne moralisierend den Zeigefinger in Form offensichtlicher Kritik zu heben, als Gegenpol zur Kommerzialisierung und Manipulierung großer Sportereignisse verstanden wissen. Von durch Erfolgsbesessenheit eingesetztem Doping, bezahlten Schiedsrichtern oder manipulierten Wettkampfgeräten will Fletcher nichts wissen. Wer beim Skispringen 1988 tatsächlich Gold, Silber oder Bronze gewann, erfährt man im Film nicht, es zählt nur der persönliche Triumph Edwards‘, nicht der vermeintlich wichtigere Medaillenspiegel. „Eddie The Eagle“ könnte daher den Eindruck erwecken, zu oberflächlich oder kitschig mit der Thematik umzugehen, setzt aber gerade durch seinen bewussten Verzicht auf Anprangerungen und seine Reduzierung auf 104-minütiges „Feel-Good“-Unterhaltungskino über einen selbstbewussten Underdog ein wichtiges Zeichen und gibt damit dem Sport und seinen Helden den Geist und Spektakelwert zurück, der heute mitunter oft verloren geht: Eddie The Eagle hat sich somit 2016 und somit achtundzwanzig Jahre nach seinem großen Sprung noch einmal zum wahren Publikumsliebling mausern können.

Fazit: 1988 war für Olympioniken ein verrücktes Jahr: Jamaika hatte plötzlich Bobfahrer und England einen Skispringer. Kurz vor Ende des Films zeigt die Regie die echten Aufnahmen der Abschlussfeier von 1988, bei der der Chef des Organisationskomitees Frank King den Athleten mit den Worten dankte: „You have captured our hearts and filled our memories. You have broken world records and you have established personal bests. Some of you have even soared like an eagle.“ Dieser Moment, den der echte Eddie Edwards als den größten Moment seiner Karriere bezeichnete, lässt einen nach dem gemeinsam durchlebten mit dem filmischen Eddie befriedigt und glücklich aus dem Kinosaal tänzeln. „Eddie The Eagle“ ist bestes Unterhaltungskino mit wichtiger Botschaft, die besonders jungen sportbegeisterten Menschen eine wichtige Inspiration liefern kann. Unterstützt durch eine stimmige filmische Reanimation der 80er Jahre und einen tollen, hochgradig sympathischen Cast, haftet dem inszenatorischen Denkmal an den Olympia-Underdog dabei ein zeitloser Touch an.

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

verfasst v. Michael H.

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