Feb 09 2017

Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen (50%) – Kritik

Am 20. Februar 1962 umkreiste der Astronaut John Glenn als erster US-Amerikaner die Erde und wurde damit zum Protagonisten in dem zentralen Wendepunkt im Wettstreit um den Weltraum der USA und der UdSSR, welcher der Kennedy-Ära zu neuem Optimismus und Selbstvertrauen verhalf und 1969 final in die Mondlandung mündete. Wenn Regisseur Theodore Melfi nun 2016 mit seinem Kinofilm „Hidden Figures“ auf die Vorgeschichte dieses Ereignisses zurückblickt, spielt Glenn selbst nur eine Nebenrolle. Melfi rückt ein Trio in den Vordergrund, welches weitaus weniger im Zentrum der damaligen Aufmerksamkeit stand: Katherine Johnson, Dorothy Vaughn und Mary Jackson, jede auf ihrem Fachgebiet visionär und entscheidend für das Gelingen der 62er NASA-Mission. Doch bevor sie Glenn ins All befördern konnten, mussten sie sich erst den Umständen ihrer Zeit zur Wehr setzen: als Afro-Amerikanerinnen bei der NASA auf dem Höhepunkt der Rassentrennung.

Das durchaus sympathische Anliegen von „Hidden Figures“ verrät derweil schon der Titel: Melfi möchte den drei herausragenden Damen ihre viel zu späte, aber wohl verdiente Anerkennung zukommen lassen. Und somit interessiert sich der Film weniger, wie mancher Weltraum-Interessierte vielleicht hätte erwarten können, für die technologisch-mathematischen Entwicklungen im Laufe des Aufstiegs des Damen-Trios, sondern fokussiert sich auf deren Persönlichkeiten im Arbeitsumfeld und Privatleben und das oft erstaunlich humorvoll und leichtfüßig. Mit viel Komik charakterisiert Melfi seine Protagonistinnen treffend als abseits ihrer Begabungen durchschnittliche Frauen der damaligen Zeit. Besonders Schauspielerin Taraji P. Henson steht hierbei als Mathematik-Genie Katherine noch einmal besonders im Vordergrund und Henson versteht es, mit viel Charisma und einer starken Mimik ihrer Figur gehörig Leben einzuhauchen, sodass ihre Entwicklung im Film ganz allein durch ihr schönes Spiel erkennbar wird. Ihre Costars wissen ebenfalls zu gefallen, so zeigt Janelle Monáe eine erfreuliche Vitalität, während Octavia Spencer die subtileren Töne anschlägt. Beide leiden jedoch auch unter der wohl größten Schwäche von „Hidden Figures“; es fehlt ihren Figuren bereits im Drehbuch trotz des historischen Backgrounds an Tiefe, weil Melfi einen fatalen Fehler begeht: Er spart das Thema Rassismus zugunsten reiner Feel-Good-Unterhaltung aus.

„Hidden Figures“ bleibt beinahe vollständig am Mikrokosmos „NASA“ kleben und verpasst völlig die Chance, einen Blick auf die Eindrücke der damaligen Zeit zu geben. So eindrucksvoll authentisch die 60er vom wunderbaren Setdesign und der Kostümgestaltung auch nachempfunden werden, Melfis Film wirkt durchgehend wie für ein Massenpublikum bewusst aussparendes Werk, auf Sparflamme köchelnd. Von Protesten, Unruheherden oder Polizeibrutalität hört man in „Hidden Figures“ wenn überhaupt entfernt am Rande, weil er sich von Beginn an dafür entscheidet, harmlose Unterhaltung für die ganze Familie zu sein und das Drama eher in homöopathischer Dosis einzubringen. Daran wäre vorerst nichts verwerflich, wenn damit der große emotionale Anker, nämlich die Wut der Protagonistinnen über die Ungerechtheit des Systems nicht ständig in den Hintergrund geraten, beziehungsweise einfach fehlen würde. Aus empathischer Sicht mangelt es dem Biopic beständig an einem glaubhaften Sujet, und so schweben die mitunter cleveren Dialogzeilen sowie die Schauspielleistungen zu sehr im Vakuum. Einzig in der Thematisierung der Trennung zwischen normalen Toiletten und Toiletten für Farbige liegt im Kleinen verborgen, zu was „Hidden Figures“ fähig gewesen wäre, so bleibt seine dick aufgetragene (aber natürlich vertretbare) Moral zwar verständlich, wird allerdings nicht wirklich gefühlsmäßig nach vollzogen. Der Respekt vor den handelnden Charakteren liegt eher in der anfänglichen Einblendung „Based on a true story“ als in der eigenen Identifikation mit ihnen begründet. Wirklich gut vermittelt der filmische Rückblick dafür die Stimmung und den Esprit der Kennedy-Ära, womit die unerkannten Heldinnen zumindest einen Teileinblick in die damlige Zeit gewähren.

Handwerklich kann man der Regie kaum einen Vorwurf machen, außer eben den, genau wie inhaltlich zur Rassenthematik auch filmisch mit zu wenig eigenständigen Akzenten aufzuwarten. Die Inszenierung bleibt durchgehend konventionell und konservativ, und arbeitet die Hintergründe enzyklopädisch ab, ohne sie stilistisch miteinander in einen übergeordneten Kontext zu stellen, der mehr zu sein scheint als eine Aufzählung von faktischen Ereignissen. Das ist für die 127 Minuten, die man im Kinosaal verbringt, in Ordnung und kurzweilig, schreckenweise dank des Humors sogar sehr spaßig, aber eben zu wenig, um gegen die Biopic-Konkurrenz des Kinojahres bestehen zu können. Auch die restliche Besetzung neben dem Cast gleicht sich meist gegenseitig aus. Während Kirsten Dunst als obligatorische Zicke vom Dienst erschreckend blass bleibt, fällt Glen Powell als John Glenn positiv auf und bleibt mit seiner nonchalanten Art im Gedächtnis. Genauso ist Kevin Costner als Bereichsleiter Harrison mit einer für ihn typischen Besetzung wie immer ein Genuss, dafür landet der Star der TV-Serie „The Big Bang Theory“ Jim Parsons in der Typecasting-Falle und liefert eine gemäßigte (und daher langweilige) Kopie seiner dortigen Rolle, Dr. Sheldon Cooper. Eine dicke Enttäuschung ist aber vor allem der Soundtrack der Herren Pharrell Williams, Benjamin Wallfisch und Hans Zimmer, der entweder durch nervigen Schmalz-Pathos oder schlicht deplatzierte Songs negativ haften bleibt.

Fazit: Die Rassenthematik in „Hidden Figures“ ähnelt einem Halbsatz, den ein Schüler in einem Schulaufsatz schnell mit Komma abgetrennt hinten ran hängt, um zumindest irgendetwas dazu gesagt zu haben. Als bebilderte Nachstellung der tatsächlichen Ereignisse funktioniert Melfis Film problemlos und bringt die zweistündige Handlung flott über die Bühne, zumal die optische Rekonstruktion der 60er authentisch gelingt, darüber hinaus fehlt es aber an einer eigenen künstlerischen Herangehensweise, die über das Einmaleins des Filmemachens hinausgeht und einen eigenen Schwerpunkt legt, um dem Zuschauer mehr zu bieten, als er auch in einer Dokumentation hätte erfahren können. NASA-Begeisterte und Interessenten für den Themenbereich Raumfahrt kommen dafür auf ihre Kosten, und werden sich kaum daran stören, dass „Hidden Figures“ trotz seiner zeitlichen Verortung vor der Einführung des Civil Rights Act von 1964 kaum die Dringlichkeit darstellt, die diesen überhaupt erst nötig machte.

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

Bildnachweis: © 2000-2017 20th Century Fox

verfasst v. Michael H.

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