Isle of Dogs – Kritik

Zumindest einen Vorwurf kann man dem neuen Film von Wes Anderson, der in Stop-Motion-Animationen eine knuffige Abenteuergeschichte aus der Tierwelt erzählt, machen: Katzen könnten sich ganz schön beleidigt fühlen, so stereotyp und bösartig wie sie hier dargestellt werden. Nicht umsonst hat Anderson seinen Film „Isle of Dogs“ genannt, was phonetisch wie „I love Dogs“ klingt. Der beste Freund des Menschen steht hier im Mittelpunkt, doch eigentlich will „Isle of Dogs“ auch etwas über seine Herrchen erzählen. Man könnte ihn beinahe als politischen Kinderfilm einstufen, sehr wohl aber als Fabel, in der der Regisseur mit seiner Vorliebe für Symmetrie der Intoleranz den Krieg erklärt. Ein kleiner Schritt für einen Filmmacher, aber ein großer Schritt für die Vierbeiner?

Bevor man etwas über die Geschichte des Films erzählt, muss man direkt eine wichtige Empfehlung ausschrieben: Wer komplexe Stop-Motion-Animationen liebt und ein Faible für detailreich gestaltete Filmwelten hat, ist bei „Isle of Dogs“ genau richtig. Das dystopische Japan, die unterschiedlichen Hunderassen, die fantastischen Kostüme der Menschen oder die grandiosen Landschaften, die durch Tsunamis und andere Naturkatastrophen gezeichnet sind: Derart präzises, fantasiehaftes World Building hat in diesem Metier so noch keiner betrieben. Anderson gelingt nicht weniger als ein logistisches Meisterwerk voller Ehrfurcht, aber auch selbstironischer Annäherung an die japanische Kultur und seine filmischen Vorbilder. Insbesondere Akira Kurosawa zitiert nicht nur die Kamera, sondern auch das rhythmische Getrommel von Filmkomponist Alexandre Desplat am laufenden Band, doch auch weniger bekannte Künstler, wie etwa Farbholzschnitt-Meister Utagawa Hiroshige dienten überdeutlich zur Inspiration. All diese Mittel stellt Anderson streng in den Dienst seiner Geschichte, die er bekanntlich am liebsten in symmetrischen Bildeinstellungen erzählt, in denen die Kamera seitlich durch die Szenerie gleitet und die Plastizität der Animationen so fast wieder zweidimensional erscheint. Die Handlung selbst könnte man fast als Archestoff des Abenteuerkinos bezeichnen: Der kleine Junge Atari stürzt mit seiner Propellermaschine auf „Trash Island“, der Insel der Hunde, ab, um dort seinen verschollenen Hund zu suchen. Bei seiner Odyssee über die Insel, auf die sämtliche Hunde Japans wegen der Überpopulation der Vierbeiner verbannt wurden, helfen ihm vor allem fünf tierische Gefährten – angeführt vom menschenfeindlichen Streuner Chief, der mit „I don’t sit – I bite“ sich selbst am besten beschreiben kann.

Was nun folgt, ist im besten Sinne kindliches Entdecker-Kino. Obwohl Atari aufgrund seiner japanischen Sprache (im Gegenteil zum (für den Zuschauer) übersetzten Bellen der Hunde) wie ein Fremdkörper in der Heldenbande wirkt, ist es eine Freude, die Gruppe miteinander interagieren zu sehen, zumal Anderson den Hunden das Mittel der Selbstreflexion gibt und sie höchst amüsant ihre eigene Existenz überdenken lässt. So wissen die größtenteils ehemaligen Schoßhunde schon, dass sie eigentlich zu einem Herrchen gehören. Doch auf ihre Herrchen ist auf dem durch Anti-Hunde-Propaganda verseuchten Festland kein Verlass mehr. Sie sind Under-Dogs, die Ungewollten. Es fällt nicht schwer, das politische Potenzial und die Bannbreite dieser Allegorie zu entziffern. Fast schon überdeutlich artikuliert „Isle of Dogs“ sein Anliegen. Wenn etwa Machtinhaber Kobayashi wie die Stop-Motion-Adaption eines japanischen Donald Trumps inszeniert wird oder Aufnahmen vom Schicksal der Hunde auf „Trash Island“ in ihrer Ästhetik an Fernsehberichte über das Schicksal von Flüchtlingen auf Lampedusa erinnern, verleiht das der unterhaltsamen Show einen sehr ernsten Unterton. Nicht zuletzt dank toller Voice Actor kann Anderson sich darauf verlassen, dass diese moralischen Aspekte auch emotional beim Zuschauer ankommen. Edward Norton, Scarlett Johansson, Bill Murray oder Jeff Goldblum machen einen tollen Job, wobei insbesondere Bryan Cranston in der Hauptrolle Chief dermaßen intensiv den rebellischen Hundeanführer mit Leben füllt, dass alleine seinetwegen eine Sichtung der englischen Tonspur zu empfehlen wäre. All diese Sprecherleistungen, die zwischen zynisch, patzig und sentimental angelegt sind, unterstreichen den verschrobenen Tonfall, der alleine für einen gelungenen Kinobesuch ausreicht.

Nur manchmal schlägt der Regisseur über die Stränge, überschätzt den Gehalt seiner Erzählung und scheint im letzten Drittel nicht alle Aspekte der gesellschaftskritischen Metaphern durchdacht zu haben. Wenn schließlich eine US-amerikanische Austauschschülerin den katzenliebenden Kobayashi-Clan und sein totalitäres Regime zu Fall bringt, und den Japanern Toleranz und Demokratie vermittelt, verpufft die aufgebaute Donald-Trump-Kritik vor lauter Inkonsequenz mit fadem Beigeschmack. Bei einer langen Szene in einer Art Konzentrationslager für Hunde, bei welchem auch visuell mehrmals explizit auf das Lager von Auschwitz angespielt wird, vergreift sich „Isle of Dogs“ dann völlig in Ton und Geschmack. Leider versagt es Anderson auch zum Ende hin, die zauberhaften Eigenschaften eines Kinderfilms zu bewahren und vergisst „unterwegs“ gar einige zentral eingeführte Charaktere, weil er allzu sehr auf eine klar verständliche Botschaft setzen will. Übrig bleibt der Eindruck von Staunen, darüber, wie dieser Film und seine Welt wohl ausgesehen hätte, wenn sie Realität wären. Und Staunen darüber, dass „Isle of Dogs“ trotz seiner dramaturgischen und strukturellen Probleme inszenatorisch wie aus einem Guss wirkt und mit Leichtigkeit eine Vielzahl an visuellen Spielereien (u.a. Split-Screen-Verfahren und Subjektive Kamerafahrten) glaubhaft durch die eskapistische, extrem stilisierte Animationswelt bugsiert.

Fazit: Hasst Wes Anderson Katzen? An dieser Stelle kann nur gemutmaßt werden. Sicher ist hingegen: Wes Anderson liebt Hunde. Vielleicht muss „Isle of Dogs“ daher auch unter einem ganz anderen Licht gesehen werden. Ob man nun die japanische Kultur für würdevoll oder klischeehaft gezeichnet hält, ob man die politische Seite der Handlung als geglückt oder prätentiös hält, ob man die Sprecherleistungen authentisch oder übertrieben findet oder ob man die Abenteuergeschichte als angenehm kindlich oder unangemessen naiv erachtet: Eine so detailreiche Liebeserklärung an des Menschen liebstes Haustier lief lange nicht mehr in den Kinos. Atari lernt, was Franz von Assisi einst so treffend formulierte: „Der Hund ist dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.“

verfasst v. Michael Hille

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