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Feb 08 2017

Jackie: Die First Lady (80%) – Kritik

Der 22. November 1963 ist längst nicht mehr nur als der Tag der Ermordung John F. Kennedys in die Geschichtsbücher eingegangen, sondern als Geburtsstunde zahlreicher Mythen rund um den 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, die erst recht mit einem Interview seiner Witwe Jackie Kennedy nur wenige Tage nach den tödlichen Schüssen nicht mehr aufzuhalten waren. Eben jenes Interview bildet nun den Ausgangspunkt für einen weiteren der zahllosen Beiträge zur Kennedy-Hagiographie, die nicht den vielfach in den Mittelpunkt gestellten Ex-Staatsführer, sondern seine Frau und ihren Umgang mit der Tragödie in den ersten Tagen danach betrachtet. Getragen von einer brillanten schauspielerischen Leistung der über sich selbst hinauswachsenden Natalie Portman ist das 2016er Werk des amerikanisch-chilenischen Regisseurs Pablo Larraín weniger Spielfilm und mehr das Porträt einer Frau, die sich in keinem Porträt in vollem Umfang darstellen lässt.

Gleich vorne weg: In „Jackie“ geht es zu keinem Zeitpunkt um Politik oder ein ideologisches Statement. Larraín verpflichtet sich vollständig seiner Aufgabe, einen leisen und sehr intimen Einblick in eine vom Leben im Stich gelassene, menschlich äußerst komplexe First Lady zu bieten. Und diese, jene Jackie Kennedy wird in all ihren unterschiedlichen Facetten und ihrer Zerrissenheit eindrucksvoll mit den Mitteln des Mediums nachgestellt. Um historische Korrektheit geht es hier nur teilweise, genauso wenig wie dieses künstlerisch anspruchsvolle Biopic für sich den Anspruch erhebt, der umfassenden Historie der Kennedy-Familie gerecht zu werden. Viel mehr steht im Fokus, die psychische Ambivalenz der Hauptfigur ästhetisch wie emotional begreiflich zu machen. Jackie ist eine Frau, gefangen zwischen unterschiedlichen Rollen, die sie erfüllen muss: die der tapferen First Lady, der liebenden Mutter, der trauernden Ehefrau, der verantwortungsvollen Repräsentantin einer Nation. Sie steht stets im Mittelpunkt des Interesses, mit allen Augen auf sich gerichtet, und darf dabei nie sie selbst sein. In einem der ergreifendsten Momente des Films streift sie sich nach dem Attentat ihre blutverschmierte Kleidung ab, als sie abends allein in ihrem Zimmer ist. Hier verliert sie jede Fassung, schreit, weint bitterlich. Nur in diesem kurzen Moment darf sie sie selbst sein, bevor sie sich wieder eine neue Kostümierung anlegt und ihre eigenen Empfindungen maskieren muss, um die Beerdigung ihres Mannes zu organisieren oder den Kindern zu erklären, warum Papa nicht mehr nach Hause kommen wird.

Natalie Portman alleine wäre es bereits wert, „Jackie“ mindestens zweimal anzusehen. Sie übertrifft sich selbst und setzt ihrer beachtenswerten Karriere ein neues Maximum vor, liefert die eindringlichste schauspielerische Leistung des Kinojahres 2016. Es ist eine Freude und gleichzeitig eine Qual, ihr beim Leiden und Versteckspielen beizuwohnen. Jackie Kennedy verkörpert sie als gleichermaßen mutige und faszinierende, wie als distanzierte und irritierende Persönlichkeit, schafft es, innerhalb einer Szene vom Publikum Bewunderung wie Ablehnung zu erhalten. Larraíns Narration spiegelt das Innenleben seiner Figur wider, sein Film ist gleichermaßen zerrissen und schizophren wie in sich stimmig. Seine Erzählweise gerät elliptisch, collageartig, unchronologisch. Die Anordnung der Szenen gleicht einem Puzzlespiel, bei dem sich nach der Zusammensetzung des Rahmens nach und nach ein Bild offenbart, dass sich in „Jackie“ als abstraktes Gemälde erweist. Wer Jackie Kennedy wirklich war, erfährt man aus diesem Film genauso wenig, wie beim Lesen eines Wikipedia-Artikels über sie. In der einen Sekunde scheint sie eine verzweifelte, hilflose Witwe zu sein, in der nächsten wie eine eiskalt berechnende Person der Öffentlichkeit. Ein kurzer, aber brillant geschriebener Moment beschreibt die Haltung Larraíns zu Mrs. Kennedy wohl am besten: Im Interview der Rahmenhandlung zündet sie sich während ihrer Erzählungen eine Zigarette an, nur um direkt darauf den Journalisten darauf hinzuweisen, dass sie Nichtraucherin sei. Ein fast banaler Widerspruch innerhalb weniger Sekunden, der jedoch all das vereint, was der Zuschauer 100 Minuten lang im Kinosaal erleben wird.

Den Widerspruch als zentrales Thema verordnend, ordnen sich alle Werkzeuge der filmischen Erzählung diesem Begriff unter. Der bemerkenswert andersartige Soundtrack des Komponisten Mica Levi setzt einmal auf schmerzhaft-lange Geigen-Stakkatos, um plötzlich eine kindliche Flötenmusik zu spielen. Die bemerkenswerte Kameraführung von Stéphane Fontaine scheint die langen Gänge des Weißen Hauses einmal als perfekte Idylle historischer Bedeutsamkeit zu preisen, nur um sie im nächsten Moment als einsame, papierne Kulisse von Isolation zu entlarven. Final hebt die Regie selbst die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion vollkommen auf. „Jackie“ ist nicht nur der Versuch, gleichzeitig der authentischen Person Jackies wie den Mythos um ihren Charakter zu ergründen, sondern erklärt aus den Szenen und Motiven Kennedys heraus ihre Bestrebungen, jenen Mythos durch gekonnte Selbstinszenierung ganz bewusst überhaupt als Denkmal zu ihrem Mann zu schaffen, wobei Larraín deutlich darauf verweist, in seinem Aufgreifen der Kennedy-Historie Jackies Anliegen 53 Jahre später in Teilen nachzukommen. Auf den Zapruder-Film sowie auf jede sonstige Nachstellung des tödlichen Attentats scheint „Jackie“ übrigens lange vollkommen zu verzichten, um es dann aber doch noch einzubringen… wenngleich nicht in der Form, wie der Zuschauer womöglich hätte erwarten dürfen.

Fazit: „Jackie“ wird nicht als großes Meisterwerk in die Analen der Filmgeschichte oder Kennedy-Aufarbeitung eingehen. Dafür ist der Einblick, den Larraín seinen aufmerksamen Zuschauern gewährt ein zu intimer, aber vor allem auch zu subjektiver, denn so ganz kann er eben nie verbergen, dass „Jackie“ vor allem seine Sicht auf die historische Persönlichkeit der First Lady darlegt. Man sollte sein Werk eher als künstlerisch selbstreferenziellen Beitrag zum Mythos um die Kennedys verstehen, der nicht nur ein Porträt seiner Titelgestalt ist, sondern auch ein Porträt Natalie Portmans, deren Ausnahmeleistung selbst die besten Einfälle der Regie überschattet, und auch ein unfreiwilliges Porträt John Hurts, der als Priester in „Jackie“ den letzten Auftritt in seiner langen Karriere absolvierte. Die abschließende Aussage Jackies ist so unspektakulär wie ehrlich: Mrs. Kennedy ist nicht gestärkt und auch nicht als Siegerin aus ihrer Tragödie hervorgegangen. Ihr „Sieg“ liegt darin, trotz allem immer noch da zu sein. Und dieses „noch da zu sein“ ist sowohl Anliegen wie Herzstück der melancholischen Inszenierung.

Filmdaten/Quelle: http://www.imdb.com/

Bildnachweis: © TOBIS FILM

verfasst v. Michael H.

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