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Sep 18 2017

Jugend ohne Gott: Ein Film über die Liebe – Kritik

Als der österreich-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth 1937 seinen Roman „Jugend ohne Gott“ veröffentlichte, wurde dieser nur kurz darauf von den Nationalsozialisten der Gestapo wieder verboten. Seine literarische Sozialkritik hätte im damaligen Zeitgeist aktueller nicht sein können: Ein Lehrer besucht mit seiner Klasse ein Ferienlager, dass sich schnell als militärische Ausbildungsstätte entpuppt und verzweifelt zusehends an der Amoralität und Gleichschaltung seiner Schüler, die vom System gefordert wird. Der Höhepunkt bei Horváth ist schließlich ein Mord unter dem Schüler-Kollektiv. Ganze achtzig Jahre später wagt sich Regisseur Alain Gsponer an eine Verfilmung – und damit an eine Übertragung in das 21 Jahrhundert, eine Untersuchung, was heute den Platz der Nazis eingenommen hat und sich für eine „gottlose“ Jugend verantwortlich zeichnet. Die Lösung seines Films für diese Neuinterpretation liegt dabei nicht in der Gegenwart, sondern einer unfreien Zukunft.

„Jugend ohne Gott“ wird so zur futuristischen Dystopie. Formte das paramilitärische Jugendcamp Horváths einst Soldaten, so werden die jugendlichen Studenten in Gsponers alpinen Assessment-Center zu Managern und Funktionären einer kapitalistischen Ellenbogengesellschaft im Endstadium ausgebildet. Ohne Gott, das bedeutete schon in der Buchvorlage nicht zwangsläufig eine anti-religiöse Erziehung des Nachwuchses, sondern viel mehr eine junge Gesellschaft ohne Wertesystem, ohne moralischen Kompass, die zusammen abgerichtet werden. Es geht nicht mehr um Entfaltung, sondern ums Funktionieren. Derselben Zwangslage sehen sich auch Zach, Nadesh und Loreen ausgesetzt, denn während „Jugend ohne Gott“ sich im gesellschaftlichen Rahmen nur modernisieren ließ, gibt es narrativ eine bedeutende Änderung. Gsponer erzählt seine Version aus der Sicht der Schüler, und verlagert den Fokus damit auf eine direkt empathische Nachempfindung derer Probleme, als sie wie im Buch aus den Augen eines Beobachters wahrzunehmen. Der Lehrer spielt auch in seinem Film eine wichtige Funktion, wird aber erst viel später dann doch noch als eigentlicher Entscheidungsträger herausgearbeitet. Sein Film erzählt nämlich gleich aus drei Perspektiven dieselbe Geschichte, und das hintereinander, also mit chronologischen Sprüngen, die den Film jedes Mal von vorne am selben Punkt beginnen lassen. Dramaturgisch ist so primär der mit jedem Neustart zunehmende Erkenntnisgewinn durch den erweiterten Blickwinkel der Antriebsmotor der Szenen-Collage, die besonders den räumlichen Kontrast zwischen der sterilen High-Tech-Schulkulisse und der ruralen Alpen-Landschaft hervorragend zu verorten weiß.

Doch so lobenswert die Neugestaltung des bekannten Schulstoffes für ein zeitgemäßes Publikum auf den ersten Blick sein muss, stellt sich das Konzept im Verlauf der mit zwei Stunden viel zu langen Erzählung als zu löchrig und schwach durchdacht heraus. Die Kritik an einer Elitegesellschaft mit höchstem Leistungsdruck und der ständig vorgehaltenen Angst, in die abgelegenen Stadtsektoren (als Parabel auf weitreichende Gettoisierungen, wie man sie in Neu-Delhi oder Hongkong in Extremfällen vorfindet) abzurutschen, mit ihrer aktuellen pädagogischen Botschaft in allen Ehren, gelingt es selten, wirklich ethische Überlegungen anzustellen oder gar zu vermitteln. So sehr sich die deutschen Jungstars Jannik Schümann, Alicia von Rittberg und Jannis Niewöhner auch Mühe geben, ihr kompetentes Spiel kann nur selten verbergen, dass die Charaktere zu stereotyp und leblos gezeichnet sind, als dass deren Schicksal echte Anteilnahme verspüren lassen würde. Rittberg’s Figur verkommt schnell zur nervigen Quasselstrippe, Schümann muss als Titus durchgehend eine inkohärente Charakterzeichnung aufrecht erhalten, und der stärkste im Ensemble, Niewöhner, darf sich eine unglaubwürdig konstruierte, weil zu schnell und kitschig entwickelte Romanze mit der unterforderten Emilia Schüle teilen. Letztere porträtiert Ewa, eine Illegale (die moderne Version der Hovráthschen „Gauner“), wobei selten klar wird, wie genau der Illegalenstatus in dieser abstrakten Zukunftsgesellschaft eigentlich zustande kommt.

Etwas besser erwischt es da nur Fahri Yardım, der sehr eindringlich als namenlos bleibender Lehrer jene Rolle übernimmt, die achtzig Jahre zuvor noch alleiniger Protagonist gewesen ist. Seine Handlungen sind die interessantesten, weil aus ihnen am besten die Unverständlichkeit dafür aufzubringen ist, in welches Korsett sich die Teenager zwängen lassen (müssen). Da er durch die hier veränderte Gestalt der Vorlage jedoch erst sehr spät gezündet wird, setzt der tatsächlich autoritätskritische Charakter der Verfilmung gefühlt zu spät ein, um dem vorher stattfindenden glatten Jugenddrama die nötige Tiefe zu verleihen, die sie gebraucht hätte und sichtbar anstrebt. So verbleibt die dank Komponist Enis Rotthoff überaus anständig musikalisch (in einer reizvollen Kombination aus elektronischen und orchestralen Einheiten) unterlegte Veranstaltung zahnlos auf ihrer ihr zugestandenen Oberflächenspannung stagnierend. Wirklich problematisch für die Glaubwürdigkeit des Geschehens sind unterdessen Details: Warum kann es überhaupt zum zentralen Mord oder anderen Verbrechen kommen, wenn die Studenten doch mit Drohnen, Peilsender-Implantaten und Kameras fortwährend überwacht werden? Und wie kann eine als emotionslos eingeführte Figur durch eine einzige sentimentale Geste zu einer moralischen 180-Grad-Wendung überzeugt werden? Unterforderung darf dann eben auch nicht sein und ein Ende, dass so vorhersehbar wie dieses ist, obwohl es einzig und allein aus einem geschalteten Deus Ex Machina resultiert, muss Gsponer erstmal einer nachmachen.

Fazit: Zuvor mochte es noch so klingen, doch zumindest der Vorwurf, mit der modern gehaltenen „Jugend ohne Gott“ Adaption auf den derzeitigen Dystopien-Zug aufspringen zu wollen, ist in diesem Zusammenhang unangebracht. Gsponer verfolgt mit seiner Änderung, von den faschistoiden Herrschaftsstrukturen zur darwinistischen Maximierungsgesellschaft, ehrbare Ziele, doch versagt darin, diese auf einer menschlichen Ebene auf Augenhöhe mit seinem Publikum zu vermitteln. Es fehlt ein direkter Zugang zu den Charakteren, der dem Geschehen auf der Leinwand mehr Spannung entlocken würde als der so leider oberflächlich bleibende Krimi. Im Roman noch wurde dem Lehrer „Humanitätsduselei“ vorgeworfen, als er einen Schüler darauf hinwies, dass Schwarze ebenfalls Menschen seien. Eben von jener „Humanitätsduselei“ hätte diese Version etwas mehr vertragen dürfen.

Bildnachweis: © 2000-2017 Constantin Film Verleih GmbH

verfasst v. Michael H.

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