Lady Bird – Kritik

In einem Interview zu ihrem Regiedebüt „Lady Bird“ erklärte Greta Gerwig, sie hätte am liebsten einen Film nur aus Nahaufnahmen des Gesichts ihrer Hauptdarstellerin Saoirse Ronan gedreht. In der Tat: Die Identifikation zwischen der Regisseurin und der von ihr entworfenen Titelrolle ist hoch. So wie die 17-jährige Christine, die lieber Lady Bird genannt werden möchte, und sich aus ihrer katholischen Highschool in Sacramento in das kulturelle Leben in der Megametropole New York träumt, stammt auch die in New York lebende Gerwig eigentlich aus Sacramento. Hierin könnte bereits die Quintessenz ihres Films verborgen liegen, denn während „Lady Bird“ oberflächlich betrachtet nur die üblichen Versatzstücke und Etappen des Adoleszenz-Kinos aufgreift und variiert, liegt ihm doch eine komplexe Emotionalität zu Grunde. So wird Gerwigs Film zu einem wunderbaren Lehrstück über die Errungenschaften und Sackgassen des Erwachsenwerdens.

Es ist kein Zufall, dass die Geschichte der anarchistisch angehauchten Teenagerin in das Jahr 2002 verlegt wurde. Der große Traum von New York, der Stadt die niemals schläft, den Christine träumt, wirkt für ihr Umfeld angesichts jüngster Ereignisse umso befremdlicher. Immer wieder streut die Regie subtil die perfiden Auswirkungen der Terroranschläge von 9/11 auf eine frisch traumatisierte Gesellschaft ein und zeichnet damit einen Kontrast zur unschuldigen Denkweise ihrer Protagonistin. Von solchen, fast schon autobiografisch veranlagten Intertextualitäten ist „Lady Bird“ durchdrungen. Während Christine bekundet, von Sacramento angeödet zu sein, und lieber etwas erleben zu wollen, liegt in den traumhaft schön inszenierten Aufnahmen von Land und Leute eine deutliche Nostalgie der Regisseurin verborgen. Aus diesem Konflikt zwischen Christine und ihrem Umfeld und sogar zwischen Christine und dem Film, in dem sie sich befindet, entwickelt Gerwig eine 94 minütige lange Montage, die über den Zeitraum von einem Jahr Lady Birds größten Wunsch erfüllt: Sie erlebt etwas. Sowohl künstlerisch als auch sexuell wird sie sich entwickeln. Sie spielt in der Theater-AG, nabelt sich von der beschützenden Mutter ab und macht ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. „Lady Bird“ sucht diese klassischen „Coming-of-Age“-Momente mit fast ikonografischer Ehrfurcht. Zwei verliebte Gesichter, die sich langsam zum ersten Kuss aufeinander zu bewegen, das erste Kiffen, welches in kindischem Heißhunger endet, der erste Trennungsschmerz, der eine innere Leere hinterlässt und das erste Mal, welches naturgemäß eine Enttäuschung wird.

Ronan spielt all diese markanten Momente des Reifeprozesses mit entwaffnender Ehrlichkeit und offensiver Sympathie. Ihre Leistung ist vor allem deshalb grandios, weil ihre Lady Bird mehr ist als nur eine Projektionsfläche für Jugendliche. In den überaus pointierten Dialogen entwickelt sie sich zu einer dreidimensionalen Persönlichkeit, deren Umwelt so bestechend geschickt charakterisiert wird, dass sich „Lady Bird“ einer klassischen Dramaturgie verweigert. Das filmisch führende Element einer Erzählung tritt in den Hintergrund und wird zur Melange aus Momentaufnahmen, deren einzig erkennbar „inszenierende“ Eigenschaft die oft schnell wechselnde Tonalität ist. Hier liegt Gerwigs große Kunst: Statt sich mit Modernisierungen des Coming-of-Age-Films zu begnügen, geht sie in den spielerischen Diskurs mit ihren Stilmitteln. Den passenden Popsong zur passenden Szene spielt auch sie, doch als er seinen süßlichen Höhepunkt erreicht, bricht sie ihn urplötzlich ab und wechselt zu einer tragikomischen Szenerie. Den tragischen familiären Hintergrund hat erwartungsgemäß auch Christines Familie, doch ausgesprochen wird er stets nur kurz. Beinahe hyperrealistisch haben die Charaktere hier nicht das Bedürfnis, dem Zuschauer ihre Hintergründe erklären zu müssen. Fast beiläufig erfährt Christine von ihrer Mutter: „My mother was an abusive alcoholic“. Ein irrer Drehbucheinfall: Beinahe die ganze Charaktermotivation der von Laurie Metcalf absolut brillant verkörperten Mutter liegen in diesem einen Statement, doch kaum ist es ausgesprochen, endet die Szene wieder und lässt Spielraum für Eigeninterpretation.

Mit dieser sprunghaften, willkürlich scheinenden Vorauswahl verschiedenster Szenarien versteht sich der Film selbst als Erinnerung daran, wie nahe Verletzlichkeit und Ausgelassenheit in der Jugend beieinander liegen können. Kein Wunder also, dass auch die anderen Charaktere nicht zu Stereotypen verkommen, die um Christine kreisen, sondern ein heterogenes Eigenleben entwickeln. Ihre zwei Jugendbeziehungen bekommen von den Schwergewichten Lucas Hedges und Timothée Chalamet effektiv Tiefe verliehen, wie auch ihre beste Freundin von Beanie Feldstein demonstrativ gegen die Sehgewohnheiten agiert. Dennoch bezieht „Lady Bird“ die ganz großen Gefühle aus der faszinierend-wechselhaften Beziehung zwischen Mutter und Tochter, wobei Ronan und Metcalf einen bärenstarken Job leisten, die richtigen Zwischentöne zu finden. Das alles ist clever geschrieben, gefühlvoll gespielt und gerne auch richtig witzig. Wenn die beliebteste Schülerin der Klasse die uncoolen Kids natürlich nicht einmal mit Namen kennt, ist das ein Klischee, sorgt aber für das richtige Maß an Auflockerung. Visuell zeichnet sich besonders das letzte Drittel durch eine unglaubliche Wärme aus, die das Potenzial hat, bei mehrmaliger Sichtung des Films feine Nuancen erkennbar zu machen, die beim ersten Filmgenuss verborgen bleiben. Hier muss auch eine Warnung ausgesprochen werden: „Lady Bird“ ist definitiv einer der Filme, die man immer wieder sehen will, weil sie in einem den Wunsch wecken, mit den Figuren des Films befreundet zu sein. Und selbst, wenn es nur dazu dienen würde zu erfahren, wie es nach dem Einsetzen des Abspanns in ihrem Leben weiter geht.

Fazit: Autorenfilmerin Greta Gerwig weiß schon in ihrem Debüt eine stilsichere, scharfsinnige Eigennote in ein festgefahrenes Genre zu bringen. Viele Szenen, viele Situationen lässt sie dabei so schmerzhaft real werden, zeigt den Selbstfindungsprozess der Jugend so existentialistisch und radikal entromantisiert, dass ständig die Frage im Raum steht, wie vieles hier ihren eigenen Erfahrungen entsprechen könnte. Folgerichtig schließt „Lady Bird“ die Betrachtung eines Jahres im Leben der heranwachsenden Christine mit dem Erreichen der Volljährigkeit – nicht ohne zu verschweigen, dass das wahre Erwachsenwerden in vielen Dingen noch vor ihr liegt.

verfasst v. Michael Hille

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