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Mrz 03 2017

Manchester by the Sea (100%) – Kritik

„Du siehst wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden | Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein“ – Der barocke Dichter Andreas Gryphius besingt in jenen Worten in seinem Sonett „Es ist alles eitel“ von 1637 die Vanitas des Lebens, die Vergänglichkeit. Alles ist eitel, all unser menschliches Tun ist nichtig, wertlos, nur ein Hauch im Verlauf der Zeit. Wozu also noch nach etwas streben? In Kenneth Lonergans 2016 erschienenen Drama „Manchester by the Sea“ hat sich der Protagonist Lee Chandler längst von Träumen und Idealen verabschiedet und die Sinnlosigkeit seines Handelns akzeptiert. Traumatisiert vom Unfalltod seiner Kinder hat er seiner titelgebenden Heimatstadt den Rücken gekehrt und führt ein trostloses Großstadtleben in Boston. Ein zweiter Schicksalsschlag führt ihn zurück nach Manchester-by-the-Sea, nun zusätzlich zu seinen inneren Wunden mit der Vormundschaft für seinen pubertierenden Neffen gebürdet.

Nur selten sieht man im Kino ein Drehbuch verfilmt, welches das Leben in all seinen Facetten so reichhaltig widerzugeben weiß wie Lonergans eigenes Script für „Manchester by the Sea“. All seine komplexen und folgerichtigen Beobachtungen und Schlussfolgerungen über das Leben und den Schmerz, den es mit sich bringt, vereinen sich in Lee Chandler, der zu den vielschichtigsten und dreidimensionalsten Charakteren der letzten Jahre zählen dürfte. Von seiner persönlichen Tragödie tief gezeichnet, verdammt er sich zu einem Leben ohne Liebe, menschliche Wärme oder Aktivität. Seine Schuldgefühle lässt er sich vergelten, in dem er Barschlägereien anfängt, in denen er hoffnungslos unterlegen zusammengeschlagen wird. Und wenn dann mal eine Frau geringfügiges Interesse zeigt, begegnet sie nur unendlicher Gleichgültigkeit. Da die Augen der Schlüssel zur Seele sind, liegt es bei Hauptdarsteller Casey Affleck, dieser auf dem Papier komplexen Figur Leben einzuimpfen. Doch er geht über das Script hinaus: Was Affleck abliefert, muss als absolute Offenbarung betrachtet werden. Er geht über die Grenzen des schauspielerisch Möglichen und liefert eine solch erdrückliche Leistung, die von grenzenloser Traurigkeit und unfassbarer Verbitterung geprägt ist, dass sich selbst bei den gefühlskältesten Zuschauern eine tiefe Verbundenheit zu ihm einstellen wird. Wenn „Manchester by the Sea“ auch nicht jeden im Kinosaal erreichen wird oder erreichen kann, an Afflecks Darbietung wird man sich noch in vielen Jahren erinnern.

So eindrücklich Lonergan das Gefühl der Trauer und Depressivität bis hin zur Katatonie an den Mann bringen kann, umso mehr erzählt sein Film im Verlauf der 138 Minuten Laufzeit eine ganz andere Geschichte. Manchester-by-the-Sea, ein realer Ort an der nördlichen Küste von Massachusetts Bay, mit einer wunderschönen Bucht und einer besinnlichen Ruhe, ist für Chandler gleichermaßen Ort der Gegenüberstellung mit seinen inneren Dämonen, wie Location seines Zusammentreffens mit der rücksichtslosen Ehrlichkeit der Jugend. Sein Neffe Patrick, mitreißend offensiv gespielt von Lucas Hedges, bringt Bewegung in das erschlaffte Vegetieren seines Onkels. Den Tod seines Vaters verarbeitet er nicht beim kümmervollem Dreinblicken, sondern beim gleichzeitigen Anbändeln mit zwei verschiedenen gleichaltrigen Mädchen – und seinen Onkel spannt er spontan zur Mithilfe ein. Wie die beiden sich hier zusammenraufen, ohne je eine Einheit zu formen, ist strukturell und narrativ ganz großes Tennis, die Erzählweise Lonergans ohnehin ein Segen für das Medium. Die Hintergründe der Traumata Chandlers offenbart er in einer tieftraurigen, nie voyeuristischen Rückblende, die der totalen Vernichtung von Menschlichkeit in Figur wie Film entspricht. Er dehnt Momente des unliebsamen Schweigens zur Ewigkeit aus, bis der Zuschauer selbst die Melancholie der Bilder nicht mehr ertragen kann. Gleichzeitig bleibt er der selbstzerstörerischen Ader seiner Hauptfigur bis zum Ende eine tiefere Bedeutung schuldig. „Manchester by the Sea“ erzählt weder von grundsätzlicher Trauerbewältigung noch von Depressionen im Allgemeinen. Er bleibt von Anfang bis Ende eine Betrachtung eines scheinbar zufällig ausgewählten Lebens. Nur den langen unkommentierten Kameraeinstellungen, die den Küstenort selbst festhalten, liegt eine leise Intertextualität, ein metaphorisches Aufseuzen über die zunehmende Urbanisierung in den Vereinigten Staaten verborgen, doch Lee und Patrick bleiben davon unbekümmert.

Lonergans Meisterwerk ist vor allem deshalb so faszinierend, weil es so vollkommen anti-narrativ erscheint. Keine der Szenen wirkt gestellt, nichts davon wie von Menschenhand ausgedacht, keiner der Dialoge klingt aufgeschrieben oder im Dienste der Erzählung funktionell konstruiert. Es gehört so einiges dazu, ein immerhin entworfenes Handlungsgerüst so vollkommen unvollkommen, so willkürlich zufällig wirken zu lassen, dass man denken könnte, all jene Ereignisse, die sich auf der Leinwand abspielen, seien wirklich ein Resultat des Schicksals, ein Entwurf des Lebens selbst. „Manchester by the Film“ ist gewiss einer der traurigsten und unkonventionellsten, und vor allem auch einer der mutigsten Filme seit langem, der die Abgründe des Lebens zeigt, unverfälscht und so beiläufig, gewöhnlich, dass es weh tut. In der besten Sequenz der fantastischen Szenencollagé begegnet Lee auf der Straße unverhofft seiner Ex-Frau wieder. Die beinahe wortlose Versöhnung, die Casey Affleck und Michelle Williams hier darstellen, gehört zu den ganz großen Momenten des Kinos, zu eben jenen spirituellen, bewusstseinserweiternden Erfahrungen, für die der Film ursprünglich erfunden wurde. Zum Ende hin spart Lonergan die Katharsis aus, sowie einen vernünftigen Abschluss allgemein. Das Leben endet nun einmal nicht an einem bestimmten Punkt und anders als die üblichen Kunstfiguren des Kinos, die nur vom Ende des Vorspanns bis zum Anfang des Abspanns da sind, werden Lee und Patrick über das Ende hinaus existieren. Und, wenn sie ihre persönlichen Konflikte eines Tages überwinden, vielleicht sogar leben.

Fazit: Es gibt Filme, die verlässt man nicht mit dem Wunsch, sie auseinander zu nehmen oder zu reflektieren, sondern nur mit dem tiefen Bedürfnis, ihren Machern „Danke“ zu sagen. Danke Kenneth Lonergan für einen zutiefst menschlichen Film! Danke Casey Affleck für eine unwahrscheinliche ehrliche Darbietung! Und danke an „Manchester by the Sea“, dass er trotz aller Missmutigkeiten nicht vergisst, dass Tragik im Leben nicht selten ganz nah bei der Komik liegt. Als Patrick am Abend nach dem Tod seines Vaters schon wieder mit seinen Freunden über „Star Trek“ reden und mit ihnen lachen kann, wird das ein trostspendender Moment für viele Zuschauer da draußen sein.

Filmdaten/Quelle: http://www.imdb.com/

Bildnachweis: © 2017 Universal Pictures International

– verfasst von „Michael H.“

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