Money Monster (40%) – Kritik

moneymonsterManchmal scheitert es dann eben doch am Inhalt. So oder so ähnlich lautet wohl ein erstes Fazit zu Jodie Fosters „Money Monster“, einem wilden Genremix aus Geiseldrama, Börsenthriller, versuchter Systemkritik und Mediensatire. Denn handwerklich, so viel darf verraten werden, kann man Foster kaum einen echten Vorwurf machen. Ihre Regie beweist sich von Anfang an als organisch, ideenreich, abwechslungsreich und gekonnt mit klaustrophobischen Mitteln jonglierend, genauso zeigt besonders Cutter Matt Chessé, warum er momentan einer der besten Männer seiner Branche ist. Und bleibt man bei der filmischen Darstellung selbst, so muss man sagen, dass man das Konzept einen Aktionär zu zeigen, der aus dem Gefühl heraus, betrogen worden zu sein, in einer themenbasierten Unterhaltungsshow Geiseln nimmt, um Antworten zu erzwingen, kaum besser umsetzen kann.

Doch es nützt ja alles nichts – dennoch bleibt „Money Monster“ über weite Strecken der Handlung ungenießbar. Um Fosters handwerkliches Geschick noch einmal zu betonen: Allein das freudige wechselhafte Spiel zwischen den überdimensionalen Filmkameras und den mit der Handlung verwurzelten Film- und Fernsehkameras ist bereits deutlich souveräner, als es viele Kollegen im Ansatz hinbekommen hätten, genauso wie die vielleicht effizienteste Film-Einführung 2016, die in 5 kompakten Minuten alles nötige etabliert und sowohl die Charaktere als auch Inhalte, Themen und Stilrichtung in Position bringt. Hier muss man großzügig den Hut ziehen!
Auch im Folgenden bleibt Fosters Film entschlankt und reduziert, leider jedoch immer ein Quäntchen zu viel. Das fängt bei den Darstellerleistungen an: George Clooney kommt in der Rolle des Showmoderators hierbei am besten weg und bringt Arroganz wie späte Einsicht und Empathie gekonnt rüber, Julia Roberts bleibt als Regisseurin blass, lässt dafür aber durchaus menschliche Züge aufblitzen. Völlig fehlbesetzt scheint Jack O’Connell, der in einer nur allzu hibbligen und unfokussierten Darstellung oft grenzwertig chargiert, statt die psychologische Ebene seines Geiselnehmers voll auszuspielen. Gerade in diesem Aspekt, dem Stockholm-Syndrom, liegt die einzige inhaltliche Stärke: Die langsame Sympathie von Geisel und Geiselnehmer zueinander ist ab einem gewissen Zeitpunkt glaubhaft entwickelt, gerät anfangs allerdings arg sprunghaft.
moneymonster_1Doch leider ist „Money Monster“ kein simples Katz- und Mausspiel 2-3 starker Persönlichkeiten à la „Nicht auflegen“, sondern will die großen systemkritischen Moralkeulen schwingen und lässt die Spannungskurve des Thrillers ähnlich dem einer missgewirtschafteten Firma kontinuierlich auf Absturzkurs. Wen Foster eigentlich kritisieren will, dass scheint sie leider selbst nicht genau zu wissen. Ist es das kapitalistische System? Ist es die raffgierige und immer schnelllebigere Gesellschaft? Sind es unpräzise Entertainer, die sich als Journalisten ausgeben? Ist es das unnötig verkomplizierte Vokabular, welches nur Eingeweihten tiefere Einblicke in die Hochfinanz gewährt? Oder ist es die Gier des kleinen Mannes, der immer meint, alles besser zu wissen und sich in Verschwörungstheorien verliert? Tatsächlich stellt Foster diese Fragen alle auf einmal und weiß schlussendlich keine davon zu beantworten. Anfangs bemüht, ein halbwegs differenziertes Bild zu zeichnen, verfällt sie schnell in platte Kategorisierungen und schiebt die Schuld am Unglück den Bankern zu beziehungsweise zeichnet zum Abschluss das eine bösartige Money Monster, mit dessen Bekämpfung sich alles in Wohlgefallen auflösen kann. Von dieser äußerst naiven Sichtweise abgesehen, raubt der Entschluss „Money Monster“ jede nur erdenkliche Dramatik, da die großen kritischen Ansätze damit bereits bei der Geburt die Luft zum Atmen fehlt.
moneymonster_2Dies führt im Folgenden dazu, dass „Money Monster“ mit jeder weiteren Minute trotz solider Spannungsdramaturgie extrem banal und moralisch daherkommt. Wer auf eine kluge Sezierung der Wall Street Geschäfte hofft, wird vermutlich ebenso herbe enttäuscht wie all jene, die den Kammerspielansatz dieser Geschichte für eine Möglichkeit hielten, einen interessanten Thriller auf engem Raum geboten zu bekommen. Doch Foster hält es nicht im TV-Studio, sie wagt den Gang nach draußen und erzählt (allen Meta-Ebenen und politischen wie wirtschaftlichen Themen außen vor gelassen) eine Geschichte, die haarsträubender kaum noch sein könnte. Kaum ein Charakter verhält sich noch nachvollziehbar, die Spannung stagniert längst nahe des Nullpunkts, Emotionen werden mit allzu pathetischer Musik „untermalt“ und die dann doch wieder plakativ und heuchlerisch mit dem Holzhammer daher kommende Finanzkritik wird sogar gleich mit dem Addressaten ausgeliefert: Wenn Foster mehrmals im Film die Kamera über die Gesichter staunender, verzweifelter oder gleichgültiger Passanten fahren lässt, scheint sie einem gerade zu zuzubrüllen: „Ihr seid gemeint!“. Schade, denn gerade der doch recht schräge Humor (der sich besonders an zwei Stellen als exakt pointiert erweist) bot genug satirisches Potenzial, welches so zwar immer noch erkennbar ist, aber kaum jemanden ernsthaft erreichen wird.
moneymonster_3Am Ende fühlt man sich wie Clooneys Protagonist, denn es ist natürlich so, dass Fosters handwerkliches Können und das enorme Tempo der knappen 99 Minuten während der Sichtung noch über etwaige Handlungsstörungen hinweg helfen – erst danach kommt einem die große Ernüchterung und Einsicht darüber, was da eigentlich passiert ist. Tja, was macht man nun mit dem „Money Monster“? Am besten ist es wohl, die Erwartungen niedrig zu halten und sich hauptsächlich auf das psychologische Element zwischen Pro- und Antagonist wie die gelungene Geiseldrama-Inszenierung zu konzentrieren. Die blauäugigen Versuche einer antikapitalistischen Moralapostelei für den Ottonormalverbraucher nimmt man lieber nicht so ernst. Trotzdem schade, da selbst bei gekonntem Ignorieren dieser zentralen Betrachtung immer noch der schwache O’Connell und die wenig überzeugenden Charakterzeichnungen per se im Vakuum des Geschehens verweilen, ansonsten retten immerhin meist Tempo und Aktion den Film vor ernsthafter Langeweile. Einen zweiten Blick hält das wacklige Konstrukt allerdings kaum Stand. Es bleibt die tolle Inszenierung, das formale Geschick und der unausgegorene unzufriedene Gesamteindruck, weshalb Foster hier schon aufgrund des ersichtlichen Niveaus ihrer Produktion nicht vollends scheitert, aber dennoch eine ziemlich verheerende Enttäuschung vorlegt.

– verfasst v. Michael Hille

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

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