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Sep 16 2016

Nerve (70%) – Kritik

nerve_plakat

„Are you a watcher or a player?“ – Vor diese Frage werden die Protagonisten in „Nerve“ gestellt, als sie sich bei dem gleichnamigen Online-Videospiel anmelden. Entscheidet man sich mutig für den aktiven Part, den Player, wie es die frustrierte Vee, gespielt von Emma Roberts, tut, so erhält das Spiel Zugriff auf sämtliche Social Media Angaben, wie persönlichen Vorlieben, intimen Ängsten und all dem, was sonst noch so in den Untiefen von Instagram, Facebook, Snapchat und anderen Plattformen schlummert. Die Watcher können nun diese Kenntnisse nutzen, um den Playern verschiedene unangenehme Challenges zu stellen, welche diese sich selbst mit dem Smartphone abfilmend bestehen müssen, um reelle Dollar zu verdienen. Der Onlineruhm macht sich bezahlt, doch schnell artet „Nerve“ in extreme Mutproben aus, denn gefährlichere Aufgaben bringen auch mehr Watcher und mehr Geld.

So simpel die Leitmotiv-ähnliche Frage „watcher or player?“ auch gemeint sein mag, so zutreffend ist diese doch für die Generation Smartphone. Heute ist es leichter wie nie zuvor, immer am laufenden zu sein, sei dies über den Freund von Nebenan oder den angebeteten Star am anderen Ende der Welt. Wer online nichts zu bieten hat, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit. So ist es heute einfacher denn je, ein Star zu werden – man denke an Internetberühmtheiten wie Dagi Bee, Gronkh oder PewDiePie -, doch um aus der Masse hervorzuragen, muss schnell zu härteren Maßnahmen gegriffen werden. Damit steht „Nerve“ ganz klar im Zeichen einer dystopisch-angehauchten Gesellschaftsparabel, die sich überaus direkt und offen an die kritisierte Zielgruppe wendet. In den intensiven Neonfarben der schon lange nicht mehr so düster gezeichneten Metropole New York City entfaltet sich eine regelrechte Internet-Apokalypse, in welcher die Leben der Charaktere nur mehr zu Spielbällen ihrer Community werden. Die Regisseure Henry Joost & Ariel Schulman arbeiten dabei mit lauter visuellen Tricks, um das Ausmaß der digitalen Vernetzung begreifbar zu machen. Ständig poppen die Usernamen der „Nerve“-Spieler über der New Yorker Skyline auf, werden Skype-Gespräche und Chaträume in das Bild eingebunden und der Soundtrack ist eine einzige, bewusst nicht immer passende Ansammlung von modernen Indie-Pop-Songs, die wohl aus einer wahllos zusammen gesetzten Spotify-Playlist stammen könnten.

Klar ist, dass jene Mutproben das Zentrum von „Nerve“ sind, inhaltlich wie dramaturgisch. In Zeiten der digitalen Geltungssucht und eitlen Selbstinszenierungen lassen sich auch heutige Online-Sternchen gerne auf die ein oder andere Mutprobe ein, ob nun im Umfang der berüchtigten Cinnamon Challenge oder mit dem gefährlichen Klettern auf extrem hohe Türme oder Kräne, wie im Film an einer Stelle zitiert. Vee und ihr von den Watchern auserkorener Gesell Ian müssen so etwa auf einer Leiter im neunten Stock von einem Fenster zum anderen klettern oder mit verbundenen Augen auf einem Motorrad durch die City jagen. All diese Momente leben besonders von ihren unbarmherzigen Assoziationen, die sie wecken und werden von der Regie auch bewusst Show-artig präsentiert, sodass sich der perverse voyeuristische Kult, der hier offensichtlich, aber nicht allzu plakativ moralisierend angeprangert wird, zwangsläufig auch beim Kinogänger einstellt. Die Spannung steigt zusätzlich durch die herrliche Chemie zwischen Roberts und ihrem Co-Star Dave Franco, die gemeinsam sehr gut und vor allem authentisch funktionieren und erfreulicherweise nicht ab einem gewissen Punkt das naiv-verliebte Pärchen protraitieren, sondern in ihren Neckereien wie ein übermütiger Flirt anmuten, dem man einen positiven Ausgang absolut gönnen würde, was die Fallhöhe im Lauf der Zeit enorm verstärkt. Großartig ist die Einfachheit, mit der Joost & Schulman die Handykameras der Player in ihren Film miteinbeziehen. Eine Sequenz dürfte schon jetzt zu den Highlights des Kinojahres 2016 zählen, als sich einer der Player auf die Schienen eines anfahrenden Zugs legt und ganz flach unter diesem verharrt, die Kamera immer ganz dicht am Mann. Im Kinosaal wird die Anspannung regelrecht greifbar, während man erwartet, dass gleich doch noch irgendetwas nach unten ausschert und den Irrsinn frühzeitig beendet – selten war Jugendkino so simpel und gleichzeitig effektiv damit.

Jugendkino ist ohnehin das Stichwort. Selbstredend ist „Nerve“ seines Themas und seiner folgerichtigen Ausrichtung wegen auf junge Erwachsene zugeschnitten, sodass ältere Zuschauer zwangsläufig ein paar Abstriche werden machen müssen. Die Nebencharaktere sind reine Stereotypen (die besorgte Mutter mit Geldproblemen, der obligatorische treue Hacker-Genie-Kumpel, die extrovertierte beste Freundin) und trotz der durchaus vorhandenen Ansätze, bleibt der gesellschaftskritische Ansatz freilich ein Stückweit an der Dämonisierung von YouTube und Twitch Idolen kleben, wenngleich auch die Macht der Anonymität des Internets sowie die Abhängigkeit vom Rausch der schnellen Datenflut ein Thema sind. Wer hingegen eine schonungslose Abrechnung mit dem medialen Neoliberalismus des 21. Jahrhunderts erwartet, der könnte ein wenig enttäuscht sein. Dennoch ist das Anliegen von „Nerve“ ein immens wichtiges und die Reduzierung auf einige Kernproblematiken in leicht verständlicher Parabel-Erzählung deshalb so relevant, weil die Botschaft damit bei denen ankommt, für die sie bestimmt ist und für die Generation, die es letztendlich am allermeisten betrifft. Damit schafft „Nerve“ über weite Strecken ein nicht zu unterschätzendes Stück Aufklärarbeit und ist dabei auch noch ein gekonnt überzeugender Thriller. Leider sind jedoch auch mit Welpenschutz die letzten 20 Minuten erschreckend dämlich und einfallslos. So löst sich Dystopie in allgemeines Wohlgefallen und verkommt zum modernen Gladiatoren-Getümmel, welches dann auch noch allzu süßlich auflösend den moralischen Zeigefinger in neue Höhen hebt. Dass der Film vor diesem inkonsequenten Verrat an sich selbst kurzzeitig sogar ein viel besseres Ende andeutet, macht diesen Umstand umso schmerzlicher.

Fazit: „Nerve“ weiß als gekonnte gesellschaftskritische Science-Fiction-Adaption moderner Social Media Phänomene zu überzeugen, die sich in ihrem schlüssigen Bedrohungsszenario allerhöchstens 10 oder 15 Minuten in der Zukunft befindet. Besonders pikant bleiben dabei die Momente in Erinnerung, in denen die Watcher dem charmanten Protagonisten-Pärchen wie wild mit dem Smartphone vor den Augen hinterher jagen und dabei im Hinblick auf die kurz vor Kinostart veröffentlichte App „Pokémon Go“, bei der die User in der Realität mit dem Handy virtuellen japanischen Taschenmonstern nachlaufen, eine erschreckende Aktualität beweist.

verfasst von Michael

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

Bildnachweis: © digitalEPK

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