Red Sparrow – Kritik

Kaum einen Beruf hat die Filmgeschichte so romantisiert wie den des Geheimagenten. Als Sean Connery in den 60er Jahren als britischer Superspion James Bond die Kinoleinwände eroberte und damit den Cowboy als Prototypen des idealistischen maskulinen Archehelden ablöste, brach eine Welle von gigantomanischen Fantasy-Filmen über das Actionkino ein, in denen Geheimagenten die Spionage als hedonistisches Spiel zur Weltenrettung verstanden, bei dem im Vorbeigehen Gegner getötet und Frauen verführt wurden. Erst seit einigen Jahren beginnt das Bild des Agentenkinos sich zu wandeln – zu Gunsten der Frauen. 2018 stellt „Red Sparrow“ einen weiteren Ableger der auf Agentinnen fokussierten Thriller dar, die nicht nur die Weiblichkeit ihrer Protagonistinnen, sondern auch das Business des Spions ernst nehmen. Die Romanadaption von Regisseur Francis Lawrence bietet eine unerwartet aktuelle Sichtweise, traut sich aber leider in entscheidenden Momenten nicht aus ihrer Haut.

Gemäß der literarischen Vorlage erzählt Lawrence eine Geschichte über den Zusammenhang von Sex und Spionage: Die Ex-Primaballerina Dominika lässt sich aus Liebe zu ihrer Familie von Mütterchen Russland in einer speziellen Einrichtung zur Profikillerin umschulen. Diese lange Ausbildung, die die erste Hälfte des Films dominiert, bleibt erstaunlich non-physisch. Keine Kampfszenen, kein Ausdauerparcour. Stattdessen zeigt die Regie einen psychologischen Kampf: Den Versuch der Ausbilder, aus den jungen Frauen und Männern gleichgeschaltete Maschinen zu machen, die keinerlei persönliche Bedürfnisse haben, denen sie nachgehen könnten. Immer wieder werden die angehenden Spioninnen sexuell erniedrigt, müssen Blowjobs „absolvieren“ und lernen, die Bedürfnisse von Männern zu erkennen und zu manipulieren. Sex ist in ihrem Gewerbe ein Werkzeug, welches – richtig eingesetzt – berufliche Vorteile bringt. Erstaunlich ist, wie konsequent Lawrence dieses Thema umzusetzen weiß. Obwohl „Red Sparrow“ eine große Studioproduktion ist, gibt es explizite Nacktszenen und derbe Gewaltdarstellungen. Selbst vor angedeuteten Vergewaltigungen, inzestuösen Beziehungen oder minutenlangen Foltersequenzen (in denen etwa ein Gefangener lebendig gehäutet wird) macht der Film keinen Halt. Bei diesen extremen Gewalteskalationen bleibt unterschwellig immer klar, dass der meist männliche Folterer in der Unterdrückung seiner meist weiblichen Opfer sexuelle Befriedigung findet. In der Welt, die „Red Sparrow“ zeigt, ist jede einzelne Handlung durch Sex motiviert, außer Sex selbst. Der Sex ist in „Red Sparrow“ durch Macht motiviert.

Diese drastische Destruktion etablierter Kinomythen sorgt für die raren Momente, in denen Lawrence und sein Film packen können, in denen das Zuschauen wahrlich unangenehm wird. Leider jedoch zeigt die Regie bei allem Mut zur Explizitheit deutlich weniger Eigenständigkeit bei der Plotentwicklung. Einerseits beweist das Drehbuch, mühelos mit Pulp-Elementen und Sexploitation-Bausteinen jonglieren zu können, andererseits baut sich der Plot aus den Versatzstücken des Genrekinos zusammen, welches „Red Sparrow“ eigentlich demaskieren will. Die Charaktere erweisen sich schnell als eindimensionale Schachfiguren, die nur auf ihren Effekt statt auf Empathie hin konstruiert wurden, weshalb der mit 140 Minuten deutlich zu lang geratene Agententrip im Mittelteil kaum Handlungsentwicklungen erkennen lässt. Peinlich wird diese Rückständigkeit vor allem dann, wenn sämtliche russische Figuren von amerikanischen oder britischen Darstellern gespielt werden, und sich so gestandene Schauspieler wie Jennifer Lawrence, Ciaran Hinds oder Matthias Schoenaerts mit furchtbar falschen Fake-Akzenten behaupten müssen. Jeremy Irons, der als eiserner General in einer Nebenrolle arg verschenkt wird, scheint gleich ganz auf den Akzent zu verzichten. So fällt auf, dass sämtliche interessante Ergänzungen, um die Lawrence mit seinem Film das Genre bereichern möchte, an ihrer Formelhaftigkeit kranken. Die lange Ausbildung und Abstumpfung im „Whore House“, wie Dominika die Einrichtung nennt, müsste der spannendste Teil des Films sein, leidet aber trotz des Settings stets daran, dass Charlotte Rampling als Ausbilderin mit ihrem stereotypen Charakter wie eine Reinkarnation von Lotte Lenya aus dem James-Bond-Klassiker „Liebesgrüße aus Moskau“ anmutet.

Überhaupt fehlt dem Film im Kontext seines Erscheinungsjahres ein moderner Anstrich. Durchgehend atmet er die Atmosphäre eines John le Carré Romans und weckt vielfach Reflexionen an den Kalten Krieg. Das ist deshalb ein Problem, weil die so angedeuteten postmodernen metafilmischen Gedankengänge an ihrer eigenen Rückständigkeit ersticken. Im letzten Drittel, wenn kurze Actionsegmente und klassische Suspense-Szenen Einzug in die narrative Struktur nehmen, zieht Lawrence gar aus den Elementen seinen Reiz, welche er vorher noch kritisch neu zu denken gedachte. Die Konklusion, die auf eine kathartische Wirkung abzielt, verfehlt somit völlig ihr Ziel und führt angesichts der vorherigen bewusst voyeuristisch angelegten violenten Grafik und Fetischisierung der Gewalt den Clou der Story unmotiviert ad absurdum. Das ist ob der handwerklichen Qualität des Films bedauerlich, der dank des ausgefeilten Produktionsdesigns von Maria Djurkovic und den hypnotisch-suggestiven Melodien aus dem Soundtrack von James Newton Howard mehr Atmosphäre atmet, als er sich verdient. Die feministische Position der Frau in einer Männerdomäne gefällt, wenngleich Dominika zu sehr in der Opferrolle verhaften bleibt und ihre erlernten Fähigkeiten meist genauso sehr eine Behauptung bleiben wie ihre angebliche Liebesaffäre mit dem von Joel Edgerton statisch verkörperten CIA-Agenten, der (typisch für 60er-Agentenfilme) als Amerikaner das moralische Zentrum im Figurenkosmos ist, während die Darstellung der russischen Regierung eher an schlimmste UdSSR-Dämonisierungen des westlichen Kinos denken lässt.

Fazit: „Your body belongs to the state“ wird ihr beim Einzug in die „Whore School“ beigebracht. Wenn Dominika bei ihren Einsätzen im Auftrag der Putin-Administrative die Beine breit macht, ist der Spionagethriller „Red Sparrow“ aktueller, als seine Macher es je hätten beabsichtigen können. Wie die junge Frau, gespielt vom wohl größten weiblichen Hollywood-Star ihrer Zeit, Jennifer Lawrence, sich für ihre Karriere in einer Männerwelt wortwörtlich prostituieren muss, ruft angesichts jüngster Enthüllungen um Filmproduzent Harvey Weinstein und der in Folge geführten #metoo-Debatte grausige Assoziationen hervor. Von dieser fast zufälligen Qualität abgesehen verpasst Regisseur Francis Lawrence es, abseits von Grenzüberschreitungen überzeugende Akzente zu setzen. Stattdessen bleiben fade (Fake-)Akzente und platte Kalter-Kriegs-Klischees.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2000-2018 20th Century Fox