«

»

Okt 18 2016

Sausage Party – Es geht um die Wurst (60%) – Kritik

sp_hauptplakat_stoerer_a3_300_dpi_700

Manchmal ist es fast schade, dass in den Kinos sogenannte Altersfreigaben existieren, die einem erst ab einem gewissen Alter gestatten, den entsprechenden Film zu goutieren. Denn im Falle der 2016er Animationsfilmkomödie „Sausage Party“ wäre es doch glatt interessant gewesen, wie viele Mütter wohl binnen der ersten 15 Minuten mit ihren minderjährigen Kindern panisch und entsetzt den Saal verlassen hätten, wäre er nicht in den USA mit einem R-Rating (oder hierzulande mit einer FSK 16) versehen worden. Klar, oberflächlich mag das 89 minütige Filmvergnügen der Regisseure Conrad Vernon & Greg Tiernan mit seinen niedlichen Animationen von lebendigen Nahrungsmitteln wie Frankfurter Würstchen, Hotdog-Brötchen, Tequila Flaschen oder Kartoffelchip-Tüten wie eine unschuldige Kinderfilm-Geschichte der Marke Pixar oder Dreamworks wirken, doch schon nach der obligatorisch einleitenden Gesangseinlage und den ersten etwas zu eindeutig expliziten Annäherungsversuchen von Wurst und Brötchen wird schnell klar: „Sausage Party“ ist der womöglich vulgärste und pubertärste Spaß des Kinosommers!

Besagte Altersfreigabe ist dabei so zutreffend wie schon lange nicht mehr: Die Dialoge von „Sausage Party“ (unter anderem von Seth Rogen, der auch den Protagonisten vertont, und Evan Goldberg) reizen die Grenzen des guten Geschmacks so derbe aus, wie man es lange nicht mehr erlebt hat. Wenn hochkarätige Sprecher wie Jonah Hill, Kirsten Wiig, Michael Cera, Selma Hayek, Edward Norton und „Ant Man“-Star Paul Rudd als unterschiedlichste Elemente der Nahrungspyramide endlos lange Ansammlungen von Schimpfwörtern zum Besten geben, betrunkene Spirituosen dem Hotdog-Brötchen eindeutige Avancen machen, aus den Regalen gestürzte Konserven und Gläser Kriegsfilm-artig verkrüppelt nach dem Aufschlag zurückbleiben oder ein versehentlich beschädigter Irrigator auf Rache für die Verbiegung seiner Pumpe sinnt, wechseln sich zum fremdschämen anregende Momente mit grandiosen Ideen ab, stoßen irrsinnige Zoten auf plumpe Sexwitze und kopulieren genredekonstruierende Elemente mit gelangweilt präsentierten Klischees. „Sausage Party“ provoziert den Zuschauer am laufenden Band und lässt die zahlreichen Gags so blitzschnell und unmittelbar ohne Atempause bis zum Einsetzen des Abspanns über die Leinwand sprudeln, dass allerhöchstens ein Drittel von ihnen überhaupt wirklich sitzen kann, geschweige denn wahrgenommen wird. Dieses hohe Tempo trägt einen enormen Teil dazu bei, dass die Animationsorgie als gleichermaßen kurzweilig wie anstrengend eingeschätzt werden darf.
spfp-100_700Obwohl die brillante Grundidee der Autoren nämlich in vielen Momenten die Bauchmuskeln zu strapazieren weiß, ist es schwer den Gedanken zu verwerfen, dass in diesem Falle ein spritziger Kurzfilm künstlich zum Langfilm aufgebläht werden musste. In seinen absolut besten Szenen ist „Sausage Party“ schließlich all das, was man von ihm nach der Vorschau erwarten durfte. Unterstützt durch einen Score, bei dem unter anderem Disneyfilmmusik Veteran Alan Menken seine begabten Hände im Spiel hatte, wissen Vernon & Tiernan spielerisch, klassische Genremomente ad absurdum zu führen, wie die musikalisch traurig untermalte Retardierung am Ende des zweiten Drittels oder die Nebenhandlung des Slapstick-Sidekicks (die hier in einen höchst vergnüglichen Kiffer-Exzess mit James Franco mündet). Gleichzeitig jedoch nutzen sie die selbst erwählten Niveaulosigkeiten, um über das Medium Film hinaus einige clevere Selbstreferenzen vorzubringen, die besonders dadurch an Komik und Elan gewinnen, weil die erschaffende Welt (mag sie auch absurd gestaltet sein), das filmische Universum, von Anfang bis Ende (nicht zuletzt dank der oft herrlich eigensinnigen Animationen) schlüssig und kohärent wirkt. So weiß „Sausage Party“ seine Zuschauer mit liebevollen optischen Details zu begeistern, überrascht aber ausgerechnet auf inhaltlicher Basis. Denn als die Lebensmittel, die uns Menschen wie Götter verehren, erfahren, dass sie nach dem Verlassen des Supermarktes eben nicht in eine Art göttliches Jenseits einfahren dürfen, sondern einem brutalen Schicksal begegnen werden, erlaubt es sich die Regie, ein paar nachdenkliche Momente einzustreuen, die blinden Fanatismus und depressiven Nihilismus genauso eindeutig kritisieren wie vorurteilsbehaftete Konflikte zwischen ethnischen Gruppierungen angesprochen und als sinnlos erkannt werden. Dass dem anarchistischen Perversitätenstadl von Haus aus ein gewisser Atheismus zu Grunde liegt, dürfte in der Natur der Sache liegen, die hiermit einhergehende Botschaft vermag dann in ihrer klaren Subtilität aber doch zu überraschen.
spfp-105_700Dennoch – jeder Achilles hat schließlich seine Ferse – scheitert „Sausage Party“ am Ende an sich selbst, beziehungsweise an den Hoffnungen der Machern, hiermit am ganz großen Rad zu drehen. So muss jeder halbwegs komische Moment bis zur Unendlichkeit ausgedehnt werden und besonders im abschließenden Drittel, welches nur noch als eine Aneinanderreihung von meist missglückten Steigerungsversuchen der vorhergehenden Verrücktheit gewertet werden darf, ist der Bogen dann doch zu arg überspannt, schlussendlich deshalb, weil der Anarcho-Ton sich längst abgenutzt hat und zur kalkulierten Masche, zum reinen Selbstzweck, mutiert, dem dann auch noch der unangenehme Anklang der Erzwungenheit anhaftet und nur zu gerne die Klischees bedient, die vorab noch mit Heftigkeit angeprangert wurden. So macht sich mit fortschreitender Laufzeit eine erschreckende Humorlosigkeit immer mehr bemerkbar, bei der sich irgendwann nur noch ein striktes Konsumieren anschickt und nach der man den abschließenden Schlussgag, bei dem der Zuschauer als Voyeurist nachgeschoben angeprangert und mit den verschwenderischen Konsumenten von Lebensmitteln auf eine Stufe gestellt werden soll, am besten gar nicht ernst nimmt.
sppk09_mdt_s0100_final_v7_700Fazit: Alles hat ein Ende – nur die Wurst hat zwei. Diese sprichwörtliche Weisheit hätte bei „Sausage Party“ gerne weniger wörtlich genommen werden dürfen. So wären die Macher vielleicht nicht dem Drang verfallen, jeden mehr oder weniger ansprechenden Kalauer mit bedingungsloser Hartnäckigkeit in ihrer Genre-Parodie zu verwursten. Das schlussendliche Ergebnis kann sich dem Eindruck nicht entsagen, dass hier gehörig viel Potenzial verschleudert und leichtfertig verworfen wurde, genauso wenig wie der Zuschauer in Gänze abstreiten wird, nichts desto trotz die volle Laufzeit über auf seine Kosten gekommen zu sein. „Sausage Party“ sättigt, aber nährt leider nicht.

Bildnachweis: © 2016 Sony Pictures Releasing GmbH

– verfasst von Michael H.

www.gewerbeversicherung.at

Schreibe einen Kommentar