Okt 25 2017

Schneemann – Kritik

Ein estnisches Sprichtwort lehrt: „Der Sommer kommt und küsst das Kind, der Winter kommt und tötet es.“ In der ersten Szene von „Schneemann“ wird dieser Ausspruch beinahe zum Programm: Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter im verschneiten norwegischen Niemandsland lebt, bemerkt den Besuch seines Onkels Jonas, welcher die Mutter sofort in rege Aufregung versetzt. Bald schon erschließt sich, woher die Unruhe rührt: Onkel Jonas fragt seinen Neffen eindringlich historische Eckdaten ab. Für jede falsche Antwort kassiert die Mama einen Faustschlag. Als der Junge diese Gewalt nicht mehr aushält, verlässt er das Haus und baut einen Schneemann… In wenigen eindringlichen Bildern etabliert Regisseur Tomas Alfredson hier das Leitmotiv seines Films: Destruktive Lebensstrukturen, die vor dem Hintergrund einer Landschaft seziert werden, bei welcher der Schnee als Handlungselement stets in seiner bedeutendsten Stellungen kulminiert: als Lebensfeind oder Freudenbringer. Dass all dies vor dem Hintergrund einer spannenden Tätersuche geschieht, ist ein Gewinn für das Krimi-affine Publikum.

Warum Alfredson sich nach 6 Jahren Leinwandabstinenz aus Jo Nesbøs Buchreihe über den versoffenen, verwitterten Ermittler Harry Hole ausgerechnet den siebten Band „Schneemann“ für seine Rückkehr auserwählt hat, wird sofort offensichtlich: Die Kälte der überwätigenden Landschaftsaufnahmen seines Kameramanns Dion Beebe ist dermaßen stechend, dass die fröstelnde melancholische Ausstrahlung der Drehorte gefühlsmäßig direkt übertragbar wird. Selten hält sich die Kamera in Innenräumen auf, und wenn, dann immer mit direkter Fenstersicht, sodass der Film durchgehend in ein unendliches Weiß getaucht wird. Schnell stellt sich dabei heraus, dass Oslo und Umgebung geradezu prädestiniert dafür sind, unter Alfredsons gar ehrfürchtiger Führung zu erscheinen, denn dessen größte Stärke ist es, seiner Inszenierung kühle Eleganz und bedächtige Konzentration beizumengen. Primär dreht sich sein Thriller wie auch der Roman um den titelgebenden Serienkiller, der Mütter enthauptet und ihre Köpfe auf am Tatort zurückgelassenen Schneemännern drapiert, doch nähert sich seine Regie diesem Plot stets von außen. Alfredson sucht anders als andere Krimi-Regisseure nicht den Weg ins Innenleben seiner Figuren, sondern in ihr Außenleben, beziehungsweise ihr nicht vorhandenes Außenleben, wie ohnehin nichts in Norwegen zu leben scheint. Der Schnee, der biologisch wie phänologisch die tote Jahreszeit darstellt, steht hier auch für das gefühlstote Empfinden der Akteure. Wenn also nun ein fantastisch aufgelegter Michael Fassbender als Hole immer wieder verkatert und desillusioniert nach Fußspuren im Schnee sucht, dann ist er eine Personalisierung seiner Umgebung, besser noch, er ist das direkte und logische Produkt seines Umfelds.

Alfredson bedient sich hier einer Bildsprache, die schon in den perversen Taten des Killers selbst veranlagt ist. „Schneemann“ ist ein Film, den man immer wieder auch als Planbeispiel für die Ästhetisierung und Pervertierung der Natur deuten kann. So ist der Schneemann selbst im übertragenen Sinne seit jeher eine Verniedlichung, welche den Schnee, der für viele Melancholie, Kälte und Gefahr bedeutet (und nicht zuletzt seit Beginn der Menschheit genau das eben auch biologisch bedeutet), nutzt, um eine harmlose Gestalt zu erschaffen. Parallel dazu stehen die Taten des Killers, welcher nun eben jene Gestalt wiederrum benutzt, um ihre bizarre Widersprüchlichkeit durch seine morbiden Taten zu potenzieren. Auch Alfredson kennt diesen Widerspruch. Nicht von ungefähr wirkt die Natur bei ihm oft denkbar aufwendig idealisiert, um dann eine krasse, fast bittere Gegenwirkung zu erhalten. In „Schneemann“ geht es überaus brutal zur Sache, wenn Vögelschwärme sich über zerstückelte Frauenleichen her machen, abgetrennte Gliedmaßen an Türen genagelt und Köpfe per Schrotflinte sauber vom Hals entfernt werdem. Der Kontrast aus Blutrot und Schneeweiß ist das Herzstück des Films und wirkt besonders in der entschleunigten Erzählweise. Gehetzt wird seitens der Regie nie und die grotesken Gewalteskalationen vor viel zu schönem Hintergrund müssen mit meditativer Gelassenheit ertragen werden, will man den Höhepunkt erreichen. Dem Zuschauer wird dabei einiges abverlangt, er muss selbst Initiative ergreifen, um sich in dem Gewirr aus Handlungssträngen zurecht zu finden.

Immer wieder droht man, vor lauter Namen und Subplots, die nicht mal alle wirklich auf ein Ziel hinsteuern, regelrecht verloren zu gehen. Dieser Effekt ist jedoch beabsichtigt. Alfredson will kein rätselhaftes Puzzlespiel aufziehen, sondern dahin, wo Menschen aufeinander prallen, die von derselben Umwelt unterschiedlich geprägt wurden. So dienen ihm als Spiegelung von Fassbenders Hole gleich zwei unterschiedliche Figuren. Einmal die von Rebecca Ferguson gespielte Katrine, die als neue Partnerin Holes eine deutlich humanere Note aufweist, aber dabei finsterere Motivationen als er verfolgt, während in einer häufiger gesetzten Rückblendenhandlung ein blendend besetzter Val Kilmer als Ermittler auftritt, der 9 Jahre vor dem Hauptplot den ersten Mord des Schneemanns untersucht. Überhaupt ist die Besetzung formidabel gelungen. Wer glaubt, dass Darsteller wie J.K. Simmons, Jonas Karlsson, James D’Arcy, Genevieve O’Reilly, Toby Jones oder Charlotte Gainsbourg in Nebenrollen verschenkt wären, der irrt, denn sie alle tragen dazu bei, durch ihr Mimenspiel die Abgründe ihrer Figuren da zu erahnen, wo Taten nicht mehr für sich sprechen können und helfen gleichzeitig durch ihre Einprägsamkeit der Orientierung des Zuschauers, die Figuren zuordnen zu können. Richtig stark wird es, wenn „Schneemann“ sich einen finalen dritten Akt leistet, der mit mehreren hochklassigen Wendungen aufwartet und sich dann auch noch traut, entgegen der Konventionen die Tätersuche in beinahe poetischer Einfachheit versanden zu lassen.

Fazit: „Schneemann“ ist eine konzentrierte Studie darüber, wie Menschen und ihre Taten durch ihr Umfeld bedingt werden und dabei wieder ihr Umfeld selbst beeinflussen. In impressionistischen Bildern ergibt sich so ein schlüssiges, wenngleich für den ein oder anderen Zuschauer vermutlich sperriges Gesamtbild, welches genügend Interpretationsspielraum offenlässt, um danach darüber zu diskutieren… oder sich zu freuen, dass wieder ein Mörder seine gerechte Strafe erhalten hat.

verfasst v. Michael Hille

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

Bildnachweis: © 2017 Universal Pictures International All Rights Reserved

www.gewerbeversicherung.at

Schreibe einen Kommentar