So was von da – Kritik

„Jetzt der Abspann. Das wäre perfekt.“ – Nein, das ist keine Aussage eines gelangweilten Kinozuschauers, sondern der Wunsch von Oskar. Für ihn könnte „So was von da“ bereits enden, bevor er begonnen hat. Er weiß, dass es besser nicht mehr werden kann – umringt von seinen betrunkenen Freunden, die an ihn gelehnt mit Absinth-Gläsern in ihren Händen stehen. Oskar weiß: Dies ist nicht nur der Höhepunkt des Films, es ist der größte Moment in seinem Leben. Doch der Zuschauer sieht etwas anderes: Einen Haufen hoffnungsloser Versager, die ihre letzten grauen Zellen für den nächsten Trip geopfert haben und nach dem Aufwachen wieder in ihrer traurigen Existenz angekommen sein werden. Und gleich hierin schlummert die kluge Wechselseitigkeit dieses eigenwilligen Films: Er spielt mit innerer und äußerer Wahrnehmung. Er zeigt eine legendäre Silvesterparty auf dem Hamburger Kiez, die für ihre Teilnehmer enorm aufregend gerät – betrachtet wird sie hier jedoch von dem stocknüchternen Zuschauer im Kinosessel.

Ein kurzes Zucken, ein plötzliches Grinsen, ein lautes Geräusch, ein gelebter Impuls. Die Spontaneität einer kurzen Denkpause, der in Sekundenbruchteilen vorbeiziehende Augenblick, es sind genau diese Momente, denen Improvisationsfilmer Jakob Lass in seiner Filmografie nachjagt. Seine Drehbücher sind oft nur vage Skelette, Konzeptzeichnungen, die die Darsteller vor laufender Kamera ausfüllen müssen. Und genauso näherte er sich in „So was von da“ dem (fast) gleichnamigen Kiezroman von Tino Hanekamp mit einer ganz eigenen Herangehensweise. In einem Casting-Aufruf für Statisten ließ die Produktionsfirma verlauten: „Die Werktreue der Romanverfilmung besteht nicht in einer Reproduktion der Dialoge aus dem Buch, sondern darin, das Lebensgefühl des Romans auf die Leinwand knallen zu lassen.“ Und genauso will Lass verstanden werden. Oskars Odyssee durch das Nachtleben in St. Pauli ist in seiner Sprache und etwa durch den Auftritt des im Hamburger Rotlichtmilieu bekannten Kiezkalle (der sich gleich selbst verkörpert) zwar eindeutig in der Elbstadt verhaftet, erzählt aber eine universelle Geschichte einer postmodernen Jugendkultur, die lieber im gelebten Moment verglüht, als beim Gedanken an die Zukunft zu verbrennen. Das Feiern ist für die Veranstalter dieser Silvesterparty seine eigene Essenz, das eigene private Versagen wird mit Stolz und Pathos betrachtet, etwa wenn Oskar aus dem Off verkündet, seine Seele sei so kaputt wie seine eingetretene Wohnungstür.

„So was von da“ erzählt von einem Hochgefühl, bevor einen die bittere Realität ins Leben zurückführt. Oskar sieht sich zwar bedroht, „Kiezkalle“ will 10.000 Euro von ihm, sonst sind seine Finger dahin. Doch je später die Nacht, umso egaler wird Oskar die zunehmende Bedrohung. Was zählt, ist die totale Gegenwart, die Dancefloor-Euphorie, die Lass ganz direkt einfängt, unverfälscht. Um das zu erreichen ließ er seine Darsteller nicht nur die meisten Dialoge improvisieren, sondern drehte an 4 Tagen in einem echten Hamburger Club, während des Betriebs. Hauptdarsteller Niklas Bruhn ist dafür die Idealbesetzung. Er trifft den richtigen Ton aus sensibler Nachdenklichkeit und hedonistischer Unruhe. Als besonders amüsant ist zudem der selbstironische Gastauftritt von Bela B. als von den Toten auferstandener Altrocker zu erwähnen, der wohl als einziges Zugeständnis an die Vorlage eine abgeschlossene Nebenhandlung zugestanden bekommt. Ansonsten geht es gehörig chaotisch zu, so chaotisch, dass Wunsch, Wirklichkeit und Drogenhalluzinationen kaum noch zu unterscheiden sind. In einem wilden Ritt jongliert Lass mit Jump-Cuts, Zeitraffern, Split-Screen-Aufnahmen und filmt dazu bei Doppelbelichtung mit einer Wackelkamera, immer so, als suche er nach einer Geschichte, einer tieferen Bedeutung oder gar einer narrativen Struktur, erfolglos. Den steigenden Eskalationsstufen kann kein Kamerateam der Welt einen Sinn verleihen, es kann nur durch den filmischen Stakkato dem Exzess möglichst nahe kommen.

Aus eben diesem Grund galt der Roman als unverfilmbar, doch wenn man den Berserker-Sog der Adaption erlebt hat, weiß man, dass sie den Roman eher erweitern als umsetzen will. Erweitern um Techno-Musik, um kantige Gesichter und um stroboskopisch durchsetzte Nebelschwaden, die erst ganz am Ende vom apokalyptisch wirkenden Sonnenlicht aufgelöst werden, dass den drohenden Untergang aller Figuren ankündigt – wohlgemerkt ohne, dass Lass ihn zu zeigen gedenkt. „So was von da“ ist der Sturm vor der Ruhe, ein Konglomerat aus Energie und Verzweiflung. Etwa, wenn blutend trotz Kniescheibe im Fuß weiter gefeiert, das Verführen der eigenen Exfreundin erst als Triumph und dann als persönliche Niederlage gedeutet und ein Gehirntumor per Hand aus dem Kopf herausgenommen und damit Golf gespielt wird. Von der destruktiven Grundhaltung ihres eigentlich kindischen Benehmens spüren die Figuren allerdings wenig. Für eine solche Erkenntnis bleibt ihnen in ihrem faszinierenden Mikrokosmos auch keine Zeit. Lass konzentriert sich wie Oskar auf das Hier und Jetzt, und lässt es genau dann endgültig im Rausch versinken, als das Leben wieder an dessen kaputte Tür klopft. Wer sich darauf einlassen kann, erlebt im Kino letztlich auf ganz andere Weise dasselbe wie Oskar. Rastlose Melancholie, aber auch ermüdende Ziellosigkeit.

Fazit: „Was früher mal der Knaller war ist heute nur noch Krach | Und drei Tage wach gleich zwölf Tage schwach | Früher waren wir Bunnies, heute sind wir alte Hasen | Und die Blüten uns’rer Jugend blühen bei uns nur noch in Vasen“ – Zwar ist es nicht direkt diese Stelle aus dem Song „Ich Rollator mit meim Besten“ der Band Grossstadtgeflüster, die in „So was von da“ zitiert wird, dennoch wirkt sie wie eine Zusammenfassung der Party-People-Polterei. Die Frage, wohin all das Chaos und die irrealen Abenteuer hinführen sollen, steht dem direkten Erlebnis nur lästig im Weg. „So was von da“ ist mehr Form als Inhalt und zieht seinen Reiz aus der Diskrepanz dessen, was Oskar sieht und was wir sehen können. Beginnend mit seinem Wunsch nach einem Abspann, bevor wir ihn überhaupt kennen gelernt haben. Doch hätten wir auf ihn gehört, würden wir uns am Ende vielleicht nicht so leer und so verkatert fühlen.

verfasst v. Michael Hille