Solo: A Star Wars Story – Zweitkritik

Als wir Han Solo im allerersten „Star Wars“ von 1977 zum ersten Mal treffen, wird der Weltraum-Cowboy gerade vom grünhäutigen Kopfgeldjäger Greedo in der Cantina auf dem Wüstenplaneten Tattooine festgenagelt. Eloquent versucht er sich aus der Situation zu quatschen. Da fällt plötzlich ein Schuss: Greedo kippt leblos auf den Tisch, Solo steht auf und geht kaltschnäuzig davon. Eine Ikone war geboren! Han Solo ist Harrison Ford und für nicht wenige sind er und Wookie-Kumpel Chewbacca das eigentliche Herz des „Star Wars“-Universums. Vorfreude kam daher erstmal verhalten auf, als Disney ankündigte, im Zuge der neuen „Star Wars“-Offensive ein Prequel über den kauzigen Space-Eastwood zu produzieren. Als dann auch noch während der Dreharbeiten das eigentliche Regie-Duo gefeuert wurde und Gerüchte aufkamen, Hauptdarsteller Alden Ehrenreich habe noch am Set Schauspielunterricht nehmen müssen, schien Hans berühmtester Spruch den Fans aus der Seele zu sprechen: „I have a bad feeling about this.“

Sein größtes Problem teilt „Solo: A Star Wars Story“ mit der Star-Wars-Prequeltrilogie von George Lucas. Spätestens, als der zehnjährige Lausbub Anakin Skywalker von seiner Mom mit „Anni“ gerufen wurden, war für viele Zuschauer der Schritt zur Entmystifizierung seines späteren Alter Egos Darth Vader getan. Und auch „Solo“ scheint einen Haufen Fragen zu beantworten, die sich nicht nur vorab niemand gestellt hat, sondern die die mysteriöse Aura der Solo-Figur enorm beschädigen: Wieso heißt Han mit Nachnamen eigentlich Solo? Wie haben er und Chewbacca sich kennen gelernt? Wann kam er in den Besitz seines legendären Millennium Falken? Und warum kann der Falke in Gefahrensituationen eine richtige Diva sein? Hierin offenbart sich das große Problem des wenig überzeugenden Films: Die Vorgeschichte der Han-Figur wird wie eine Strichliste abgearbeitet, ohne eine für sich stehend starke Geschichte zu erzählen. Einzelne Sätze aus den originalen „Star Wars“-Filmen werden so zu riesigen Actiongefechten aufgeblasen. Erwähnte Solo im 77er Original, dass er den Kessel-Flug in unter 12 Parsec geflogen sei, muss dieser hier als bildgewaltiges Action-Setpiece seine epische Entsprechung finden. Mitreißend oder befriedigend ist das wenig, auch weil „Solo“ zu wenig Arbeit in seine Charaktere investiert. Die Freundschaft zwischen Han und Chewbacca wird in Windeseile beschlossen und sämtliche Nebencharaktere müssen sich beständig dem Prequel-Charakter unterordnen. Die angedeutete Affäre zwischen Han und seiner Herzdame Qi’ra ist im Hinblick auf sein zukünftiges Anbandeln mit einer bestimmten Weltraumprinzessin ohnehin zum Scheitern verurteilt.

All das ist deshalb schade, weil Ron Howard, der auf dem Regiestuhl nach dem Rausschmiss des unerfahrenen Comedy-Duos Phil Lord und Chris Miller kurzfristig Platz nahm und weite Teile des Films unter Zeitdruck neudrehen musste, durchaus fähig ist, eine eigene Bildsprache für „seinen“ Film zu finden und gemeinsam mit Kameramann Bradford Young den visuell bodenständigsten Film der Space Opera zu Tage bringt, was besonders in Actionszenen für unerwartete Plastizität sorgt. Klarer Höhepunkt des Films ist daher eine frühe Heist-Movie-artige Sequenz, in der Han und Kumpanen einen Hochgeschwindigkeitszug zu überfallen versuchen und in der „Star Wars“ kurz zu seinen Sci-Fi-Western-Ursprüngen zurückfindet. Doch im weiteren Verlauf mangelt es schmerzlich an echten Identifikationsfiguren. Die Auftritte von Paul Bettany oder Thandie Newton wirken, als hätte man beiden spontan Rollen geschrieben, damit sie sich Kindheitsträume erfüllen können. Emilia Clarke bleibt als Qi’ra unverschämt blass und konturlos, Woody Harrelson spielt auf Sparflamme. Am schlimmsten ist jedoch wie vorab befürchtet die Besetzung von Alden Ehrenreich in der Titelrolle. Ohne jedes Charisma und mimisch extrem eingeschränkt ist er für keine Sekunde als Antiheld glaubwürdig – der Vergleich mit Harrison Ford verbietet sich da sowieso. Einzig Donald Glover als junge Version von Hans Rivalen Lando ist ein Lichtblick, weiß er doch mit all dem zu glänzen, was Ehrenreich abgeht: Autorität, Charme und Raffinesse.

Es mutet ironisch an, dass der Solo-Film über den größten Trotzkopf der Galaxis der bislang biederste Beitrag zum Franchise geworden ist. Neu und aufregend ist an „Solo“ eigentlich nichts – und genau das war scheinbar beabsichtigt. Das triumphale „Rückkehr“-Gefühl der Neubelebung der Reihe von 2015 ist längst verflogen und während es dem Spin-Off-Ableger „Rogue One“ trotz aller Schwächen wenigstens gelang, mit seiner martialischen Kriegshandlung neue Wege im Sternenkrieg zu gehen, ist „Solo“ routinierte Actionunterhaltung, aber auch überdeutlich hörbar am blutleeren Score von John Powell schrecklich uninspiriert. Howards Film wird nie den Verdacht los, ein Lückenfüller für eine Lücke zu sein, die eigentlich gar nicht da war. Im unangenehmen Sinne zeigt „Solo“ das Problem der pausenlosen Dauerbefeuerung des Franchise durch Disney auf, bei dem jedes Jahr ein neuer „Star Wars“-Film erscheinen muss. Alles ist laut, aber völlig egal und schnell vergessen. „Solo“ ist ein nur kurzfristiges Intermezzo, der „Star Wars“ um das Erhabene beraubt und die Wagnisse des nur 6 Monate vorher in den Kinos gestarteten „Star Wars: Die letzten Jedi“ vermissen lässt. Extrem ärgerlich gerät so der Schluss, als ein ominöser Cameo einer berühmten „Star Wars“-Figur klar macht, dass „Solo“ seine Konflikte nicht zufriedenstellend beendet, sondern lieber auf mögliche Fortsetzungen verschiebt. Im Franchise-Kontext bleibt „Solo“ so nicht mehr als ein Witz – leider einer ohne Pointe.

Fazit: Wer einfach nur seine jährliche Dosis Sternenkrieg braucht, den wird es nicht stören, wenn Ron Howard mit „Solo: A Star Wars Story“ zwar kompetente Unterhaltung liefert, dem Film-Mythos aber nichts wesentliches hinzufügt. Der Rest wird sich fragen, ob es diesen Film gebraucht hat, der nicht nur die Figur Solo entmystifiziert, sondern auch ihre Charakterentwicklung der Originaltrilogie vorweg nimmt. Das erinnert an George Lucas „Special Edition“ genannte Überarbeitungen von 1997. Per CGI korrigierte er seine Meilensteine – und fügte unter anderem ein, dass nun in der Cantina auf Tattooine Greedo zuerst schoss, bevor Han ihn in Notwehr tötet. Fans waren über diese Änderung so erboßt, dass sie unter dem Schlachtruf „Han shot first“ versuchten, eine Rückänderung zum Original zu erzwingen. Dieser Fraktion muss leider gesagt werden: Der Han Solo von Alden Ehrenreich ist definitiv der, der zurückschießt – und nicht als erster.

verfasst v. Michael Hille

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