Star Wars: Die letzten Jedi – Kritik

Es war der Höhepunkt des Kinojahres 2015: Über zwei Stunden lang hatte Regisseur J.J. Abrams der originalen „Star Wars“-Trilogie gehuldigt, doch erst die letzten 3 Minuten machten seine Fortsetzung perfekt. Die Heldin Rey erreicht den Inselplaneten Ahch-To und hält dem verschollenen Luke Skywalker sein Lichtschwert vor. Abrams schloss hier eine Brücke zum ersten Star Wars Film von 1977: Starrte der naive Farmersjunge damals noch verträumt dem „Binary Sunset“ auf Tattooine entgegen, blickt er nun desillusioniert auf seine ehemalige Jedi-Waffe. Und auch der kongenialen Musik von John Williams, der in beiden Szenen dieselben Töne spielt, haftete auf einmal ein Klang von Tragik an. 2017 ist es 40 Jahre her, dass die Kinozuschauer gemeinsam mit Luke in die Ferne schauten. Dort, wo die Sonnen auf- und untergehen ist es auch, wo Rian Johnson mit seiner Fortsetzung des Sternenmythos hin will: Gelang es Abrams durch eine Rückbesinnung auf alte Stärken, die Reihe zu reanimieren, liegt es bei „Die letzten Jedi“, das Publikum in neue Sphären zu führen.

Star Wars: The Last Jedi..Rey (Daisy Ridley)..Photo: Jules Heath..©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Vielfach wurde dem Vorgänger „Das Erwachen der Macht“ vorgeworfen, ein Quasi-Remake vom allerersten „Star Wars“ zu sein. Dieses Mal dürften Puristen sich vor den Kopf gestoßen fühlen: Johnson liefert den ungewöhnlichsten und mutigsten Franchise-Beitrag seit Irvin Kershner 1980 mit „Das Imperium schlägt zurück“ auf George Lucas‘ originalen Sci-Fi-Spaß mit asiatischer Philosophie, Traurigkeit und Verzweiflung antwortete. Schon die Eröffnung des neuen Films, die bislang spektakulärste Raumschiffschlacht der Filmreihe, gibt dem Aufstand des Widerstands gegen die First Order eine martialische Note, die im bisherigen „Star Wars“-Kosmos selbst im als Kriegsfilm gedachten Spin-Off „Rogue One“ undenkbar schien. Die Opfer im Kampf für die gute Sache, gegen das unterdrückende Regime, wirkten nie so tragisch und notwendig wie hier, sie bilden die Rechtfertigung für das folgende Inferno. Ein weiterer Neuaufguss der Originaltrilogie liegt niemandem hier im Sinn: Johnson radikalisiert das „Star Wars“-Narrativ schonungslos. Eben noch kehrt überraschend ein Fanliebling der Originaltrilogie zurück, kurz darauf segnet ein anderer so beiläufig das Zeitliche, dass sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten in der Space Opera ein Kloß im Hals einstellt. Auch Urgestein Williams passt sich dem an: Vorbei ist es mit freundlichen Melodien, selbst das liebliche Rey-Theme des Vorgängers bekommt Schwere verliehen. Das ist auch bitter nötig: Statt einer betont altmodischen Inszenierung geht die Regie in die Vollen: Bildgewaltig und extrem physisch werden die Kämpfe und Schlachten aufgezogen, im eindrucksvollen Showdown steht die Leinwand einmal gar ganz in Flammen.

Star Wars: The Last Jedi..Photo: Film Frames Industrial Light & Magic/Lucasfilm..©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Johnson, der auch das Script schrieb, spinnt seinen Film um zwei Elemente: Das Unerwartbare und das Unvermeidliche. Mehrfach wartet er mit überraschenden Wendungen auf, doch stellen diese stets die einzig logische Konsequenz im Kontext der Charaktere dar. Hierbei kann er auf einen überwältigenden Cast zurückgreifen und bindet jeden aus dem Vierergespann des Vorgängers an eine neue Figur, um Reibungsfläche zu erzeugen und der Handlung Struktur zu geben. John Boyega zeigt im Zusammenspiel mit Kelly Marie Tran, dass er neben den komödiantischen auch die ernsten und dramatischen Zwischentöne beherrscht. Oscar Isaac mausert sich – im Clinch zur toll aufspielenen Laura Dern – zum Han Solo für eine neue Generation, während Adam Driver als Kylo Ren durch sein Verhältnis zum Oberschurken Snoke (gespielt vom fantastischen Andy Serkis per Perfomance Capture) endlich die Konturen und das Gewicht erhält, die er benötigt, um groß aufzutrumpfen. Das Herzstück des Films ist jedoch erneut die zauberhafte Daisy Ridley als Rey, die mit ihrer entwaffnenden Sympathie eine moderne Heldin für ein „Star Wars“ des 21. Jahrhunderts ist. Sie teilt sich ihren Strang mit Franchise-Rückkehrer Mark Hamill, der als verbitterter und ambivalent gezeichneter Emerit das Zentrum des Plots darstellt und die beste schauspielerische Leistung des Films und seine beste Darstellung des Luke Skywalkers präsentiert. Luke ist auch am besten geeignet, um die Eigenart von Johnsons Film zu erörtern: Lebte das Wiedersehen von Han Solo aka Harrison Ford in Abrams Film von der exakten Rekonstruktion vergangener Zeiten, erleben wir den einst idealistischen Skywalker als krasses melancholisches Gegenstück seiner Selbst.

Star Wars: The Last Jedi..L to R: Chewbacca (Joonas Suotamo) and a Porg..Photo: Industrial Light & Magic/Lucasfilm..©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch Carrie Fisher, die nach den Dreharbeiten verstarb und zum letzten Mal in ihrer Paraderolle als Prinzessin Leia auftritt. Ihre zerbrechliche, aber selbstbewusste Darstellung ist rührend und packend zugleich. Ihr allein gehört die volle Sympathie der Regie, denn wie Leia sieht sich auch Rian Johnson als Rebell, der gegen die etablierten Star Wars Konventionen verstößt. Kein Wunder also, dass Fisher die schönste und überwältigendste Szene des Films zugestanden wird. Doch Johnsons Film ist gleich voller herausragender Kinomomente, die „Die letzten Jedi“ zu dem „Star Wars“ Film seiner Epoche reifen lassen werden, über den man noch Jahre diskutieren wird. Auch Traditionen müssen sich davor fürchten, in diesem episch gestalteten, brillant inszenierten Spektakel gnadenlos wegrationalisiert zu werden. C-3PO wird mit einem einfachen „Shut up“ zum Schweigen verdammt, Chewbacca könnte in Punkto exotischer Niedlichkeit von den liebenswerten Porgs überholt werden. Immer wieder zerfetzt der Film klassische Star Wars Strukturen, um sie neu zu ordnen, greift Mysterien des Vorgängers auf und spielt meisterhaft mit den Erwartungen. Dazwischen gibt es ein paar der besten Blockbuster-Actionszenen seit Ewigkeiten (insbesondere ein phänomenales Lichtschwert-Duett und eine Sci-Fi-Version der Encierros von Pamplona begeistern) und herrlichen, ideal dosierten Humor. Tief im Kern ist „Die letzten Jedi“ allerdings noch etwas ganz anderes: Ein zutiefst humanistischer Film. Dann, wenn nämlich gerade kein Feuerwerk abgefeuert wird, verhandelt und plädiert man hier auf das Erhalten von Menschlichkeit, Freundschaft und aufrichtiger Liebe. In den letzten 20 Minuten schlägt man gar einen poetischen Ton an, der bei „Star Wars“ undenkbar schien, aber doch unvermeidlich war. „Das Erwachen der Macht“ gab „Star Wars“ seine Seele, seine Physik zurück, „Die letzten Jedi“ gibt „Star Wars“ sein Herz, seine Bedeutung zurück, was in einer Schlussszene mündet, die das berührende Moment des Vorgängers um ein Vielfaches übertrifft.

FAZIT: Sogar der Abspann zeigt Gravitas. Erst ertönt die Fanfare wie gehabt, dann jedoch spielt das Leia-Theme und die Widmung „In Loving Memory Of Our Princess Carrie Fisher“ wird eingeblendet. Neben perfekter Blockbuster-Action, komplexen Wendungen und hochklassigem Schauspiel ist es die zutiefst menschliche Komponente, die hier so berührt. Kurzum: „Die letzten Jedi“ ist der beste „Star Wars“-Film seit 1980!

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © Disney © Disney•Pixar © & ™ Lucasfilm LTD © Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

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