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Dez 07 2016

Sully (70%) – Kritik

„Everything is unprecedented until it happens for the first time.“ – Manchmal genügen nur zweihundertacht Sekunden, um aus einem gewöhnlichen Piloten eines Passagierflugzeuges einen Helden zu machen, dessen Geschichte schlagartig die ganze Welt begeistert zurücklässt. Am 15. Januar 2009 ist es die Geschichte von Chesley Sullenberger, die in Bildern um die ganze Welt geht, Bilder des Airbus A320-214, wie er seelenruhig im Hudson River von New York City schwimmt. Infolge eines Vogelschlags beim Startabflug vom New Yorker Flughafen fielen beide Triebwerke der Maschine aus. Und in den zweihundertacht Sekunden danach rettete „Sully“ durch die gewagte Wasserlandung 155 Menschenleben. Regisseur Clint Eastwood untersucht in Form eines biografischen Spielfilms sieben Jahre nach der abgewendeten Tragödie die Ursachen für den Erfolg des Wunders und findet die Antwort weder in Schicksal noch Glück, sondern bei Sully.

Trotz dieses überaus spektakulären Falls musste sich wohl auch Eastwood die Frage stellen: Warum einen Film über ein Ereignis, dass weniger als 4 Minuten dauerte? Doch der Film des Altmeisters ist weniger eine reißerische Ausgestaltung des Beinahe-Unglücks, sondern vielmehr eine überlegte, ruhige und sachliche Wiedergabe, die sich voll und ganz auf den Menschen im Cockpit konzentriert, den Eastwood mit diesem Film hauptsächlich ein Denkmal setzen will. Sullenberger selbst hat die Öffentlichkeit und den Rummel um seine Person stets gescheut und wollte sich nie als Helden sehen. Tom Hanks, der unter Eastwoods fähigen Händen die ihm optisch tatsächlich sehr ähnelnde Titelrolle übernimmt, kommt diesem Wunsch nach. Nie stilisiert die Regie Sully zur Heldenfigur, Hanks bleibt in seinem Mimenspiel wunderbar zurückhaltend, unsicher und menschlich, mit einer erschreckenden Authenzität, die völlig natürlich wirkt und damit der historischen Persönlichkeit so nahe wie nur möglich kommt. In einer der besten Einstellungen des Films joggt Sully nach der Wasserlandung durch das abendliche New York und sein überlebensgroßer Schatten schrumpft mit jedem weiteren Schritt auf seine tatsächliche Körpergröße zusammen. Sully ist ein Normalo, ein Jedermann, ein Mittfünfziger mit altertümlichem grauen Schnauzbart, der im entscheidenden Moment alles getan hat, was in seiner Macht stand. Dieser erfrischend menschliche und ehrliche Blick dient Eastwood immer wieder als Leitmotiv für seinen Film, der schon mit seiner kurzen Länge von 95 Minuten klar signalisiert, dass Effekthascherei und künstliche Ausuferungen der Tatsachen hier nicht im Vordergrund stehen sollen.

Bis auf Aaron Eckhardt, der ebenfalls angenehm nuanciert und menschlich agiert, in der Rolle des Copiloten Jeff Skiles (und als dramaturgischer Humorlieferant) konzentriert sich die Kamera ganz auf Sully, der sich in Folge seiner Wunderlandung plötzlich mit der NTSB konfrontiert, einer staatlichen Behörde, die Flugzeugunglücke analysiert und ihn in die absurde Situation bringt, sich für seine Meisterleistung zu rechtfertigen. Der Vorwurf: andere Flughäfen wären ebenfalls erreichbar gewesen und hätten somit den enormen Sachschaden verhindert. Die Skurrilität dieser Gegenüberstellung (ein Pilot mit 42 Jahren Flugerfahrung rechtfertigt sich gegen ein Gremium, welches in Computersimulationen mühsam eine mögliche Alternative kosntruiert hat) arbeitet Eastwood gekonnt heraus, auch wenn er hier zu Gunsten der Spannung mit einigen Übertreibungen arbeitet, stets mit dem Wissen im Hintergrund, dass die reale Geschichte 2016 immer noch im Bewusstsein des Kinopublikums gegenwärtig ist. Unter diesem Gesichtspunkt ist es nur umso bewundernswerter, dass Eastwood die Spannung über die ganze Laufzeit konsequent aufrecht erhalten kann, ohne groß mit Pathos und Dramatisierungen zu arbeiten, sondern nur durch die Verdichtung der eigentlichen Narration. Er erzählt unchronologisch, arbeitet mit Traumsequenzen, Rückblenden auf Sullys Jugend und zeigt die entscheidenden zweihundertacht Sekunden nie in voller Länge, sondern immer nur Teilmengen des Ereignisses, stets zu passenden und folgerichtigen Augenblicken. Dieses anfangs ungewisse Element der Erzählung sorgt für den richtigen Aufhänger und verleiht „Sully“ trotz der dünnen Handlung eine filmische Relevanz.

Gekonnt ist, wie Eastwood über die eigentliche Darstellung der wahren Begebenheiten hinaus thematisch entfaltet, und zwar in Form der Albträume, mit denen Sully geplagt ist. Mehrmals lässt uns die Regie an diesen Horrorvorstellungen teilhaben: Horror deshalb, weil sie Worst-Case-Szenarios aufzeigen, wie der kurze Flug der A320-214 ebenfalls hätte enden können. Wenn der Airbus nun eng an den hohen Bürogebäuden der New Yorker Skyline entlang vorbei fliegt und schließlich in einem von ihnen in Rauch aufgeht, erinnern die suggestiven Bilder in beklemmender Intensität an die Terroranschläge von 9/11, die Eastwood später im Film sogar direkt erwähnen wird. Behutsam und nur über die Bilder kommunizierend wagt „Sully“ sich an die Ikonographie und das tiefsitzende Trauma der USA mit sublimer Kompression, um nach diesen Assoziationen im finalen Akt seinen Protagonisten den Wert des Kollektivs zu beschwören. Sully hält nicht sich für den Helden der Hudson-Landung, sondern alle: Die Rettungskräfte der Küstenwache, die Stewardessen, die Passagiere, alle diejenigen, die überlebt haben. Schade ist, dass die dennoch ergreifend umgesetzten Absturzszenen animatorisch blass und konturarm geraten und die tricktechnische Qualität der visuellen Umsetzung der Flugszenen oft nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgestaltet wurde, was sich angesichts der differenzierteren Schwerpunktsetzung allerdings verkraften lässt.

Fazit: Die hypothetische Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Landung auf dem Hudson River liegt niedriger als die, einen Flugzeugabsturz zu überleben. In der Theorie war der Tod der Passagiere beschlossene Sache. Allen Computersimulationen zum Trotze hält Sully an seiner Überzeugung fest, richtig gehandelt zu haben mit seiner riskanten Entscheidung: Es sei der Faktor Mensch, der den Berechnungen fehle. Eastwoods Film hingegen stellt eben diesen in den Vordergrund und erlangt dabei eine neutrale und nie glorifizierende Momentaufnahme, die nicht mehr und nicht weniger als ein Stück Zeitgeschichte festhalten und ihren wichtigsten Akteur ehren will. Das Ergebnis ist ein unterhaltsames und ehrliches Stück Kino, welches jeglichen Bewegungsparametern des Publikums zum Trotze nur der einen wirklich wichtigen Zahl seine Aufmerksamkeit widmet: 155.

verfasst v. Michael H.

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