Dez 12 2016

Sympathy for Mr. Vengeance (80%) – Kritik

Kaum ein anderer Regisseur gilt als so prägend für die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts wie der südkoreanische Filmemacher Park Chan-wook durch seine Rachetrilogie. Den Anfang dieser machte er 2002 mit seinem düsteren gesellschaftskritischem Drama „Sympathy for Mr. Vengeance“, welches die Geschichte des taubstummen Ryus erzählt, dessen Schwester eine Niere benötigt. Um sie zu bekommen, lässt er sich auf die Organmafia und später auch auf eine Kindesentführung ein, die ihn und alle, die mit ihm und dem kleinen unschuldigen Mädchen zu tun haben in eine menschliche Katastrophe stürzen wird. Den Zuschauer dabei an die Hand zu nehmen und ihn in diese eintauchen zu lassen, scheint gar nicht Parks Ziel zu sein, viel eher lässt er jegliche Emotionen beiseite und berührt den Zuschauer auf rein intellektueller Ebene. Ein Ansatz, der überrascht und hervorragend gelingt.

„Sympathy for Mr. Vengeance“ ist inszenatorisch auf den ersten Blick eine starke Einseitigkeit: Es herrscht vor die Totale! Nahaufnahmen, Zooms, Kamerafahrten, dass alles gibt es nur vereinzelt, die Schnitte sind gefühlt an einer Hand abzuzählen. So entsteht ein sehr langsames, ruhiges, irgendwann auch beängstigend starres Gefühl, Park denkt selbst bei steigendem Tempo der Erzählung nicht daran, seinen Film zu beschleunigen. Wobei das Wort „Erzählung“ fehl am Platz scheint, denn eine wirkliche Geschichte gibt es gar nicht. „Sympathy for Mr. Vengeance“ ist einem Gemälde ähnlich, zeigt nur, ohne je zu vertiefen, weil Vertiefung gar nicht notwendig erscheint, wenn Park Fragen aufwirft, die so alt wie die Menschheit selbst sind und deren Beantwortung unmöglich erscheint. Das Rachethema, welches er lange einführt und nach etwa einer Stunde konsequent durchzieht, wird nie als Mittel zum Zweck „Gerechtigkeit“ verwendet, weil Gerechtigkeit in der Welt dieses Filmes nicht existiert. Park zeigt eine graue, kaputte und in Trümmern liegende Welt, in der jeder Akteur nur eine krankhafte Gestalt ist, in der Menschen sich nicht durch ihre Motive oder Schicksale, sondern durch ihre Taten definieren, die am Ende aber auch keinen wirklichen Wert mehr haben. Einen Pro- oder Antagonisten hat der 121 minütige Film folglich gar nicht, sondern springt zwischen wenigen Figuren hin und her, die allesamt irgendwo eine gewisse Nachvollziehbarkeit bergen, gleichzeitig aber auch abstoßende niederträchtige Kreaturen sind.

Dennoch würde man „Sympathy for Mr. Vengeance“ verkennen, würde man ihn als Episodenfilm bezeichnen. Besser ist tatsächlich, der filmischen Gestaltung dieser tragischen Zusammenhänge (denn als nichts weiteres zeigt Park den gesamten Verlauf) kein Etiquette aufzudrücken, da man damit zwangsläufig den Film einer Abteilung unterordnet, in die dieser nie ganz passen wird. An Konventionen hält Park sich nie und scheint keinen Sinn darin zu sehen, es dem Zuschauer einfach zu machen, weil die Welt, in der seine Charaktere sich bewegen nicht konventionell ist und keiner übergeordneten Sinnhaftigkeit zu Grunde liegt. Alles, was in den zwei Stunden passiert, ist Ergebnis einer Kausalkette, Aktion und Reaktion befinden sich in einem stetigen Wechselspiel. Teilweise lässt Park sogar elementare Ereignisse einfach ausfallen, zeigt gerade nicht das, was der Zuschauer sehen müsste, gibt sich narrativ verschachtelt, nur um eigentlich damit gar kein wirkliches Ziel zu verfolgen. Ähnlich den handelnden Personen scheint auch der Zuschauer nur zufällig an manchen Geschehnissen teilzunehmen und an anderen wiederrum nicht. Durch das gleichzeitig fast vollständige Fehlen einer Filmmusik, den dialogarmen Charakter-Konstellationen und einigen wenigen stilbrechenden Momenten, in denen es entweder surrealistisch zugeht oder plötzlich drastische und extreme Gewaltdarstellungen auf der Leinwand zu sehen sind, weiß der Betrachter so nie, was als nächstes geschehen wird und sieht sich damit mit demselben Gefühl von Verlorenheit konfrontiert wie es die tragischen menschlichen Spielbälle der Erzählung durchleben.

Die melodramatische Grundstimmung nie wirklich verlierend stellt sich „Sympathy for Mr. Vengeance“ im späteren Verlauf dem puren Nihilismus in seiner reinsten Form und scheint Gerechtigkeit nur noch dahingehend zu interpretieren, dass diese erst existiert, wenn keiner mehr da ist, der sie brechen kann. So lösen die Figuren ihre Konflikte auch nie durch ihre Gewalttätigkeiten und können durch ihre Rache keine Schmerzlinderung erfahren, sondern sind in einer Spirale gefangen, in der eben das Maß an Leid, dass sie anderen antun auch auf sie selbst zurückfällt. Das Publikum, welches dem ganzen ohne Empathie für die unnahbaren Beteiligten zusehen muss, wird sich daher das ein oder andere Mal angewidert von ihnen abwenden, doch es scheint nie das Ziel Parks zu sein, eine wirkliche Aussage oder Botschaft zu verbreiten. Der Zuschauer findet keine Erlösung darin, dass es irgendwann den vermeintlich bösen oder guten erwischt, da solche schlicht und ergreifend nicht vorzufinden sind. „Was hat das alles nun gebracht?“, wird sich der ein oder andere beim Einsetzen des Abspannes daher fragen, eine Frage, die treffender an den Schlusspunkt der Erzählung nicht hätte platziert werden können.

Fazit: Was man fühlen oder denken soll, wird einem von Park im Verlauf seines Racheepos nie vorgeschrieben, erst ganz am Schluss gibt es ein erlösendes Momentum, dass allerdings eher einem Stich ins Herz ähnelt. Dem Echo der Gewalt, welches dem Film nachhallt, kann man sich nur schwer verweigern, denn es ist genau das, was „Sympathy for Mr. Vengeance“ seine erschreckende Note verleiht: Die Tatsache, dass die düstere und grausame Welt der Erzählung nicht einer Fantasie, sondern der kalten Realität da draußen entspricht. Insgesamt ist er aufgrund seiner arg verstörenden und auf Unkonventionalitäten gebrüsteten Ader ein unangenehmer, fast schon schmerzender Film, den niemand so richtig mit wohligem Gefühl mögen wird, der aber gerade daraus seine gewünschte Wirkung erzielt und den man vermutlich zweimal ansehen muss, um ihn ganz zu erfassen. Sicherlich ist gerade der eigenwillige Stil Parks nicht immer vollständig ausgereift und die ein oder andere Nebensächlichkeit wird (wissentlich?) zu versteift ausgebeutet, so wie allgemein die Langatmigkeit Fluch und Segen zugleich darstellt, doch wer damit umgehen kann und will, sollte sich der cineastischen eigentümlichen Erfahrung keinesfalls berauben. Und wenn es nur dazu dient, festzustellen, dass man mit dem allen nichts und rein gar nichts anzufangen weiß.

verfasst v. Michael H.

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