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Aug 22 2017

The Party – Kritik

Wie es der russische Dramatiker Anton Pawlowitsch Tschechow einst für Tragödien definierte: „Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, wird es im letzten Akt abgefeuert.“ Die Kunst der vorbestimmten Eskalation. „The Party“, der mit 71 Minuten Laufzeit kürzeste Film der Berlinale 2017, macht sich genau diese zu Eigen. Eröffnet wird er mit einer adretten Engländerin, welche die Tür zu ihrem Heim auftut und mit einer kleinen Pistole direkt in die Kamera zielt. Wie es dazu kommen konnte, versucht Sally Potter nun in dem von ihr geschriebenen und inszenierten Kammerspiel zu erörtern. Doch während die Begründung oberflächlich wie eine Verkettung unglücklicher Umstände anmutet, entpuppt sich das komplexe Geflecht der sechs Partygäste plus Gastgeberin als Pamphlet auf die moderne britische desillusionierte Westend-Gesellschaft und als eine der bösesten und bittersten Satiren der jüngeren Kino-Vergangenheit.

Obwohl Potter ihr Kammerstück ganz in Schwarzweiß und Echtzeit umsetzt, also in kausalem Zusammenhang von Raum und Zeit, scheint ihre Analyse menschlicher Eskalation bis zur Explosion absolut zeitlos und stets exakt beobachtet. Tatsächlich ist „The Party“ weitaus mehr als nur ein auf Lacher ausgelegtes Scharmützel eigenwilliger Protagonisten. Gastgeberin Janet feiert mit ihrer Party ursprünglich die Ernennung zur Gesundheitsministerin des Schattenkabinetts, was als früher Hinweis auf die politische Dimension dienen darf, die der Film nehmen wird. Denn Janet, die von ihren Freunden (allen voran der antiparlamentarisch eingestellten April, die nicht von ungefähr in ihrer direkten stürmischen Art nach dem launischsten Monat des Jahres benannt ist) dafür gefeiert wird, es als Frau (!) endlich ganz nach oben an die Spitze geschafft zu haben, hat ihren Erfolg, wie Potter mehrmals Janet selbst gestehen lässt einzig dem Rückhalt ihres Mannes Bill zu verdanken. Sie erklimmt somit früh den Gipfel als Symbol des liberalen Feminismus‘. Und wie sieht es um sie herum aus? Ein aufgedrehter Banker im Prada-Kostüm, der mit Koksnase und Waffengurt gleich zwei direkt zur Eskalation beitragende Katalysatoren beiträgt, Aprils esoterisch angehauchter Lebensberater Gottfried mit unerträglich altbackenen Weisheiten, das lesbische Paar Martha und Jinny, die dank künstlicher Befruchtung Drillinge erwarten und natürlich Bill selbst, der mit seiner Enthüllung die Bombe (und den Auftakt zur kollektiven Selbstgeißelung) platzen lässt: Tumor. Endstadium.

Die Früchte dieser im Mittelpunkt der Party stehenden zivilisatorischen Errungenschaften fördern eine glänzende Fallhöhe für die missgünstigen Hasstiraden zu Tage, welche mit zunehmender Laufzeit immer mehr die bürgerlich-intellektuelle Identität der Handlungsträger konterkariert. Schnell arten die Konversationen derartig aus, dass der Zuschauer Mühe haben wird, alle Themen später noch einmal zusammenzukriegen. Es wundert wenig (und ist zudem großartig simples visuelles Erzählen über das Setdesign), dass im Wohnzimmer nie ein Tisch bereit stand, denn so unterschiedlich und aneinander stoßen, wie die Gäste der Veranstaltung charakterlich ausfallen, hätte Janet wohl selbst ohnehin nie mit einer friedlich verlaufenden Feier gerechnet. In klassisch britisch-schwarzhumorig exakt getakteten und pointierten Dialogen über Schulmedizin, Atheismus, Misandrie, Kapitalismus und das Dritte Reich wahrt Potter stets die Dreidimensionalität all ihrer dennoch metaphorisch gemeinten Charaktere und erschafft in den begrenzten Räumen der Behausung ein Vakuum vermeintlich liberaler Engstirnigkeit. „The Party“ arbeitet heraus, dass jeder Mensch politisch ist, auch die, die es von sich selbst nicht denken. So wie auch Atheisten daran glauben, an nichts zu glauben, so ist selbst der politikverdrossenste Mensch hier ideologisch motiviert, wobei die Ideologien in dieser herbei konstruierten Situation stets auf dem Prüfstand stehen und zusehends ins Wanken geraten.

Filmisch ist „The Party“ so wunderbar aufgelöst, weil er ob seiner dialoglastig verschachtelten Erzählung eben weitaus mehr als abgefilmte Theaterarbeit bedeutet. Mit einer Handkamera und immer eng an den glänzenden Akteuren nutzt Potter vor allem die schnellen Wechsel aus Distanz und Nähe zum Geschehen für ihre Zwecke. Ihr Ensemble lässt sie derweil nicht im Stich: Kristin Scott Thomas ist schlicht brillant in ihrer schwierigen Hauptrolle, während ansonsten besonders die komödiantischsten Parts (Banker Tom und Gottfried), gespielt von Cillian Murphy und einem gloriosen Bruno Ganz, in Erinnerung bleiben. Emily Mortimer, Cherry Jones und die herrlich aufbrausende Patricia Clarkson (April) runden die Top-Besetzung ab, obgleich zusätzlich noch Timothy Spall als dauerdeprimierter und dauerbetrunkener Bill eine besondere Funktion innewohnt: Mit einem alten Plattenspieler ausgestattet sorgt er für die atmosphärische Musikuntermalung. Blues, Rock, Klassik und Samba scheinen als die letzten gesitteten Überbleibsel dessen, was die ungezügelt aufeinander einschlagenden (verbal wie einmal sogar physisch) Vertreter der Oberschicht ihrer eigenen Ansicht nach wohl repräsentieren sollten. In der witzigsten und bösesten Szene des Films, als schließlich einer von ihnen am Boden liegt, wird die Musik gar als heilende Kraft eingesetzt, die die erhoffte Genesung und Abwendung des bevorstehenden Übels bringen soll, bis es ganz unverhofft doch noch zum Gewehr an der Wand kommt. Nicht nur wegen seiner überraschenden Gestalt ein Moment der Selbsterkenntnis.

Fazit: Bei aller Zeitlosigkeit ist „The Party“ doch ein Film zur richtigen Zeit. Gedreht in nur 14 Tagen, zeitgleich zum Volksentscheid der Briten über den Ausstieg aus der Europäischen Union, hält Potter einem ganzen Volk den Spiegel vor: Verlorene Ideale und zerstörte Ideologien, Post-Post-Feminismus, lebensferne Linksintellektualität, ein verästeltes Damoklesschwert der westeuropäischen Upper Class Lebenswirklichkeit. Mit einer grandiosen 7-Mann-Besetzung bestückt nimmt Sally Potter alles aufs Korn, was als bürgerliche Facette des Königreichs bereit ist, bei zu starker Erschütterung sein Gesicht zu verlieren und tatsächlich fällt selbst in der allerletzten Sekunde noch eine Maske, von der man bis dato gar nicht wusste. „The Party“ ist ein filmischer Hilfeschrei ungeahnter Sogkraft. Man lacht, weil man ansonsten weinen müsste und man feiert, weil man ansonsten bedauern müsste. Und wie bei jeder Party bleibt am Ende nur ein Scherbenhaufen.

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

verfasst v. Michael H.

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