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Aug 15 2017

THE PROMISE – DIE ERINNERUNG BLEIBT – Kritik

Kaum ein Film wurde in letzter Zeit so zum Gegenstand einer politischen Debatte ausgeweitet wie „The Promise“. Doch das Werk von Regisseur Terry George weckt damit im Vorfeld Erwartungen, die der fertige Film kaum einhalten kann. Der Reihe nach: 2016 kam es zu politischen Streitigkeiten zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei, als die Bundesregierung eine Resolution beschloss, nach der die Vertreibung der Armenier aus dem Türkischen Reich 1915 (in deren Zuge zwischen 300000 und 15000000 Menschen den Tod fanden) fortan als Völkermord zu bezeichnen sei, während die türkische Regierung sich gegen eine Verwendung des Genozid-Begriffs wehrt: die damaligen Geschehnisse seien Konsequenzen des Ersten Weltkriegs gewesen und eine derartige Titulierung daher unangebracht. Auf welcher Seite George und sein Film stehen, ist nach wenigen Minuten klar, und dennoch ist „The Promise“ ein seltsam mitleidsloses Werk geworden, welches Authenzität, Empathie und Sensibilität in allen Punkten vermissen lässt.

In vielerlei Hinsicht fühlt sich der Filmkenner bei „The Promise“ schnell an die klassischen Hollywood-Epen eines David Lean erinnert. Sowohl in der Ausstattung als auch inhaltlich ist die Orientierung an den Kostümfilmen überdeutlich: die Detailverliebtheit der Produktion ist produktionsdesign-technischer Traum, natürlich mit modernen Mitteln, denn wo Lean einst echte Landschaften und große Kulissen abfilmte, greift der zwischen 90 und 100 Millionen Dollar teure Film auf weite Panoramaaufnahmen von CGI-Replikationen der Türkei des frühen 20 Jahrhunderts zurück. Geschenkt, da der Wille einer um Exaktheit bemühten Nachstellung der damaligen Zeit auf der Leinwand durchaus erkennbar wird. Die inhaltlichen Parallelen zu Leans Filmen liegen im Fokus der Geschichte: Zentral ist hier nämlich kein Soldat oder direkt vom Krieg geschädigter Charakter zu finden, sondern ein turbulentes Liebesdreieck, welches allzu schnell durch den ausbrechenden Krieg in Mitleidenschaft gezogen wird. Liebe und Krieg als Kontraste – ein Kniff, so alt wie das Kino selbst. Die Liebe der beiden Armenier Mikael und Ana steht daher von Anfang an merklich unter keinem Stern – und das nicht nur, weil Mikael durch eine arrangierte Verlobung eigentlich bereits vergeben ist, genauso wie Ana, die sich in einer Beziehung mit dem US-amerikanischen Fotoreporter Christopher befindet…

Was hatte die Produktionsfirma Survival Pictures sich doch bemüht, große Stars wie Elton John oder Leonardo DiCaprio hinzuzuziehen, um in einer Marketingoffensive auf die Botschaft des Films aufmerksam zu machen. Gleichzeitig standen schwere Sabotage-Vorwürfe im Raum: Türkische Internettrolle sollen die Bewertungen für den Film auf der Webplattform imdb.com manipuliert haben, um dem Ansehen des Films zu schaden. Und wie enttäuscht wird der politisch interessiert oder desinteressierte Zuschauer doch sein, wenn er im Kino erfahren muss, dass „The Promise“ bei allem vorgeschobenen Interesse am Schicksal der Armenier ein platter Liebesfilm mit unausgegorenen Dialogen und klischeehafter Aufmachung geworden ist. Denn wo weltweit Diplomaten wie Historiker über den „Völkermords“-Begriff diskutieren, ist sich „The Promise“ seiner Sache zwar sicher, scheint aber deshalb auch seine Position kaum genauer ausgestalten zu wollen. Die Liebesgeschichte zeigt sich von den Gräueltaten und Massakern jedenfalls wahrlich unbeeindruckt: Ganz klassisch finden Mikael und Ana zusammen, überstehen kleinere und größere Konflikte an denen ihre Liebe immer weiter wächst, bis am Ende alles ganz melodramatisch in große Tränenausbrüche mündet. Eingeschobene Episoden, wie ein Ausflug des Reporters Christopher in ein Kriegsgefangenenlager wirken so willkürlich wie beiläufig und so verpasst es der Film zu jeder Zeit, dem Krieg ein dramaturgisches Sujet zu vermitteln. Dies schwächt zeitgleich auch die Liebesgeschichte, denn da diese in ihrer Tragik erst durch das Kriegsleid deutlich werden soll, fehlt es hier vollständig an jedweder Emotionalität für das Leinwandgeschehen.

Unbegreiflich bleibt, wie George eine solche Starriege versammeln konnte, um sich in Rollen von Cameo-artiger Länge zu präsentieren. Wer vorab von der Verpflichtung von Tom Hollander oder Jean Reno gehört haben sollte, kann seine Vorfreude auf deren Auftritte getrost ad acta legen, so winzig fällt ihre Teilnahme aus. Auch die begabte Angela Sarafyan bleibt verschenkt und so bleibt nur die Dreieckskonstellation aus Oscar Isaac (Mikael), Christian Bale (Christopher) und Charlotte Le Bon (Ana) im Gedächtnis, die dafür überaus kompetent gegen die Plattheiten von Inszenierung wie Script anspielen. Besonders Bale, der die emotional distanzierteste Rolle verkörpert, deutet selten an, welches Potential in „The Promise“ gesteckt hätte, wenn die Ausarbeitung des Projekts im Vorfeld überlegter gewesen wäre. Historisch genau arbeitet der Film schließlich und zitiert nicht selten sogar Fotos aus Armenischen Museen nahezu 1:1, so wie allgemein das Anliegen, den Fokus auf ein bislang historisch kaum filmisch aufgearbeitetes Thema auch aus aktueller Sicht durchaus lobenswert ist, auch wenn „The Promise“ in die Falle tappt, das Leiden eines ganzen Volkes durch eine Episode darzustellen, die von einem Großteil der beteiligten Personen überlebt wurde, was der eh schon empfundenen Emotionslosigkeit der konventionell-tränendrückerischen Herangehensweise nicht unbedingt gut tut.

Fazit: Historiker und Diplomaten, die seit jeher eine Schwäche für die thematischen Begebenheiten in der Türkei 1915 haben, werden den Kinobesuch ohnehin wagen. Eine Kinoempfehlung für dieses Klientel ist daher so redundant wie abgedroschen. Doch die Frage, an wen sich „The Promise“ sonst richten will, bleibt offen. Natürlich ist der Film trotz ehrbaren Anliegens (produziert vom vor zwei Jahren verstorbenen amerikanischen Milliardär Kirk Kerkorian, der selbst armenischer Abstammung ist) in seinem Sendungsbewusstsein so grob wie es das Mainstream-Publikum verträgt und mit seinem großen Fokus auf die standardisierte Liebesgeschichte ein ziemlicher Langweiler bei einer Länge von 130 Minuten. Fans historischer Liebesdramen können den Kinobesuch trotzdem wagen, um sich immerhin an der prächtigen Ausstattung und den respektablen Darstellern zu erfreuen. Für alle anderen bleibt „The Promise“ nur ein Versprechen, auf dessen Einlösung man aber vergeblich wartet.

Bildnachweis: © capelight pictures 2004-2017

verfasst v. Michael H.

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