The Shape of Water – Kritik

„Show, don’t tell“ – Was für den Dramaturgen eine Grundannahme, ist für Elisa eine Lebensnotwendigkeit. Während sie in den 1960er Jahren über einem Lichtspielhaus wohnt, und daher jeden Tag die dort aufgeführten großen Epen, Musicals und Dramen Hollywoods zu hören bekommt, ist sie selbst stumm und somit auf chaplineske Zeichen- und Körpersprache als Ausdrucksmöglichkeiten reduziert. Natürlich kein Zufall: Regisseur Guillermo del Toro erzählt in „The Shape of Water“ ein modernes Märchen, dass zu jeder Sekunde voller Melancholie ist. Bewaffnet mit seiner Hingabe für die Goldene Ära der Traumfabrik beschwört der Mexikaner ein altmodisches Kino der Verzauberung hervor, und erzählt die wohl ungewöhnlichste Liebesgeschichte des Kinojahres, basierend auf einer simplen Prämisse: Was, wenn nicht der Held, sondern das Monster die Frau bekommt?

Es erinnert an das Märchen von der Schönen und dem Biest. Elisa, die als Putzfrau in einem Laboratorium arbeitet, macht Bekanntschaft mit einem dort festgehaltenen anthropoiden Fischwesen, mit dessen hilfloser Einsamkeit sie sich identifiziert. Was folgt ist eine wunderschöne, in fabelhaft schaurig-burlesken Farben festgehaltene Annäherung zweier verlorener Seelen, die eine tiefe emotionale Verbundenheit eingehen. Märchenkenner werden hierbei zahlreiche Analogien und Querverweise zu den unterschiedlichsten Sagen und Erzählungen herstellen können, während Filmexperten ihren Gefallen daran finden werden, wie del Toro cinephil, aber mit eigenem Stilbewusstsein die Optik der Schauerfilme der 50er von Jack Arnold mit der Ästhetik von Hollywood-Musicals der 30er kreuzt. Immer wieder verliert sich die intelligente Kameraführung in den ausgefallenen Szenenbildern, die den richtigen Ton von simplifizierter Effektivität treffen, sodass sie einerseits entrückt, andererseits aber nicht zu ästhetisiert erscheinen. Brillant ist zweifellos, wie das Paar im Vordergrund ihre komplexe Romanze zum Leben erweckt. Doug Jones zeigt, wie überzeugend eine Mischung aus Kostüm- und Performance Capture Schauspiel auch darstellerisch sein kann, wenngleich das faszinierend gestaltete Lebewesen natürlich ein großer Verdienst der Kostüm- und Effektabteilungen ist.

Sally Hawkins in der Rolle der Elisa ist aber gar noch interessanter anzusehen. Immer wieder deutet sie in subtilen Gesten eine unbefriedigte Sinnlichkeit an, die nur von der animalischen Maskulinität der unwirklichen Kreatur befriedigt werden kann. Wie sie darin aufgeht, ist große Schauspielkunst und das emotionale Fundament der gesamten Erzählung. Doch del Toro begnügt sich nicht nur damit, seine einfache und doch (oder deshalb?) spannende Grundidee der „Monster liebt Frau“-Romanze erstaunlich konsequent anhand filmischer und literarischer Liebeserklärungen zu entwickeln. „The Shape of Water“ ist gleichzeitig auch ein Film, der in die Moderne blickt und ganz nebenbei ein fesselndes Gesellschaftsporträt entwirft. Basierend auf der – für die meisten Leute auf den ersten Blick sicher leicht abstoßenden – Ausgangssituation einer sexuellen Beziehung zwischen Mensch und Fischwesen (welches optisch nicht von ungefähr an „Dagon“ von H. P. Lovecraft erinnert), scheinen sich alle Charaktere um das Leitmotiv der Xenophobie zu ranken. Elisa, die den Entschluss fasst, ihren Seelenverwandten aus den Fängen der Militärs-Wissenschaftler zu befreien, zieht dafür ihre Kollegin Zelda und ihren einzigen Freund und Nachbarn Giles hinzu. Wie auch sie selbst durch ihre Stummheit und das Monster aus offensichtlichen Gründen, sind beide Verbündeten Außenseiter der Gesellschaft ihrer Zeit: Giles ist homosexuell, Zelda ihrerseits dunkelhäutig. Später noch erhalten sie unerwartete Unterstützung des russischen Spions Dimitri, der das Monster im Auftrag des Kremls ermorden soll, als Wissenschaftler jedoch zu viel Ehrgefühl hat, um eine so bemerkenswerte Existenz auszuradieren.

Jeder dieser Charaktere, die von Richard Jenkins (Giles), Octavia Spencer (Zelda) und Michael Stuhlbarg (Dimitri) zum Leben erweckt werden, bekommt seine eigenen kleinen Einsichten ins Privatleben spendiert. Über sie kommuniziert del Toro mit seinem Publikum und erzählt von einem notwendigen Aufbegehren der Abgehängten gegen die dominant-unterdrückenden Privilegierten des Systems. Und wem stünde die Rolle des weißen Aggressors besser zu Gesicht als Michael Shannon? Grandios trumpft er als Regierungsbeamter Strickland auf, der mit rassistischer, sexistischer und selbstgerechter Attitüde aufzeigt, wie Macht korrupiert. Hinter seinem jovialen Saubermann-Image (wunderbar manifestiert in dem Kauf eines türkisen Cadillac) verbirgt sich ein abgründiges Bild eines Macho-Amerikaners, der seine von sich selbst empfundene Unmännlichkeit in all seinen Handlungen zu kompensieren sucht. Durch ihn erfährt die Genre-Kreuzung einen zusätzlichen Einschlag in die Welt des Spionagethrillers, welche dank steriler Beleuchtung kalter Büro- und Laborkulissen perfekt die märchenhaften Brauntöne und schaurigen Grünfärbungen kontrastiert. Er ist mit seinen egoistischen Motiven der perfekte Antagonist zu den ehrbar handelnden Protagonisten, die das edle und mit besonderen Kräften ausgestattete Amphibien-Geschöpf verteidigen. In ihrem Anliegen liegt eine rare Ehrlichkeit verborgen, die „The Shape of Water“ seine besondere Stimmung verleiht. Es ist keine Rebellion der Underdogs, sondern ein ethisch notwendiges Handeln, dass immer wieder durch punktiert-überspitzte Gewalteinlagen, ausgelöst durch Strickland, angefochten wird. Es ist bezeichnend, dass trotz der märchentypischen Strukturen der Ausgang des Konflikts bis zuletzt in der Schwebe liegt: Ein klarer Beweis dafür, wie fantastisch del Toro visuell alle Register ziehend auf der Gefühls-Klaviatur seiner Zuschauer spielt und wie eingehend er die Genre-Vorbilder zu studieren und anzuwenden weiß.

Fazit: In kinematographisch wunderschön abgestimmten Farbnuancen findet Guillermo del Toro immer neue Wege, eine tiefgründige Fabel über Andersartigkeit, (Selbst-)Akzeptanz und aufrichtige Liebe zu erzählen, deren romantischer Humanismus so sehr berührt, wie ihre politische Aussage Gewicht erhält und zum Nachdenken anregt. Wie oft verurteilt man selbst nach dem Äußeren und hält an gesellschaftlichen Strukturen fest, nutzt vielleicht die eigene Privilegiertheit zum Vorteil aus? Unterstützt man jene, die dagegen rebellieren oder toleriert man nur untertätig deren Anliegen? „The Shape of Water“ stellt große Fragen und schüttelt gehörig durch – und das alles in seinen kraftvollsten Momenten stumm durch die Kraft der Bilder, nicht mithilfe einiger Dialogzeilen. Show, don’t tell.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2000-2018 20th Century Fox