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Jun 28 2016

Thin Ice (60%) – Kritik

Rein sprachlich ist mit Eis viel zu machen: Man kann zum Beginn einer Unterhaltung mit einer harmlosen Frage („Wie spät ist es?“) das Eis brechen, man kann eine unliebsame Person oder nicht minder unliebsame Unternehmungen vorläufig auf Eis legen und manchmal, wenn man einen folgenschweren Fehler zu machen droht oder große Risiken eingeht, bewegt man sich auf dünnem Eis. Mickey Prohaska, der Protagonist in der Drama-Komödie „Thin Ice“ aus dem Jahr 2011, kommt in eine solch missliche Lage, als er beim Versuch, jemanden aufs Eis zu legen das Eis zu allererst brechen muss, um sich auf dünnem Eis zu bewegen – metaphorisch wie wörtlich genommen. Als Versicherungsvertreter ist er es leid, in der abgelegensten Provinz des zugeschneiten Wisconsins den dort lebenden Hinterwäldlern überteuerte Versicherungen anzudrehen und wartet nur darauf, den eiskalten Wintern zu entfliehen – zumal seine letzte Scheidung nicht gerade günstig war.

„Thin Ice“ ist einer der Filme, bei denen der Name Programm ist. Die Winterlandschaften sind omnipräsent und saugen jede Farbe und jeden Frohsinn auf, eliminieren aber auch jede Schönheit oder Eleganz, die man dieser Ortschaft andichten könnte. Der unbenannte Handlungsort ist ein depressives, melancholisches, gefühlskaltes Loch irgendwo am hintersten Eckchen der Welt, daran bleibt nach den ähnlich kaltherzigen 93 Minuten kein Zweifel. Selbst im Sommer bekommt man das Gefühl, diesen Film nur in Wintermontur sehen zu wollen. „There’s two seasons here: Winter and road works“, beschreibt Prohaska selbst den Handlungsort und fasst damit alles zusammen, was atmosphärisch vermittelt werden soll: Frost, Kälte und Schnee. Überall Schnee. Ganze in weiß getunkte Landstriche werden ausführlich von der Kamera eingefangen und man glaubt fast, dass Thermostat der eigenen Behausung hochstellen zu müssen. Anders formuliert: Die Atmosphäre und Stimmung wird hervorragend getroffen. Auch erzählerisch ist dies konsequent umgesetzt. Menschliche Wärme und Nähe sind absolute Mangelware und nur im aller dringendsten Notfall spärlich eingesetzt, werden wenn nötig aber auch einfach ausgelassen oder bestenfalls andeutungsweise gezeigt. Dazu kommen größtenteils blasse Blautöne, die den winterlichen Eindruck zunehmend stärken. Das es inhaltlich dann hauptsächlich um einen zugefrorenen See geht, ist natürlich einerseits witzig und andererseits folgerichtig.

Eine Handlung gibt es natürlich auch, diese fällt bei „Thin Ice“ allerdings relativ spärlich aus. Obwohl die Geschichte insgesamt sehr auf ihren Hauptakteur zentriert ist und mit knappen Anderthalb Stunden der zeitliche Rahmen nicht allzu umfangreich ist, braucht das Geschehen relativ lange, um an Fahrt aufzunehmen und nimmt sich für nahezu alles sehr viel Zeit. Bis der eigentliche Kriminalplot im Hintergrund beginnt, dauert es gar eine knappe halbe Stunde, auf das Gaspedal wird dennoch bis zum Ende hin verzichtet. So schleppen sich die Ereignisse mitunter etwas träge dahin, sofern man an der tatsächlichen Geschichte interessiert sein sollte und weniger an den Dialogen und dem fiesen schwarzen Humor, der nebenbei immer wieder einfließt. Getragen werden die vielen Dialoge ganz klar von den Darstellern, die allesamt einen überzeugenden Job machen. Greg Kinnear gefällt als sympathischer Ottonormalbürger mit der Sehnsucht nach Aufstieg und hat den ein oder anderen komischen Moment zu bieten, der amüsante Schmunzeleien zulässt, während Billy Crudup als Ex-Knacki eine nett aufgedrehte Performance präsentiert, die für die spannendsten Momente sorgt und als eine Art Antagonist funktioniert, sofern man es so bezeichnen möchte. Eine wahrlich spaßige Erscheinung gibt Alan Arkin als leicht vertrottelter Rentner ab, dem seine Schusseligkeit merklich Vergnügen bereitet und bei dem es fast schade ist, dass seine Figur ab einem gewissen Zeitpunkt für längere Zeit aus dem Spiel genommen wird.

Ansonsten ist der interessante Soundtrack von Jeff Danna zu erwähnen, der (im Kontext der Handlung logischerweise) auf viel Geigenmusik setzt und eine durchaus einprägsame Titelmelodie verwendet, welche viele der Stärken und Schwächen von „Thin Ice“ vereint: Die düstere und einsame Atmosphäre sei dabei als größte Stärke ein weiteres Mal genannt (und der Schnee… so viel Schnee… überall), doch es fehlt ein wenig an Timing und Tempo. Die Regisseurin Jill Sprecher präsentiert auch einen inszenatorischen Winter: Nähe zu den Figuren versucht sie zu vermeiden, zu viel Sympathie oder gar Ensemble-Stimmung werden umschifft und der Humor darf allerhöchstens schwarz wie in den dunkelsten Nächten sein, da ansonsten zu viel Esprit vermittelt werden könnten. Das ganze funktioniert in der Tat vortrefflich, geht im Mittelteil aber hin und wieder selbstredend zu Gunsten einer stringenten und mitreißenden Erzählung. So lässt man sich eher ein wenig treiben und genießt die Winterwelt, in die man entführt wird und akzeptiert die Geschichte als zweckdienliche Stütze dafür, bis… ja, bis in den letzten 15 Minuten noch einmal eine waschechte Kehrtwende vollzogen wird, die (für den einen vielleicht konstruiert wirken mag, dafür aber) urplötzlich das Verlangen weckt, den Film vielleicht doch noch ein zweites Mal anzuschauen, um das gerade passierte nachzuvollziehen. Ein sehr effizienter und kaum effekthascherischer Twist, der sich durchaus auf dünnem Eis bewegt, den angenehmen Filmeindruck aber zunehmend festigt und stimmig abrundet.

Fazit: Mit ruhiger Hand und ohne großes Aufsehen erzählt Sprecher eine kleine Gangstergeschichte vor fröstelnder Kulisse. Dabei ist das Ambiente für sie deutlich gewichtiger als der Inhalt: Dieser vermag bis kurz vor Schluss kaum Faszination wecken, könnte bei einer zweiten Sichtung allerdings den ein oder anderen versteckten Clou offenbaren. Ein aufregendes Filmerlebnis mag das Resultat nicht sein, dennoch fühlt man sich nicht wirklich gelangweilt, da die Trägheit irgendwo tief drin ihre Faszination verborgen liegend andeutet. Offenbaren tut sich diese zwar bis zum Schluss nicht wirklich, doch es ist das Verweilen, das Ausharren in der Kälte und dem dicken Schnee, dem der Film gleichkommt und der ihm seine Qualität verleiht. Am Ende ist man befriedigt und „ruhig geworden“ und kann zumindest nicht leugnen, dass es einen doch noch einmal in den kleinen puderzuckerweißen Ort ziehen würde. Wurde eigentlich schon der Schnee erwähnt? Überall Schnee… die großen Begeisterungsstürme bleiben bei „Thin Ice“ aus, dennoch wird er nur die Wenigsten bis zuletzt kalt lassen.

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

– verfasst von Michael

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