Three Billboards outside Ebbing, Missouri – Kritik

Drei Werbetafeln schmücken die Landstraße, die in die verschlafene Kleinstadt Ebbing in Missouri führt. Drei Werbetafeln, die beides sind: Denkmal und Provokation. Denkmal, weil Mildred Hayes mit ihnen an ihre vergewaltigte und ermordete Tochter erinnern will. Provokation, weil sie sich an die Polizei wendet: „Raped while dying“, „And still no arrests?“, „How come, Chief Willoughby?“… Nach diesen drei Werbetafeln ist er benannt, der Film von Martin McDonagh: „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“. Denn genau wie Mildred will auch McDonagh seinen Film, der zu den besten seiner Art gehören dürfte, verstanden wissen: Als Denkmal und als Provokation.

Im antiken Griechenland gab es bloß zwei Genre: Die Komödie und die Tragödie. Eine Trennung, die in „Three Billboard outside Ebbing, Missouri“ nicht mehr möglich wäre. Beides verschmilzt unter McDonaghs Händen zu einem eigensinnigen Symbioten. In den komischen Momenten versteckt sich die Tragik der Akteure, während aus ihrer ausweglosen Traurigkeit die Lacher resultieren. Die Geschichte der Billboards ist Gewaltkino, dass nicht von Gewalt selbst, sondern von den Auswirkungen von Gewalt handelt. Ein bestialisches Verbrechen ist der Ausgangspunkt. Durch die brutale Ermordung ihrer Tochter sieht sich Mildred veranlasst, als nach 7 Monaten die Polizei immer noch keinen Täter ermitteln konnte, ihre Plakate aufzuhängen. Die Bevölkerung ist entrüstet, der angesprochene Chief Willoughby gekränkt, sein Kollege Officer Dixon kocht vor Wut. Ein explosives Gemisch, aber wohl überlegt arrangiert. Das Drehbuch muss zweifellos als Geniestreich voller unvorhersehbarer Höhepunkte bezeichnet werden. Auch wenn es so klingt, geht es nicht um die Aufklärung eines Verbrechens. McDonagh entfaltet vielmehr ein breit gefächertes Gesellschaftsporträt, und offenbart einen tiefen Blick in die sozialen Strukturen des Zusammenlebens in US-Kleinstädten. Das fiktive Ebbing, Missouri betrachtet sein Film aus der Perspektive eines Wissenschaftlers, der durch ein Mikroskop winzige Organismen auf einer Plexiglasscheibe analysiert. Und dabei nimmt er seine Charaktere sehr ernst: Keine Figur in seiner Szenencollage kommt ohne doppelten Boden daher, niemand bleibt zweidimensional.

Alle Charaktere haben ihre Hintergründe, ihr Innenleben und jede Entwicklung ist die logische Konsequenz ihrer jeweiligen Handlungen. Vor so viel dramaturgischer Übersicht muss man den Hut ziehen. Die Dialoge sind von geschliffener Reinheit, so dass man sie zitieren muss, um ihnen gerecht zu werden: „So how’s it all going in the nigger-torturing business, Dixon?“, fragt Mildred den Officer. Seine leicht entrüstete Antwort: „You gotta say people of color torturin‘ business!“. Die fast 2 Stunden starke Handlung ist derartig pointiert aufbereitet, dass sie einem Ideenfeuerwerk gleichkommt. Doch McDonagh achtet penibel darauf, die Ernsthaftigkeit der Handlung nicht zu untergraben. Immer dann, wenn die Faszination für die brillante Komik auf ihrem Höhepunkt ist, schwenkt er drastisch in Leid und Ironiefreiheit um. Nicht nur Mildred, sondern auch Willoughby und Dixon sind gebrochene, tragische Personen, die auf eine Katharsis warten, die ihnen nicht mehr gewährt werden kann, die sie vielleicht auch alle nicht verdienen. Auf ein Urteil verzichtet die Regie, und gibt sich damit zufrieden, das Leben dieser Antihelden so authentisch wie möglich auszugestalten. Politisch korrekt ist das selten, erst recht nicht, wenn das rassistische Muttersöhnchen Dixon urplötzlich als Sympathieträger angeboten wird.

Für McDonagh ist es jedoch selbstverständlich, ist Dixon doch auch nicht mehr als ein Opfer der gesellschaftlich etablierten strukturellen Fremdenfeindlichkeit in den Provinzen der Vereinigten Staaten. Er ist eine Alltagsfigur, die der Regisseur gleichermaßen würdigt wie konterkariert. Diese Zweipoligkeit funktioniert auch dank großartiger Schauspielleistungen. Gerade Dixon wird von einem völlig entfesselten Sam Rockwell perfekt verkörpert, aber auch Woody Harrelson weiß als Willoughby zu überzeugen und bekannte TV-Gesichter wie Peter Dinklage, Zeljko Ivanek oder Clarke Peters glänzen in klugen Nebenrollen. Allen voran steht allerdings die phänomenale Frances McDormand. Die 60-Jährige leistet eine erstaunliche Arbeit, dem tiefsitzenden Schmerz und der entschlossenen Kampfeshaltung Mildreds in jedem Blick zu entsprechen. In wunderschönen langen Kamerafahrten, die Carter Burwell mit idyllischen Country-Klängen unterlegt, bekommen alle Akteure viel Luft zum Atmen, bis die Inszenierung ihre Leichtigkeit zum Ende hin immer weiter abstreift und die Gewalt (auch visuell in einer atemberaubenden Sequenz) als Fegefeuer in das Innenleben ihrer Figuren transferiert. Jede Form von Gewalt feuert immer auch zurück. Das ist keine abstrakte Anklageschrift des Films: Mildred, Willoughby und Dixon erfahren allesamt am eigenen Leibe, wie aus Bösem noch mehr Böses resultiert, ohne zu verschweigen, dass Aktionismus auch gutes hervorbringen kann. Der Sieg des Guten selbst wird aber ausgelassen und spielt folgerichtig keine Rolle. Er wäre eine andere Geschichte, eine andere Moral, die in Ebbing, Missouri noch keine Gültigkeit haben darf und kann. Jedenfalls nicht, solange die Billboards bestehen.

Fazit: Ohne Frage ist „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ qualitativ wie thematisch der beste Film des Jahres 2017. Keine Figur zeigt das so deutlich wie Protagonistin Mildred. Sie erweist sich als Symbolfigur für die Ära der Präsidentschaft Donald Trumps und der feministischen #metoo-Bewegung. Ihr geht es beim Aufstellen der Billboards nicht um Schmerzlinderung, sondern um Gerechtigkeit, die ihr ihrer Ansicht nach verwehrt wird. Sie fühlt sich machtlos gegenüber den Herrschenden, woraus ihre undefinierte Wut resultiert. Ihre Verzweiflungstaten sind ein Bekunden von Verachtung gegen Institutionen, eine Rebellion gegen die herrschende (Un-)Ordnung, denen ganz tief im Innern der Wunsch innewohnt, eine vermeintlich vergangene Zeit der Sicherheit zurück zu erlangen. Mildred kämpft, ohne zu wissen, wofür und gegen wen. Nirgendwo mehr als in diesem Meisterwerk kann man sich gleichzeitig so verstanden und so kritisiert fühlen. Martin McDonagh setzt allen Mildreds dieser Welt ein Denkmal. Mehr noch: Drei Denkmäler. Drei Werbetafeln. Drei Billboards.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2000-2018 20th Century Fox

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