Tomb Raider – Kritik

Es ist noch gar nicht solange her, da waren Frauen in großen Actionfilmen primär auf den vom maskulinen Helden zu rettenden Blickfang reduziert. Begriffe wie „Damsel In Distress“ oder gar „Bond-Girl“ sind jedem Mann bekannt. Doch im 21. Jahrhundert verschiebt sich der Trend zunehmend. Nicht nur im Bereich der Comicverfilmungen wird vermehrt auf weibliche Superheldinnen gesetzt, auch andere Filme bemühen sich um starke weibliche Hauptfiguren, die sowohl hart und brutal als auch verletzlich und feminin sein dürfen. Kaum an einer anderen Rolle lässt sich diese veränderte Wahrnehmung besser verdeutlichen als an der weiblichen Heldin der modernen Popkultur überhaupt: Lara Croft, die Protagonistin der 1996 gestarteten Videospielreihe „Tomb Raider“. Lange musste die mutige Archäologin in klobiger extrem sexualisierter Optik ihren Weg durch die Action-Adventures bestreiten. Erst ein Reboot der Games von 2013 gab Lara realistische Proportionen und charakterliche Tiefe. Fünf Jahre später wagt nun Regisseur Roar Uthaug, basierend auf dieser Vorlage der Welt der Nicht-Zocker die neue Lara Croft zu präsentieren.

Man kann es nicht anders sagen: „Tomb Raider“ steht und fällt mit seiner Hauptdarstellerin. Und hier ist dem Casting ein absoluter Glücksgriff gelungen. Alicia Vikander geht ohne Ehrfurcht mit entfesselter Spielfreude an die ikonische Rolle heran und präsentiert eine zeitgemäße weibliche Actionheldin, die für eine ganze Generation an Kinogängerinnen Vorbild Funktion haben dürfte. Ihre erstaunliche Ähnlichkeit zum 2013er Videospiel-Äquivalent gerät da schnell in den Hintergrund, dafür ist ihre Leinwandpräsenz zu faszinierend anzusehen. Uthaug greift den Geist der Vorlage auf und präsentiert Lara als mutige, selbstbestimmte junge Frau, die abgebrüht sein kann und muss, am Töten aber wenig Freude hat – und die zu Beginn ihrer Laufbahn emotional noch längst nicht abgestumpft genug ist, um die Kaltschnäuzigkeit ihrer Feinde zu teilen. Machte im Videospiel eine Szene viel Eindruck, in der Lara nach ihrer ersten Tötung heulend zusammenbricht, übernimmt Uthaug diese symbolkräftige Szene fast 1:1. Überhaupt ist es angenehm, eine Videospielverfilmung vorzufinden, die tatsächlich den Eindruck erweckt, dass die Macher sich für die Vorlage interessierten. Einprägsame Situationen und Momente werden zitiert, direkt übernommen und – im Falle einer Wasserfallüberquerung – ironisch umgekehrt. Auch inhaltlich übernimmt er das Szenario: Auf der Suche nach dem Grabmahl der japanischen Königin Himiko strandet Lara auf der Insel Yamatai, und sieht sich dort im Teufelsmeer einer ideologisch motivierten Söldnerarmee ausgesetzt.

Eine im Videospiel fast 30-stündige Handlung in 118 Filmminuten zu quetschen, erfordert ein hohes Maß an Komprimierung. Das Script von Geneva Robertson-Dworet und Alastair Siddons geht hierbei leider nicht immer den Idealweg. Ein langer vorgeschobener Prolog in London funktioniert als Einführung in den Charakter von Lara, schränkt die Möglichkeiten in der Adaption der Insel-Abenteuerhandlung dafür umso mehr ein. Hier spürt man dann schnell, wie gehetzt sich der Film durch eine Level-artige Struktur kämpfen muss. Die Charakterentwicklung Laras vom jungen Mädchen zur beinharten Archäologin geht in wenigen Minuten Screentime von Statten, und so toll Vikander auch spielen mag, fehlt es dem Film in seiner zweiten Hälfte stark an Akklimatisation. Walton Goggins spielt seinen Schurkenpart dämonisch und mit innerem Zwiespalt, bekommt aber zu wenig Konturen. Daniel Wu geht als locker-witzelnder Sidekick beinahe unter. Und Dominic West muss eine Rolle spielen, die viel zu offensichtlich eine Erfindung des Films ist, um die Dramaturgie der Geschichte simpler auf ein persönliches Drama rund um die Familie Croft zuspitzen zu können. Gerade diese Offensichtlichkeit ist auch für Nichtkenner der Vorlagen ein Problem: Der Plot von „Tomb Raider“ entwickelt sich nach der ersten, spannenden Hälfte ironischerweise mit der Strandung auf Yamatai zu generisch und stromlinienförmig. Echte Überraschungen gibt es keine, und die großen Höhepunkte wirken zu überhastet, trotz kompetenter Ausführung.

Immerhin: Technisch ist „Tomb Raider“ ein kompetenter, moderner und sehr unterhaltsamer Blockbuster. Dank der langen Dreharbeiten in Südafrika geraten die Landschaftsaufnahmen opulent und traumhaft, wichtiger ist aber, wie gut die Action unter Uthaug sitzt. Der Norweger präsentiert druckvolle, zwingende Zweikämpfe, in denen Vikander ihre beeindruckende Physis präsentieren kann. Die CGI-Animationen passen sich gekonnt in die Umgebung ein und der Showdown erinnert in seinen Rätseleinlagen an das große Indiana-Jones-Vorbild, obgleich Lara Croft als Heldin eigenständig genug Akzente setzt, um sich im Genre zu behaupten. Leider verpasst es Komponist Tom Holkenborg, der Heroine auch gleich ein musikalisch prägnantes Theme zu verpassen, was gerade ob der vom Film am Ende klar geäußerten Franchise-Ambitionen passend und womöglich wichtig gewesen wäre. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sehr sich ein Sequel an der Videospielfortsetzung „Rise of the Tomb Raider“ von 2015 orientieren würde. Besonders im Hinblick darauf, dass die Filmadaption bislang ein klares Bekenntnis zur Übernatürlichkeit verweigert. Gab es in den Games immer mystische und abgehobene Fantasy-Elemente, bleibt die Auflösung des Mysteriums um Königin Himiko im Film erstaunlich geerdet. Ein klares Symbol dafür, sich ganz auf die geerdete Interpretation der Lara Croft durch Alicia Vikander fokussieren zu wollen.

Fazit: 2013 gaben Gaming-Designer Lara Croft einen neuen Look: Seitdem trägt sie keinen klobigen dreieckigen Atombusen durch die Gegend und muss in ultra engen Shots bestaunt werden, sondern gleicht einem natürlichen Schönheitsideal. Sie darf kräftig und robust sein, verleugnet aber nicht ihre Weiblichkeit. Für den Schritt, diese Lara Croft nun auch im Filmbereich zu einer Ikone für junge Zuschauerinnen werden zu lassen, darf Roar Uthaug und Alicia Vikander nur gratuliert werden. Hier wird wirklich eine zeitgemäße Actionheldin präsentiert, die sich vor ihren männlichen Pendants nicht verstecken muss und deren Film eine angenehme Abwechslung im Superheldenkino des 21. Jahrhunderts darstellt. Dieser Einstieg in die Welt von „Tomb Raider“ wirkt manchmal noch unfertig und wie ein Schnellschuss, dürfte sich aber im erwartbaren Sequel schon deutlich geschmeidiger anfühlen.

verfasst v. Michael Hille

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

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