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Okt 21 2016

Tschick (70%) – Kritik

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Es ist immer wieder dieselbe Frage, mit der sich Literaturverfilmungen stets, vor allem dann, wenn sie auf besonders bekannten Vorlagen basieren, beschäftigen müssen: Braucht man einen Film zu einem Buch, dass bereits jeder gelesen hat? Selten konnte man diese Frage im Jahr 2016 mit solcher Dringlichkeit stellen wie im Falle von „Tschick“: Wolfgang Herrndorfs vielfach ausgezeichnetem deutschen Jugendroman von 2010, der über 2 Millionen Leser fand und längst neben Mark Twains oder J. D. Salingers größten Erfolgen Bestandteil des deutschen Schulsystems geworden ist. Der deutschtürkische Regisseur Fatih Akin traute es sich schließlich zu, der großen Leserschaft einen visuellen Einblick in die Imagination Herrendorfs zu offenbaren, eine Reise zurück in die eigene Kindheit, die widerrum von zwei Jugendlichen handelt, die in die Welt der Erwachsenen vorstoßen wollen. Raus aus der tristen Wohlstandsverwahrlosung Marzahns, hinaus in die Walachei, eine Region, die nicht von ungefähr im allgemeinen Sprachgebrauch längst ein Synonym für „sehr weit weg“ geworden ist.

Die Geschichte von „Tschick“, sie ist eigentlich die Geschichte von Maik und seiner Begegnung mit Tschick, der Entwicklung, die durch seinen neuen ausländischen Klassenkameraden mit der fürchterlichen Frisur angestoßen wird. Akin inszeniert Maik als einen von sich selbst frustrierten Außenseiter, irgendwo zwischen Kindheit, Pubertät und Adoleszenz gefangen, aber stets mit dem Wunsch, aus sich und seinem Umfeld auszubrechen. In der visuell gewaltigsten Sequenz des Films ist Maik die Kälte seines Vaters endgültig zuwider. Er zielt mit seinen Fingern ganz unschuldig auf seinen Dad und schießt diesen plötzlich grotesk brutal und blutspritzend über den Haufen. Natürlich entlarvt Akin den schockierenden Anblick schnell als Traumsequenz, als „kindische“ Spielerei, doch ist dieser beinahe simple Effekt absolut charakterdefinierend, für Maik wie auch für sein filmisches Abenteuer. Als er auf Tschick (der gerne mal betrunken zum Unterricht erscheint) und dessen „geliehenen“ Lada Niva trifft, eröffnet sich ihm eine neue Welt, weg von der alkoholkranken Mutter, weg von der Klasse, in der er nur „Psycho“ genannt wird, weg von Tatjana, die er schüchtern nur aus der Ferne anhimmelt. Es ist ein Glücksfall, dass Akin es nicht nur versteht, seine Protagonisten perfekt und effektiv zu charakterisieren, sondern sie auch ideal besetzen konnte: Tristan Göbel liefert als Maik eine mitreißende Performance und wird nur von Co-Star Anand „Tschick“ Batbileg übertroffen, der vollkommen authentisch als russischer Spätmigrant-Hipster erscheint, der voller Energie und Elan steckt, aber in seiner immer nur ganz kurz verdunkelten Mimik andeutet, die gar nicht so idyllische Welt der Erwachsenen bereits einmal betreten zu haben.

„Tschick“ war schon als Roman ein waschechtes Roadmovie und so ist die filmische Adaption für die ganz große Leinwand nur folgerichtig gewesen. Genaustens durchgeplant und in schnörkelloser Aufmachung zeigt die Regie Maisfelder, weite Wiesen und verträumte ostdeutsche Dörfer in makellos knalligen Farben, ohne sie zu präsentieren. Penibel vermeidet es die Erzählung zu dem Zeitpunkt, die Coming of Age Geschichte mit Pathos, gestellter Dramatik oder aufgesetzten philosophischen Jugendgedanken zu würzen. Die Regie von „Tschick“ bleibt von Anfang an aufs zeigen beschränkt, füllt optisch aus, was Herrndorf auf seinen Seiten niederschrieb. Wenn Akin abweicht, dann nur, um ein paar visuelle oder an den nötigen Stellen entschlankende Akzente zu setzen sowie auch die Musik des Komponisten Vince Popes erstaunlich dezent bleibt, nur unterstreicht, aber stets im Geiste des geschriebenen Wortes. „Ist euch schon mal aufgefallen, dass ein Spiegel nur links und rechts, aber nicht oben und unten vertauscht?“, werden Tschick und Maik an einer Stelle des Films gefragt werden und fast schein Akin hier ein Statement zu seiner eigenen Politik im Umgang mit der Vorlage zu äußern: Hin und wieder einen anderen Kontext suchen, eine Message zwischen den Zeilen in den Vordergrund rücken, aber dabei das Gefüge des Originals beibehalten. Es liegt an den Umständen des viel zu frühen Tods des Autoren, dass man hierbei nur spekulieren darf, doch mit Sicherheit hätte Herrndorf großen Gefallen an dieser Adaption gefunden.

So verfällt Akin notgedrungen, aber mit überspielender Leichtigkeit in einen Erzählrhythmus, der einer Aufzählung gleicht, in Etappen verläuft. Akin, dies schimmert stets durch, nimmt die Vorlage ernst und würdigt sie mit dem größten Respekt (selbst die absurdesten Momente des Romans („Reis mit Pampe“) oder die stilechte Jugendsprache bleiben mit dem nötigen Ernst enthalten), will aber auch das Mittel des Films nutzen, um mehr Tempo und Action zu bieten, um die Leinwand in Bewegung zu setzen. Ständig flüchten die Jungen, mal vor sich selbst, mal vor der Heimat, mal vor der Polizei, immer wieder stolpern sie direkt in die nächste Zufallsbegegnung. Kritisieren kann man daran problemlos, dass die einzelnen Abschnitte der Narration in ihrer Beschwingtheit mitunter stark variieren und so die Abmischung von Ruhe und Bewegung nicht immer ideal ist. Gravierender ist möglicherweise, dass bei aller Lässigkeit, Coolness und Energie die Tiefe der Figuren nach hinten hinaus zu dürftig erscheint für die Botschaften, deren Potenzial hier schlummert, weshalb der Film wohl auch bewusst in den letzten 15 Minuten arg zusammenfassend die letzten Kapitel abklammert und hastig endet. Es ist eher die Zärtlichkeit, die Sorgfalt für die Wünsche und Ideale der Jugendlichen, die „Tschick“ so sympathisch und ehrlich machen, die ihm seinen Charakter verleihen. „Tschick“ setzt sich für seine Zielgruppe ein, und das unprätentiös und unkompliziert, dabei gerne bewusst vereinfachend und seicht gehalten, aber immer spaßig und mit dem Blick nach vorne.

Fazit: „Tschick“ ist Roadmovie-Kino für kleine und große Jungs und eine der glücklichen Ausnahmen, bei denen im Verhalten der großartig gespielten 14-jährigen Sympathieträger nicht der Blick Erwachsener von oben herab durchschimmert, sondern ein glaubwürdiger Querschnitt in das Denken der Jugend vorgenommen wird, von dessen Unschuld und Naivität die Kraft des Films maßgeblich ausgeht. Dennoch bleibt seitens der Leserschaft die drängende Frage: „Braucht man diesen Film?“ Und hier muss die Antwort klar lauten: Und wie man das tut! Denn obgleich Fatih Akin den geschriebenen Worten Wolfgang Herrndorfs nicht viel hinzuzufügen hat, so versteht er es, den Zuschauer für 89 Minuten noch einmal mitzunehmen in die Welt von Maik und seinem Freund Tschick, in der die Walachei, in der „sehr weit weg“, auch mal ganz nah dran sein kann.

Bildnachweis: © digitalEPK

– verfasst von Michael H.

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