Unsane – Kritik

Voller Stolz stellte Steven Soderbergh auf der Berlinale 2018 seinen neuen Film vor. Zurecht gilt er Filmkennern derzeit als einer der spannendsten Indie-Regisseure aus den USA: Dank seiner eigenen Produktionsfirma hat sich Soderbergh längst vom US-Studiosystem verabschiedet und sich selbst mit großer kreativer Freiheit ausgestattet. So ist es ihm möglich, filmisch eigensinnige Experimente einzugehen. Sein neuestes – „Unsane“ – ist besonders eines der technischen Art. Fast schon heimlich drehte Soderbergh diese Horrorsatire mit TV-Star Claire Foy mit einer kleinen Crew in nur zwei Wochen ab – und das nicht mit Filmkameras, sondern vollständig mit iPhone-Kameras. Die in Smartphone integrierten Kameras liefern mittlerweile so überzeugende Bildqualität, dass sie von Digitalkameras kaum zu unterscheiden sind. Ein Coup, für den der Regisseur zurecht viel Lob erhielt. Leider jedoch zeigt ausgerechnet er mit „Unsane“ umso deutlicher auf, wie weit technisches Können und erzählerisches Geschick auseinander liegen können.

Auch wenn es für den Laien so klingen mag: „Unsane“ mit dem Handy zu drehen, ist für Soderbergh keinesfalls eine ökonomische Einsparungsmaßnahme, sondern eine bewusste stilistische Entscheidung. Ästhetisch unterstreicht der immer etwas verschroben und amatuerhaft aussehende Genrebeitrag so mehr denn je die „Do-it-yourself“-Mentalität, die das Lebenswerk Soderberghs immer schon in sich trug. Auch inhaltlich findet die besondere Umsetzung ihre Entsprechung. Als gleich zu Beginn die Kamera mit ihren für Smartphone-Aufnahmen üblichen leichten Verzerrung, matschigen Farben und ausgebrannten Kontrasten aus der Ferne die Protagonistin Sawyer verfolgt, entfaltet das eine beunruhigend voyeuristische Wirkung. Wenig überraschend also, wenn man später erfährt, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Stalker-Geschichte handelt. Doch damit fangen die Probleme an: Was „Unsane“ eigentlich sein will, schwebt die ganze Zeit im luftleeren Raum. Einerseits folgt er nach der kurzen Exposition, in der Sawyer aufgrund einer überinterpretierten Aussage zur eigenen Suizidgefährdung zu Unrecht zwangseingewiesen wird, dem gängigen Schema des Psychiatrie-Horrors, andererseits will er zudem auch eine Stalker-Geschichte, eine Schwarze Komödie und einen politischen Kommentar auf das US-Gesundheitswesen unterbringen. Besonders bei letzterem überschätzt sich die Regie komplett. Dass die Patienten in der Irrenanstalt nur so lange als krank gelten, wie ihre Versicherung für sie den Aufenthalt zahlt, hätte als Ansatz viel Potenzial, gerät aber grotesk schnell wieder unter den Genreklischees in Vergessenheit.

An dem Gefühl des unfreiwilligen Freiheitsentzugs, eine der Urängste der Menschheit, ist die Regie eher wenig interessiert. Zu viel anderes will untergebracht werden – und zu viel muss das Drehbuch der Autoren Jonathan Bernstein und James Greer konstruieren, um die Weichen dafür zu stellen. Darunter leidet auch die kaum merkliche Dramaturgie. Bis auf Sawyer wird keine der Nebenfiguren ausgearbeitet. Ihre Mutter, ihr Freund in der Klinik, das Ärztepersonal und auch ihr – möglicher – Stalker bleiben Schablonen, denen keine psychologische Entwicklung gestattet ist. Diese Stereotypisierung wird besonders bei den Klinikinsassen zum Problem: In der Darstellung der psychisch Kranken arbeitet Soderbergh mit üblen und teils diskriminierenden Klischees, die seine Erzählung so surreal anmuten lassen, dass sich echter Horror nicht einstellen mag. Auch die angedeutete und potenziell spannende Frage, ob Sawyer wirklich gestalkt wird oder (tatsächlich dem Wahn verfallen) sich ihren Peiniger nur einbildet, wird überraschend und abrupt früh aufgelöst, hier opfert der Film einen Twist zu Gunsten eines finalen letzten Drittels, dass an generische Slasher-Movies erinnert. Schauspielerisch fällt da logischerweise einzig Claire Foy in der Hauptrolle auf, und obgleich ihr nötiges Chargieren sie mehrmals beinahe zur Scream-Queen degradiert, so ist sie der vielleicht einzige Grund, warum es sich lohnen könnte, die überraschungsarme Handlung zu verfolgen, strahlt sie doch eine mehrschichtige Präsenz aus, die ihrem Auftreten etwas fesselndes verleiht.

Tonal ist das alles wenig geglückt. Die schwarzhumorige Ironie, dass die, die am Lautesten betont, normal zu sein, am Ende am Schnellsten in der Gummizelle landet, beißt sich mit den unaufhörlichen Wendungen, die zu offensichtlich kalkuliert nur darauf hinauslaufen, Sawyers Klinikaufenthalt möglichst in die Länge zu ziehen. Die offenbar angestrebte B-Movie-Atmosphäre stellt sich deshalb nicht ein, weil es an Eigeninitative fehlt. Zu vieles ist schlicht Zitat oder Unentschlossenheit. Wirklich ärgerlich gerät der zu lang gedehnte Abschluss, der zeitweise das Täter-Opfer-Schema gar konterkarieren will und provokant die These in dem Raum stellt, ob jenes institutionelle System, welches psychopathische Züge unterdrücken soll, nicht genau die Monster hervorruft, die es eigentlich bekämpfen will. Sensibel ist das nicht, und müsste es auch nicht sein, wird aber genauso schnell wieder auf dem Altar der Horrorgesetze geopfert wie es aufkam. Hier gleichen sich Film und Protagonistin erstaunlich stark: So wie bei Sawyer jeder Akt des Widerstands gegen die Klinikregeln zu mehr Tabletten, Sedierung oder Fixierung führen, so ist auch „Unsane“ je eigenwilliger er stilistisch wirkt umso fester im Hollywood-System verankert. Nichts zeigt das deutlicher als ein kurzer Cameo eines großen Filmstars, der vollends aus der Independent-Stimmung reißt und offenlegt, wie sehr Soderbergh hierin nur eine technische Fingerübung sah und wie wenig er dafür an den Charakteren und Handlungen interessiert ist.

Fazit: Wenn Steven Soderbergh auf der Berlinale von seinen Handy-Erfahrungen spricht, hat das fast etwas von Schwärmerei. Wieder mit richtigen Kameras zu arbeiten, sei für ihn kaum vorstellbar, erzählte er. Es fällt auf, wie wenig er dabei aber über seinen eigentlichen Film spricht. Diese Beobachtung erweist sich als entlarvend. „Unsane“ beutet nicht einfach nur die moderne Selfie-Ästhetik des iPhones aus, sondern erliegt selbst der narzisstischen Ideologie der Generation Smartphone. Zumindest eines kann man Soderbergh aber zu Gute halten: Für junge Filmemacher kann „Unsane“ motivierend sein. Jeder kann einen Film auf die große Leinwand bringen, und das nur mit dem, was heute alle in der Hosentasche tragen. Dabei darf man nur bitte nicht vergessen, eine spannende und nachvollziehbare Geschichte zu erzählen.

verfasst v. Michael Hille

Bildnachweis: © 2000-2018 20th Century Fox

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