Jun 11 2016

Whiskey Tango Foxtrot (90%) – Kritik

Kriegsreporter leben jeden Tag in schrecklicher Angst und in großer Gefahr und das alles nur, um die Welt ein Stückchen besser zum machen, um beispielsweise im nahen Osten dafür zu sorgen, dass die „dekadente“ westliche Zivilisation nicht wegschaut, sondern informiert ist über das Leid, welches den Menschen dort widerfährt. Doch was passiert, wenn dieser eigentliche Sinn verloren geht, wenn der einzige Grund für die Anwesenheit der Reporter die überzogene Selbstdarstellung des Westens selbst ist? Wie schnell ist man als Reporter bereit, seine Existenz über Leichen gehend zu rechtfertigen und wie lange dauert es, bis einem die Zustände des Landes, in dem man sich befindet, drohen, gleichgültig zu werden? Als die USA 2003 ihren Irakkrieg beginnen und die in Afghanistan stationierten Reporter dorthin versendet werden, soll jemand aus der zweiten Garde deren Platz einnehmen. Kim Baker, gespielt von der berühmten Komikerin Tina Fey, meldet sich freiwillig … und das Ergebnis ist eine fantastische Medien- und Kriegssatire, nach einer wahren Geschichte.

„Whiskey Tango Foxtrot“, eine militärische Verschlüsselung des Ausrufs „What The Fuck“, erzählt dabei basierend auf Bakers Memoiren ihre 4-jährige Zeit in Kabul und verzichtet auf einzigartige Weise auf alle nur erdenklichen Klischees, die man einem solchen Stoff erwarten dürfte. Obwohl Baker der Islam und die afgahnische Kultur fremd sind, verfällt das Regieduo Glenn Ficarra und John Requa nicht dem Drang, simple „fish out of water“-Witzeleien nach Schema F abzukurbeln, sondern setzen sich pointiert und differenziert mit der grotesken Überzogenheit der militärischen Stärke auseinander. Als Baker während eines Einsatzes aussteigt, um in der Wüste in einen Busch zu pinkeln, wird sie dabei von mehr als 7 dreifach gepanzerten und schwer bewaffneten Soldaten bewacht, bei einem Angriff zweier Talibans werden diese vom deutlich überlegenen US-Militär großzügig mit einer 80.000 Dollar teuren Rakete niedergeschossen – man hätte die Waffe ja ohnehin nicht mehr gebraucht. Der von Billy Bob Thornton herrlich überzogen gespielte Marine-Corps-General achtet penibel darauf, dass jede noch so kleine Aktion die Selbstsicherheit und Überlegenheit des Militärs eindrucksvoll unter Beweis stellt, im Geheimen erfährt Baker dann jedoch von einem Soldaten aus Einheit 5, dass dieser seine Waffe sowieso gar nicht mehr lade. Und auch ihre einzige weibliche Kollegin vor Ort ist weniger an den politischen Wirrungen der Nation interessiert, sondern mehr daran, auf der nächsten großen Party in der Unterkunft der Reporter ihre Leibgarde ins Bett zu kriegen.

Diese Egalhaltung scheint Baker zuerst fremd, doch mit jeder weiteren Party und jedem weiteren redundanten Militärgehabe stürzt sie über die Jahre immer tiefer in die Gleichgültigkeit. Ein Polizist ballert nachts mit seiner Kanone mehrmals in den Himmel, nur um sich eine Zigarette anzuzünden? Gähn. Der Justizminister (gekonnt überdreht: Alfred Molina) bittet sie zu einem Schäferstündchen in seinem Büro? Nett lächeln und höflich ablehnen, er könnte einem ja nützlich sein. Worin der Sinn des Krieges und der unzähligen hingeschluderten Reportagen liegt? Egal, hauptsache, man wird nicht direkt wieder an den heimischen Schreibtisch verdammt. Das grandiose satirische Potenzial von „Whiskey Tango Foxtrot“ liegt nicht in offensichtlichen Kalauern oder bitterbösen zynistischen Phrasen, es liegt im Detail verborgen und dem großartigen Cast wie der stilsicheren Regie ist es wohl zu verdanken, dass dieses Potenzial vollständig genutzt wird. Fey liefert eine humoristisch sehr souveräne wie auch emotional ergreifende Performance ab, ihre beiden wichtigsten Co-Stars können allerdings regelrechte Begeisterung auslösen. Margot Robbie spielt die Kollegin Tanya mit unglaublichem Charisma und einer geglückten Betonung ihrer jungen Reize im Vergleich zur deutlich älteren Fey, und Martin Freeman präsentiert sich widerlich wie nie zuvor als sexistischer schottischer Journalist, der im Lauf der Handlung sich allerdings (wie alle in Kabul) ideologisch wie menschlich verändern muss, um das Grauen des Todes, das im Hintergrund stets präsent bleibt, zu überspielen.

Jenes Überspielen setzen Ficarra & Requa so in Szene, als befänden wir uns in einer Jugendherberge irgendwo auf einer Klassenfahrt von Teenagern. Sexeskapaden, peinliche Alkoholabstürze, kindische Gerüchte und eine selbsttäuschende „Nach uns die Sinnflut“-Einstellung bestimmen den Alltag – dennoch vergisst die Regie nie, ihre Geschichte zu entwickeln, insbesondere eine Stelle, in der der Tod dann plötzlich aktiv ins Geschehen eingreift, darf zu den besten des Kinosommers 2016 gezählt werden. Ohne große musikalische Verdeutlichung oder erhobenen Zeigefinger kommt es bei einem Drohnenangriff zu einer Katastrophe, die von den beiden Reporterinnen im Nachhinein trotz Verletzungen und verstorbenen Kollegen lediglich mit einem kurzen Innehalten „kommentiert“ wird. Danach geht es weiter wie bisher. Wer hier eine kritische Inszenierung erwartet, wird enttäuscht. Auch der Film zeigt dies erschreckend nüchtern und vergisst dieses Geschehen nach wenigen Minuten sofort wieder – und genau hier liegt die Satire. Mit denkbar einfachsten Mitteln hält „Whiskey Tango Foxtrot“ dem immer schnelllebigeren konsumierendem Publikum, welches sich zuhause auf dem Sofa nach einem Exklusivbericht über Todesopfer in Kriegen gemütlich bei einen Kriminalfilm bequem macht, den Spiegel vor – und das so selbstverständlich, dass es (wie auch auf Filmhandlung den Protagonisten) nur wenigen auffallen wird.

Fazit: Zwischen all den großen Action-Blockbustern und mit Stars besetzen Hochglanzcomedys des Kinosommers 2016 versteckt sich mit „Whiskey Tango Foxtrot“ ein leiser Filmgenuss, der die Aufmerksamkeit seiner vielen Konkurrenten absolut verdient hätte und ohne erkennbare Mühen mit der Leichtigkeit einer Komödie und der sekundenschnell aufkommenden Ernsthaftigkeit eines Dramas aufzeigt, wie nah Schrecken und Gleichgültigkeit in Extremsituationen beieinander liegen können – und sich dabei sehr genau mit der Historie auseinandersetzt. Exzellent besetzt und formal bravourös umgesetzt, ist es gerade das Fehlen einer „WTF“-Inszenierung seitens des Filmes, die diesen Ausruf im Kopf des Zuschauers erzeugt und leben lässt. Das man am Ende sogar dem Hang widersteht, die tatsächlichen Geschehnisse künstlich dramaturgisch ins Spektakuläre abgleiten zu lassen, ist wunderbar und ehrlich, dass es in den allerletzten Szenen dann doch auch mal etwas rührseliger werden darf, verdient und angemessen. Ein kleiner Film, aber ein ungleich bedeutender.

– verfasst von Michael

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

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