Wonder Wheel – Kritik

Coney Island washboard she would play | You could hear her on the boardwalk every day„… „Coney Island Washboard“, in der Fassung der Mills Brothers von 1932, eröffnet und beendet den Reigen aus Familienproblemen, Liebesaffären, versandeten Träumen und poetischen Herzschmerz-Bekundungen. Filmkenner wissen: Wenn diese Themen bei klassischer Musik zu einem Konglomerat vereint und das ganze zusätzlich mit Hollywood-Stars arrangiert präsentiert werden, kann nur Autorenfilmer Woody Allen seine Finger im Spiel haben. Dieses seiner Werke, „Wonder Wheel“, mag aus dem Jahr 2017 stammen, doch entführt in die 1950er des New Yorker Vergnügungsparks Coney Island, der hier absolut perfekt und mit viel Liebe fürs Detail wieder auflebt: Prall gefüllte Strände, Modekatalog-Outfits soweit das Auge reicht, ein Geruch von Zuckerwatte, und das titelgebende Riesenrad, dessen unbeirrtes Auf-und-Ab-Kreisen Allen zur perfekten Metapher für die kleinbürgerlichen Charaktere und ihre Schicksale dienen wird.

Direkt bei dem „Wonder Wheel“ auf Coney Island leben sie, über einem Schießbudenstand: Ginny, die einst Schauspielerin werden wollte, aber deren Traum zerplatzte, als sie ihre Ehe für eine Affäre wegwarf und deren Sohn aus Frustration über den Verlust des Vaters zum jugendlichen Brandstifter wurde. Humpty, ihr neuer Mann, der dem Alkoholismus verfallen und zum aufbrausenden Choleriker ohne höhere Ziele verkommen ist. Und Carolina, Humptys Tochter aus erster Ehe, die vor ihrem Ex-Mann und der Mafia flüchtet und um ihr Leben bangt. Familiäre Probleme liegen da auf der Hand. Eine der schönsten Überraschungen des Drehbuchs ist jedoch, dass sie schon zu Beginn einen Hitzegrad erreichen, der die im Raum stehende Anspannung immer wieder zur Explosion treibt. Konflikte werden nicht zu Gunsten der Erzählung aufgeschoben, stattdessen brechen grobe Beleidigungen, herablassendes Stöhnen und geballte Fäuste regelmäßig aus der Kleinbürgerlichkeit der Figuren aus. Das angenehm rhythmische, wenngleich inhaltlich vorhersehbare Hin und Her in den zwischenmenschlichen Beziehungen leistet Altmeister Woody Allen mit einer Versiertheit, die kaum noch von Lässigkeit zu unterscheiden ist und gelegentlich zur Selbstironie taugt.

Sein üblicher Dialogstil, dem immer eine Theaterhaftigkeit anmerkbar ist, mag eigentlich besser zur intellektuellen Oberschicht passen, doch Allen umgeht das Problem ganz cool, ohne viel Aufsehen: In einem einleitenden Monolog erklärt der Bademeister Mickey direkt in die Kamera, dass er als Erzähler der Geschichte und begeisterter Poet wie Romantiker das folgende Melodram gehörig ausschmücken werde. Diese (nicht immer konsequente) Erzählperspektive durch Mickey erweist sich durchaus als Problem: Mickey, mit dem Ginny eine Affäre eingeht, ist klarerweise eine Projektionsfläche, mit der sich der Regisseur besonders identifizieren mag. Doch anders als Ginny, Carolina und Humpty wächst Mickey nie zur empathischen Figur heran. Er bleibt konturlos und ein eindimensionaler Träumer, der sich nicht entwickeln darf, ist zudem mit Popstar Justin Timberlake gnadenlos fehlbesetzt. Dafür brilliert der restliche Cast umso mehr: Juno Temple spielt Carolina mit wunderbar pointierter Naivität, Kate Winslet versinkt komplett als sich selbst bemitleidende Hausfrau Ginny und artikuliert die verquasesten Allen-Monologe kraftvoll authentisch, und Jim Belushi brüllt sich die Ekstase aus dem Leib und hat richtig Spaß, den Wüterich Humpty zu spielen, dessen Name nicht nur wegen Belushis grotesker Körperfülle an die fiktive Figur Humpty Dumpty aus einem englischen Abzählreim erinnert. Denn das Ei, das von der Mauer fällt und selbst von allen Männern des Königs nicht mehr zusammengesetzt werden kann, ist auch ein Hinweis auf die unweigerliche Tragik, auf die diese Figuren zusteuern. Ihr vorübergehendes Glück ist so zerbrechlich wie es ihr Leben ist, und unweigerlich werden sie am Schluss der Geschichte alle daran erinnert werden.

Nostalgie und Tragik: Diese zwei Schlüsselelemente im Spätwerk von Woody Allen funktionieren in „Wonder Wheel“ vor allem dank der kunstvollen Lichtregie von Kameramann Vittorio Storaro. Er betont mit bunt leuchtenden Farben das künstliche und theatralische des Plots, nutzt die Kulissenhaftigkeit des Vergnügungsparks, um etwas über die Figuren zu verraten. So taucht er Ginny auf dem Höhepunkt ihrer Affäre mit Mickey in ein leidenschaftliches Rot, während die kühle Schönheit der blonden Carolina ein fröstelndes Blau erhält. Später dominieren naturalistische Aufnahmen, deren Nüchternheit die Trostlosigkeit der Realität eindrücklich herausarbeiten. Doch so wunderschön der Film ausgeleuchtet und so bewährt er inszeniert sein mag, lässt er nicht ganz den Eindruck weichen, dass die Erzählung pure Routine ist, und auch der tragische Wendepunkt sich zu Teilen berechnend anfühlt. Allen ist ein Könner seines Fachs, doch vielleicht ist „Wonder Wheel“ unterm Strich etwas zu mechanisch erzählt, etwas zu gewollt. Große Überraschungen bleiben aus, wichtiger ist aber, dass die Figuren nie wirklich zum atmen kommen, immer als Handlungs-Bausteine getrieben wirken. Dem Unterhaltungswert tut das keinen Abbruch, der große Wurf bleibt dadurch aber leider aus. Auch, wenn der finale Monolog von Kate Winslet emotional unerwartet böse und unverhofft präzise ins Schwarze trifft.

Fazit: Wo Woody Allen drauf steht, ist Woody Allen drin. Zuverlässig wie ein Uhrwerk weiß der 82-jährige Filmmacher ein klassisches Personenstück in besten melodramatischen Tönen aufzuziehen, dass dank bravourösen Schauspielern und ausgeklügelten Farbkompositionen angenehm melancholische Unterhaltung garantiert. Mehr als das bietet „Wonder Wheel“ in 101 Minuten nicht, viel mehr als das will er aber auch gar nicht bieten. Das Leben selbst ist schließlich manchmal auch nicht mehr als seine eigene Essenz. Da können die Dramatiker, Poeten und Philosophen dieser Welt noch so nachdenklich über moralische Ideale, die unendliche Reinheit wahrer Liebe und den Einfluss des Schicksals auf unser Dasein schwafeln. Eine falsche Entscheidung, und schon spielt all das keine Rolle mehr. Dann gibt es nur noch uns und unsere Schuld. Diese Erkenntnis schmeckt auch am Ende von „Wonder Wheel“ wieder bitter – ganz ohne das Rad neu zu erfinden. „Coney Island washboard she would play | You could hear her on the boardwalk every day„…

verfasst v. Michael Hille

Quelle/Filmdaten: http://www.imdb.com/

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